Nizon

Ich lese Nizon, „Das Jahr der Liebe“. Der Ausbruch des Autors aus der bürgerlichen Existenz mit 46 oder 47 Jahren. Wie Niklaus von der Flüe ließ er eine Familie zurück, schon erwachsene Kinder aus erster Ehe, ein Teenager aus zweiter Ehe (Boris, heute ein reicher, sogar berühmter Inhaber einer Paparazzi-Agentur in Los Angeles); einen bürgerlichen Beruf ließ er zurück, einen Hund, natürlich eine Ehefrau. Im Buch wird klar: Er wollte die Routine von sich schütteln, den Alltagstrott, das Immergleiche. Er sehnte sich nach Freiheit, nach der Freiheit, sich treiben zu lassen im Leben, in den Freiheiten desjenigen, der nur für sich selbst verantwortlich ist. Nizon wollte sich an der Welt zu reiben und dieses Treiben und Reiben schreibend kommentieren. Eines seiner veröffentlichten Journale heißt: „Die Belagerung der Welt“. Ein aktives Belagern des Lebens also, wie man eine Stadt belagert, weil man sie erobern will, plündern sogar. Dazu werden einem Opfer abverlangt, dem Belagerer, aber natürlich auch der Stadt, es gilt sie auszuhungern. In Nizons Fall musste natürlich die Familie daran glauben, aber das ist nie sein Thema. Nizons Thema ist er selbst, die Not des Belagerers. Er floh nach Paris, bezog eine kleine, geerbte Wohnung, warf also alles über den Haufen und begann noch einmal von vorn. Zunächst war er, so lese ich im „Jahr der Liebe“, sehr einsam. Eine Depression hatte ihn im Würgegriff. Nicht direkt steht das dort so, sondern eingewoben in den Textfluss, ein gewundener Fluss mit vielen kleinen Nebenflüsse. Über Bern schreibt er, wo er aufwuchs, über Zürich, über seine „Schachtelwohnung“ in Paris, wo er schrieb. Nizon schwimmt im Leben wie in einem breiten Fluss, ohne Boot, ohne das Ufer anzustreben, um dort an idyllischem Ort ein Häuschen zu bauen. Paris also kein „Fest fürs Leben“. Auch die Karriere als Schriftsteller, in welcher er sich in zu etablieren begonnen hatte, war ihm abhanden gekommen. Was ihm blieb war das täglich Notieren und daran vermochte er sich schließlich aus den Stromschnellen zu ziehen. Aus diesen Notizen der frühen Pariser Jahre entstand: „Das Jahr der Liebe“.

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