Paris II

Nach der Landung kam ich doch noch mit dem jungen Afrikaner ins Gespräch. Ich sah ihm die Erleichterung an, dass der Flug erfolgreich zu Ende gebracht war. Er lachte mich an und sagte, es sei halt sein erster Flug gewesen. Er kam, wie er mir mitteilte, aus dem Senegal und reiste nach Frankreich, um in Lille ein Masterstudium in Betriebswirtschaft zu beginnen. Es war seine erste Auslandsreise, zum ersten Mal außerhalb Afrikas, zum ersten Mal in Europa. Am liebsten würde er hier nach dem Studium einen guten Job finden, erzählte er mir, und nur noch auf Besuche in den Senegal zurückkehren. Er kam aus einer gutsituierten Familie, das war ihm anzusehen, schließlich flog er in der ersten Klasse. Trotzdem war er bescheiden, bedankte sich mehrere Male, dass ich ihn so freundlich „in Europa willkommen geheißen habe”. Er freute sich, war aber auch etwas nervös. Ein neuer Lebensabschnitt begann.

Stendhal. Bei „Lamiel” handelt es sich um einen unvollendeten Roman, oder noch besser gesagt: um die erste und einzige Fassung eines geplanten Romans, den der Autor aber nicht mehr fertig schreiben konnte. Soviel entnehme ich dem Nachwort, das eigentlich ein Vorwort sein sollte. Würde es sich bei meiner Kopie nicht um eine alte DDR-Ausgabe handeln, würde ich denken, dass der Verlag die entsprechenden Anmerkungen des Übersetzers ins Nachwort verbannt hat, damit sich der „Roman” besser verkaufte. – Ich hatte im Flugzeug etwas mehr als eine Stunde Zeit, um in meinen „ersten Stendhal” zu lesen. Die Lektüre fasziniert mich. Das Buch ist ein Einblick in die Arbeitsweise eines Autors von Weltrum. Eigentlich handelt es sich ja nicht um den ersten, sondern um den zweiten Entwurf, denn der Autor schrieb den Text in wenigen Monaten nieder und diktierte ihn dann seinem Sekretär zur Abschrift. Trotzdem ist offenkundig, dass es sich um einen frühen Entwurf handelt. Zwei Kapitel lang hat ein Erzähler das Sagen, erzählt aus seiner Perspektive. Dann verschwindet er; kündigt sogar an: Ich ziehe mich nun zurück. Danach werden gewisse Figuren zum zweiten Mal eingeführt, zum Teil mit denselben Beschreibungen. Der Autor hat sich in diesem Entwurf bemüht, die Geschichte zu Papier zu bringen. Aber die Fassung ist noch roh. Die einzelnen Teile hängen erst lose zusammen. Sogar die Sprache ist noch ungeschliffen. Nicht die einzeln Sätze, aber der Zusammensetzung zum Text. – Wie so oft, wenn ich einen Roman aus dem neunzehnten Jahrhundert lese, fällt mir auf, wie lächerlich die Menschen damals waren. Oder wie lächerlich sie sind. Sein bedeutet wenig, der Schein ist alles. Damals wie heute.

Taxifahrt. Jede Stadt hat ihre Taxifahrer. Erstaunlicherweise hat die Qualität und die Ordnungsliebe der jeweiligen Stadt wenig mit ihren Taxis zu tun. So gehören das Taxigewerbe in der ordentlichen Schweiz zu den schlechtesten Europas. Die angenehmsten Taxis findet man in den Städten, wo das Taxifahren ein richtiger Beruf ist. Der Beruf eines Familienvaters. Ganz oben stehen Madrid und London, wo die meisten Taxifahrer Teil der Gesellschaft sind, keine Studenten und Neuankömmlinge. Auch in Amsterdam hatte mir gut gefallen, wo ebenfalls geborene Holländer Taxi fahren. Auch viele Holländer mit Migrationshintergrund (im Gegensatz zu Madrid und London). Außerdem ist in Amsterdam jedes zweite Taxi ein Tesla. In Paris ist das Taxigewerbe ein bunter Strauß: black, beur et blanc. Auch die Qualität der Autos, die am Flughafen, angesichts der langen Schlange, viel zu langsam eintröpfelten, war sehr unterschiedlich. Beim Taxi das um die Kurve kam, als ich an der Reihe war, handelte es sich um den klapperigsten aller bis dahin aufgetauchten Wagen. Der Fahrer war ein alter Chinese mit starkem Akzent. Er fragte mich, ob ich „un gps” auf dem Handy habe, um ihm zu helfen, den Zielort zu finden. Montmartre fand er selbst. Dann leitete ich ihn an, bis wir genau vor dem Sacré Coeur standen.

