Erinnerungssplitter

1999 im Flugzeug nach Indien. Der Abflug in Kloten war am Nachmittag; es war ein Nachtflug. Es ging über Mesopotamien und ich dachte: Wahnsinn, ich befinde mich nur zehn Kilometer vom Irak entfernt. Damals herrschte dort unten noch Saddam. Als die Lichter im Flugzeug angingen und wir geweckt wurden, fragte mich die Sitznachbarin, was ich in Indien machen würde. Arbeiten, sagte ich. Das ist keine gute Idee, sagte sie, Indien ist kein gutes Land. Sie war Inderin, sprach mit indischem Akzent, lebte aber in Amerika. Kurz vor der Landung erklärte mir ein anderer Inder (einer der in Indien lebte und sich freute, dass ich in seinem Land arbeiten ging), wie man in Bombay vom internationalen Flughafen zum Inland-Flughafen kam. Es soll einen Bus geben. Später fand ich diesen Bus tatsächlich. Er stand irgendwo in der Dunkelheit. Noch nicht einmal der Chauffeur war da. Die einzige andere Person im Bus war eine junge Deutsche, welche ebenfalls in Indien arbeiten ging. Sie hatte einen Tennisschläger im Handgepäck. Sie machte einen merkwürdigen Eindruck mit ihren blonden Haaren, ihrer deutschen Offenheit (“ich bin so interessiert an dieser Kultur”) gepaart mit der Sorge in ihren Augen, ob der Chauffeur des Buses wohl noch auftauchen werde, und natürlich mit ihrem Tennisschläger. Indien kam mir, nach den wenigen Minuten, die ich es kannte (eigentlich nur den chaotischen Bombayer Flughafen) so exotisch vor, dass ich glaubte, sie spinne. Wer spielte hier schon Tennis? Nach ungefähr einer halben Stunde fuhr der Bus los. Es ging es durch eine dunkle, fremde Stadt. Manchmal sah ich kleine, beleuchtete Ladenlokale vor denen Menschen saßen oder schliefen. Dann wartete ich am kleinen Inlandflughafen auf den Flug nach Bangalore. Ich saß vor einem riesigen Fernseher, auf dem ein 24-Stunden News Channel lief. Die Sprecherin sprach Englisch mit indischem Akzent. Damals kannte man solche News erst von CNN; sie kamen einem hochmodern vor, bei uns schaute man nur die Tagesschau. Ich war von der Professionalität der Sendung fasziniert. Sie passte überhaupt nicht zum Lotterbus zwischen den Flughäfen und zu den vielen Menschen, die überall auf der Straße schliefen. Es war der erste Hinweis auf ein sich anderes, globalisiertes Indien, das damals noch in den Kinderschuhen steckte. Ich war seit dem Jahre 2001 nicht mehr in Indien, aber ich merke an den Indern, mit denen ich manchmal zusammenarbeite, dass, was damals noch kaum zu sehen war, unterdessen den Kinderschuhen entwachsen ist.

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