The Plot Against America

Ich muss es schreiben: Endlich kühl! Gestern Abend hat es sogar ein wenig geregnet und auch jetzt, am frühen Morgen, sieht’s nach Regen aus. Trotzdem hat man das Gefühl, als würde es nie mehr richtig regnen. Seit Ostern ist’s hier trocken. – Die gängige Story zum Klimawandel ist die: Es wird ein paar Grad wärmer, im hohen Norden schmilzt das Eis (und in den Alpen die Gletscher), der Meeresspiegel steigt, ein paar winzige Insel verschwinden und irgendwann in ferner Zukunft werden auch bekannte Küstenstädte überflutet werden. Immer öfters aber machen wir die Erfahrung, dass wir uns einem viel chaotischeren Phänomen gegenüber sehen. Niemand weiß, wie und wo das sich verändernde Klima als nächstes zuschlagen wird. Wer hätte gedacht, dass Spanien einen wasserreichen Frühling, Finnland einen richtigen Hochsommer und Deutschland eine Jahrhundertdürre erleben würde? Alles wird unberechenbarer und extremer.

Noch ein paar Gedanken zu Philip Roths „The Plot Against America“, dass ich endlich fertig gelesen habe. Roth, im Mai dieses Jahres gestorben, war der Chronist des jüdischen Amerikas. Fast alle seine Romane spielen im jüdischen Milieu an der Ostküste; seine Protagonisten sind alter egos seiner selbst. „The Plot Against Amerika“ ist ein alternative-history Roman; aus der Sicht der Familie Roth und des achtjährigen Philip erzählt der Autor, was gewesen wäre (gewesen hätte sein können), wenn der antisemitische Atlantiküberquerer Charles Lindbergh anstatt Roosevelt in den frühen vierziger Jahren Präsident der USA geworden wäre. Präsident Lindbergh verhindert den Kriegseintritt der USA und beginnt den amerikanischen Juden das Leben schwer zu machen. Natürlich geschieht dies nicht durch Pogrome, sondern viel subtiler. Ein Gesetzesartikel wird verabschiedet, welcher amerikanische Juden aus ihren angestammten Wohngegenden, zum Beispiel Roth’s Newark, New Jersey, über das ganze Land verteilt, um sie „besser ins amerikanische Leben zu integrieren“.

Der Roman legt dar, wie dünn die zivilisierende Schicht der Demokratie ist und wie leicht abgetragen und zerstörten werden kann. Alles beginnt eigentlich ganz vernünftig: Nicht schon wieder sollen junge Amerikaner in Europa ihr Leben lassen. Und amerikanische Bürger sollen aus ihren ethnischen Gettos „befreit“ und ins amerikanische Leben integriert werden. Wer kann dagegen sein? So sieht der größte Teil der Bevölkerung zunächst gar nicht, wie das Fundament der Demokratie unterhöhlt wird. Was da geschieht, so scheint es, ist der Versuch, echten Problemen die Stirn zu bieten. Dabei – so sieht es die Bevölkerungsmehrheit ein – darf man manchmal nicht so zimperlich vorgehen. Wer hat sich nicht schon über die Schwäche und die Samthandschuhe eines demokratischen Staates aufgeregt, wenn es darum geht, ein Problem zu lösen, welches von jedermann als solches erkannt wird? „The Plot Against America“ beschreibt ein solches Problem: Wie kann Amerika einen erneuten Kriegseintritt verhindern? Erzählt wird aber nicht die Geschichte der Mehrheit, sondern aus der Perspektive derjenigen, die in die Mühle dieser Umtriebe geraten.

Der 2004, inmitten der George W. Ära, veröffentlichte Roman nahm vorweg, was im Jahre 2018 gar nicht mehr so hanebüchen scheint. Wer hat sich nicht angesichts Trumps schon den guten alten Bush zurückgewünscht? – Genauso wie das Klima ist auch die Politik chaotisch und unberechenbar geworden. 2004 glaubte man noch einigermaßen zu wissen, wie die Welt in zwanzig Jahren aussehen wird. Unterdessen ist 2024 nur noch sechs Jahre entfernt und man ist recht ahnungslos, was bis dahin noch alles geschehen wird.

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