Montmartre ist ein wunderschönes Quartier. Man hat aber das Gefühl, sich im Disneyland zu befinden. Touristen soweit das Auge reicht. Falsche Maler, die immer nur das Sacré Coeur malen, sitzen auf kleinen Stühlen. Im Hintergrund dudeln tatsächlich Akkordeons. Die Restaurants sehen malerisch aus, aber man ahnt, dass Pariser einen weiten Bogen um diese Touristenfallen machen. Da ich zu müde war, um das Quartier nochmals zu verlassen, aß ich an einem Imbiss eine Crêpes mit Schinken, Ei und Pilzen. Sie schmeckte nach nichts. Sogar eines dieser schrecklichen Touristenzüglein fährt durchs Quartier. Erwachsene Menschen sitzen darin wie Kinder und machen Fotos auf ihren Handys. Ein paar Hobbyfotografen haben riesige Kameras um den Hals hängen, machen damit aber genauso langweilige Bilder wie die Handy-Photographen.

Den gewieftesten Touristen-Photographen traf ich auf den Champs-Élysées. Ich sah, wie er an einem Kiosk eine Postkarte vom Eiffelturm abfotografiert, und das, obwohl die Spitze des echten Eiffelturms hinter den Häusern hervorspähte. Ich fragte ihn, ob er zu Hause behaupten würde, er habe dieses selbst Foto gemacht. Natürlich, sagte er lachend. Er fotografiere immer von Postkarten und aus Büchern, wenn er auf Reisen sei. Bei seinen Freunden in Kanada sei er als sehr guter Urlaubs-Fotograph bekannt.

Kaffee. Erfreut stellte ich fest, dass die Pariser Kaffees, wirklich so gut sind, wie ich es in Erinnerung hatte. Als ich 1998 hier studierte, hatte ich zum ersten Mal jeden Tag einen Kaffee getrunken. (Auch meinen ersten Kaffee überhaupt hatte ich in Paris getrunken, in einem Café beim Gare du Nord. Das war 1994. Draußen war es kühl und der Kaffee war das billigste Getränk auf der Karte.) 1998 dann trank ich jeden Morgen, an einer Theke stehend, einen Kaffee. Ich hatte gehört, wie die Pariser „un éxpress” rufen und tat es ihnen gleich. Man reichte mir daraufhin eine kleine Tasse mit einem schaumigen, nicht zu kurzem Espresso. Ich trank ihn und spürte, wie ein Energieschub durch all meine Glieder bis ins Herz und ins Gehirn fuhr. Damals stellte ich fest, dass Koffein meine Lieblingsdroge ist. Das hat sich bis heute nicht geändert. Die Kaffees sind auch immer noch sehr billig. Sogar auf den Champs-Élysées kostet ein éxpres nur einen Euro dreißig, genauso wenig wie in Alcorcón.

Der französische Kaffee ist also noch genauso gut, wie ich ihn in Erinnerung hatte. Paris aber ist noch aufregender und freundlicher und schöner, als ich es in Erinnerung hatte. 1998 hatte ich Paris geliebt, und eigentlich auch 2003, als ich nochmals ein paar Monate hier verbrachte. Seither aber mögen die negativen Nachrichten von Bomben und Angriffen auf Juden und brennenden Autos mein Parisbild getrübt haben. Das wurde jetzt aber wieder korrigiert. Paris ist eine hervorragende Stadt. Vielleicht die lebenswerteste Europas.

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