Ersatzbus

Am Mittwochabend fuhr ich mit dem Ersatzbus für die Metrolinie 12, welche zurzeit renoviert wird, nach Móstoles. Der Bus bediente alle Metrostation: Parque Lisoba, Alcorcón Central, Parque Oeste, Universidad Rey Juan Carol und Móstoles Central. Er fährt bis zwei Uhr morgens alle sieben Minuten; hinter meinem warteten schon die nächsten zwei Fahrzeuge. Deren Fahrer beziehungsweise Fahrerin unterhielten sich am Straßenrand und rauchten eine Zigarette, bevor sie ihre nächste Rundfahrt durch den vorstädtischen Süden Madrids in Angriff nahmen. Der öffentliche Transport funktioniert in Madrid und überhaupt in Spanien so gut wie sonst in fast keinem Land Europas. Die Metro, der AVE, aber auch einfach Ersatzbusse für eine U-Bahnlinie in Renovation: alles läuft wie am Schnürchen, schnell, sauber und effektiv.

Obwohl es nicht mehr heiß war, lief die Klimaanlage auf Hochtouren. Die von oben herab blasende Luft war zwar nicht kalt, brauste dafür umso lauter. Ansonsten war es still im Bus; wegen der tobenden Klimaanlage, hätte man sich ohnehin kaum unterhalten können. Außerdem handelte es sich bei fast allen Passagieren um vom Tagwerk erschöpfte Pendler aus Madrid, die mit der Linie 10 aus der Stadt kommend an die Endstation der Linie 10 gefahren waren und nun mit dem Ersatzbus die Weiterreise in ihre Wohnstädte in der südlichen Agglomeration (der sogenannten Zona Sur) unternahmen. Zwischen den verschiedenen Vorstädten herrscht ansonsten kaum Austausch, da sie sich alle mehr oder weniger gleichen. Ich war also einer der wenigen, der nicht aus Madrid kommend nach Móstoles fuhr.

Wegen des Luftzugs zog ich mein Sweatshirt an und legte den Rucksack auf die Oberschenkel, welche immer noch in kurzen Hosen steckten. Ich bin solchen Dingen gegenüber normalerweis zwar nicht sehr empfindlich, hatte mich aber vor ein paar Tagen im auf winterliche Temperaturen heruntergekühlten Aldi erkältet und war nach zwei etwas müden Tagen immer noch rekonvaleszent. Ich hatte ein Buch dabei (das Winterbuch), aber im Bus gelingt mir das Lesen nicht, weshalb ich aus dem Fenster schaute und den planlosen Siedlungsbrei des großstädtischen Randgebietes an mir vorbeiziehen ließ. Wir passierten lange Reihen neun- und zehnstöckiger Wohnblöcke und bogen dann in Richtung des alten Dorfkerns ab, um den herum die Satellitenstadt, in der ich wohne, vor ein paar Jahrzehnten entstanden war. Hier, wo es teilweise wirklich noch wie in einem kastilischen Dorf aussieht, mit niedrigen, dickmaurigen Häusern und sich windenden Gassen, wohnen heute vor allem Pensionäre, Araber und spanische Familie der untersten Einkommensklasse. Der Bus bog dannin Richtung einer Kommerzzone ab, wo Ikea, Mediamarkt und ähnlich Geschäfte stehen, aber auch großflächige Kettenrestaurants, die am Wochenende von Familien belagert werden, welche sich die Zeit mit großen Portionen von Pasta (Muerda la Pasta), asiatischen Gerichten (Wok) oder galizischen Spezialitäten (Espazo Enxebre) vertreiben; die Eltern schlagen sich die Bäuche voll während die Kinder auf den dazugehörigen Spielplätzen und Hüpfburgen einen Riesenlärm veranstalten und sich erst zum Dessert wieder am Tisch melden. Von hier aus fuhr der Bus durch das Niemandsland zwischen der einen und der nächsten Satellitenstadt: hier kreuzen sich die A5, die Autobahn Richtung Extremadura und Portugal, und die äußerste von drei Ringautobahnen, die M50; zwischen breiten Asphaltschneisen, runden Auffahrten und unter den vielen Brücken liegen ein paar verlorene Felder; gleich dahinter, nur einen olympischen Diskuswurf entfernt, aber trotzdem für einen Fußgänger unerreichbar, beginnen dann bereits wieder die ersten Blöcke der nächsten Stadt. Wir verließen die Autobahn, auf welcher der Bus für eine kurze Strecke auffuhr und bogen bei der Stierkampfarena von Móstoles wieder in besiedeltes Gebiet ein. Die Arena ist ein weites Rund, dessen Tribüne auf der einen Seite hoch über die runde Mauer, welche den Stierkampfplatz umgibt, hinausragt, dann aber niedriger wird und auf der anderen Seite nur so hoch wie der Kernbau selbst ist. Die Tribüne ist so angelegt, dass ihr hoher Teil, wo die meisten Zuschauer Platz haben, um fünf Uhr nachmittags, wenn die Stiere vor die Toreros getrieben werden, im Schatten liegt. Auf den billigen Plätzen blendet die Sonne. Nach der Stierkampfarena verlief die Busroute an Reihenhäuser und einem großen Park vorbei zum Hauptbahnhof von Móstoles. Dort lag mein Ziel. Ich stieg aus und ging zurück zum Park, an dem das Heaven’s Door liegt, das Pub, wo ich mich mit Diego traf. Wir treffen uns immer hier; wir trinken Guinness, das hier gut schmeckt, weil es „läuft“ (nicht wie an anderen Orten, wo es in den Fässern absteht, da es kaum jemand bestellt) und essen einen Angus Burger. Anfangs September kann man noch den ganzen Abend lang an den Tischen draußen sitzen.

Wir sprachen über Vieles, unter anderem auch über das heutige Standard-Weltbild, diesen festen Rahmen, durch welchen wir heute auf unser Leben und die menschlichen Angelegenheiten blicken: Es handelt sich um eine seltsame Union aus Kapitalismus, „Wissenschaft“, Humanismus und Liberalismus und hat den Status einer Art säkularen, aber doch dogmatischen Religion erreicht. Diego – der in jungen Jahren selbst mit der der kommunistischen Partei Spaniens geliebäugelt hatte –  erzählte mir, dass die neu-linke Stadtregierung von Móstoles ein lächerliches Graffiti gesponsert hatte, welches nun meterhoch an der Mauer irgendeines offiziellen Gebäudes klebt; auf diesem sind ein paar Menschen zu sehen, welche eben (wenn auch unfreiwillig) diesen neuen Konsens des guten, richtigen Lebens repräsentieren: Stephen Hawkings, eine guatemaltekische Friedensnobelpreisträgerin und ein paar andere . Darunter steht die schon fast an totalitäre Staaten erinnernde Parole: „Gracias siglo XX“ – Danke 20. Jahrhundert!

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