Winterbuch

Ein Buch ist mir zugefallen. Aus Ciempozuelos wurde es mir gebracht, einem an einer südlichen Ausfallstraße gelegenen Vorort. Dort, im kleinen Kaff an der sogenannten Sonnenautobahn (autovía del sol), die ganz bis an die Südspitze der iberischen Halbinsel nach Cádiz führt, soll es einen sozialistischen Bücherschrank geben. Diesem entstammt das Buch. „Der soll nur mal vorbeikommen, wir haben noch viele deutsche Bücher“, soll der verantwortliche Genosse gesagt haben.

Es handelt sich um “Das Winterbuch – Gedichte und Prosa”; ein 1983 erschienenes Taschenbuch. Es enthält – was sonst? – kurze Texte und Lyrik zum Thema ‘Winter’ von klassischen Autoren, aber auch von solchen, die bereits nicht mehr gedruckt werden. In diesem Sinn handelt es sich um ein doppelt nostalgisches Büchlein: es erschien vor fünfdreißig Jahren, lag, so vermute ich, jahrelang verloren herum (vielleicht in der sozialistischen Tauschbibliothek Ciempozuelos), und enthält Texte und Gedichte, die damals schon einen Blick in die Vergangenheit warfen.

Ich lese also, während ich hier im langsam ausklingenden kastilischen Sommer, wo jeden Tag noch die 30 Grad erreicht werden, vor mich hin schwitze und kühlere Tage herbeisehen, alte Texte über die Kälte, den temporären Tod der Natur und die gemütliche Stube, in die man sich schon im Barock zurückzog, wenn draußen die Tage kürzer wurden. Ich lerne, dass noch vor wenigen Jahrzehnten der Winter als der Feind, als der Bringer von Leid und sogar Tod gesehen wurde. Am Genfersee, so lese ich zum Beispiel, wurden die Herrschaftshäuser so gebaut, dass der Blick „hinten heraus“ auf die Rebberge ging und nicht auf den Lac Léman und die Alpen – so sehr waren den Damaligen die Berge, wo der Winter am gnadenlosesten zuschlug, verhasst, dass man sie nicht einmal vom sicheren Zuhause aus sehen wollte. Die alpinen Kurhotels, welche heute im Winter Hochbetrieb haben, hatten noch in die fünfziger Jahre am 30. September ihre Türen geschlossen.

Hier in Spanien könnte man ein ähnliches Buch herausbringen, aber es ginge nicht um den Winter, sondern um den Sommer, wenn alles still steht und Mensch und Natur auf den Regen warten.

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