Paris I

Ich sitze unten am Küchentisch des Appartements, in dem ich für drei Nächte in Paris ein großes Zimmer belege. (“Suite” hieß es auf Booking.com, was aber ein wenig übertrieben ist.) Im Zimmer über der Küche ein nicht mehr ganz junges amerikanisches Paar. Sie sind eigentlich in meinem Zimmer: als Amerikaner hielten sie den ground floor für den first floor und zogen ins falsche Zimmer ein. Meine “Suite” ist jetzt also die im zweiten Stock, wo ich eine bessere Aussicht habe. Die Amerikaner scheinen auf der Hochzeitsreise zu sein. Auf ihren Gesichtern lag noch das Glühen der Frischvermählten. Ab und zu dringen entsprechende Geräusche zu mir herunter.

Es ist Viertel nach sieben. Ich werde bis acht Uhr notieren, dann mache ich mich auf den Weg zur Konferenz. Ich habe einen schwachen, „falschen Nespresso“ getrunken, freue mich aber auf den Pariser éxpres, denn ich unterwegs zum Palais de Congrés an irgendeiner Theke stehend, trinken werde.

In der Metro (in Madrid) und am Flughafen las ich Paul Nizons „Jahr der Liebe“ zu Ende, ein Buch in dem es um nichts als um den Autoren selbst geht, und um die Stadt Paris, aber die Stadt und der Autor durchdringen sich; er nimmt sie in sich auf und so werden auch Stadtbeschreibungen zur Selbstbeobachtung. Ein Parisbuch also, unterwegs nach Paris. Zufall.

Der Flug war ruhig und kurz. Ich saß dank einem ausgabefreudigen Kunden in der ersten Klasse auf dem Platz 1F, der Platz in der Mitte, blieb, wie auf Europaflügen in der ersten Klasse üblich, leer und am Gang saß ein junger Schwarzer, der mich freundlich und fast etwas scheu grüßte, als er sich hinsetzte. Beeindruckt äußerte er auf französisch ein paar Sätze, in denen er zum Ausdruck gab, wie sehr ihm dieser Platz gefalle. Ich fand es merkwürdig, dass er in der ersten Klasse saß, weil er einer jener gefleckten Plastiksäcke bei sich trug, wie man sie oft bei Reisenden aus armen Ländern sieht, früher waren Osteuropäer mit solchen unterwegs, heute aber vor allem Afrikaner. Auf alle Fälle passte diese Billigtüte nicht zum Platz 1D. Sein Erscheinen aber schon: Er war hochgewachsen, mit dunkler Brille und gut, aber konservativ angezogen, ungefähr wie ein Student der Rechtswissenschaften. Ich unterhielt mich dann aber während des ganzen Fluges nicht mit ihm, sondern lass Stendhal – also noch ein Buch aus Frankreich, wiederum Zufall. Manchmal späte ich zum jungen Mann hinüber; er war mit geschlossenen Augen und gefalteten Händen ins Gebet vertieft, so innig, wie man das bei Europäern kaum mehr sieht. Ich dachte mir, dass es sich beim um einen Afrikaner handeln musste, keinen Schwarzen aus Frankreich.

Das Lesen in Lamiel“ machte den Flug sehr kurzweilig. Ich habe „Rot und Schwarz“, das Hauptwerk Stendhal nicht gelesen und weiß eigentlich auch nicht sehr viel über ihn, hatte aber „Lamiel“ vor ein paar Wochen in einer Kiste mit ein paar Büchern in Berlin gefunden, die, wie dort nun in Mode, auf die Straße gestellt worden war, damit Passanten sich bedienten, sollte sie irgendetwas interessieren. Ein Straßengeschenk wird das genannt. Mich interessierte Stendhal, weil es sich bei ihm um einen klassischen französischen Realisten handelt, vielleicht ungefähr mit unserem Fontane vergleichbar, der allerdings etwas jünger war. Über die genauen literaturwissenschaftlichen Zusammenhänge bin ich mir da nicht sicher. Beim Buch handelt es sich um die Ausgabe für die DDR aus dem Jahre 1957, gedruckt mit Genehmigung des westdeutschen Verlags, welcher die Neuübersetzung veranlasst hatte. Ich dachte mir: Wenn solche Bücher zu haben sind, läßt’s sich auch in einer kommunistischen Diktatur recht gut leben, man muss sich einfach ganz aus den öffentlichen Angelegenheiten zurückziehen (als Waldgänger sozusagen) und einen Beruf ergreifen, der möglichst nicht politisiert und trotzdem angesehen ist (also beispielsweise eher Arzt als Anwalt).

Es machte mir viel Spaß, Stendhal zu lesen. Jetzt sitze ich auf dem Sofa meines Appartements (nicht mehr unten in der Küche). Vor mir liegt ein Fenster, durch welches ich, von Bäumen halb verdeckt, den unteren Teil der weißen Kuppel des Sacré Coeur sehe. Darunter drei Kreuze wie auf dem Hügel Golgota: Jesus und die zwei Verbrecher – alle drei drehen mir den Rücken zu. Stünde ich auf und träte ans Fenster, würde ich gleich darunter einen kleinen Friedhof sehen, dessen Gräber sehr alt aussehen. Auch Stendhal liegt hier in Montmartre vergraben, aber nicht auf diesem winzigen, zwischen Hinterhöfen eingeklemmten Friedhofflecken, sondern ein paar Minuten entfernt auf dem großen Hauptfriedhof des Stadtteils.

Es gäbe noch von der Lamiel-Lektüre, vom jungen Afrikaner, mit dem ich mich dann doch noch unterhalten hatte, von der Taxifahrt nach Montmartre und von Montmartre selbst zu berichten, aber dazu später. Jetzt ist es Zeit, mich auf den Weg an die Konferenz zu machen.

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