Am Alex

Schon wieder heiß. Gestern war’s zu heiß und heute wird’s noch heißer. Es handelt sich aber um das letzte Aufbäumen des langen Sommers 2018. Heute Nacht, so die Prognose, geht er zu Ende. Zumindest hier in Berlin. In Madrid, wohin wir am Montag zurückkehren werden, dauert er natürlich an.

Ich war kurz in der Ocelot-Buchhandlung, von der ich schon oft gehört hatte. Tatsächlich ein schöner Ort, wenn auch mit recht konventionellem Bücherangebot; auf den ersten Blick fand ich keine Gestelle mit überraschenden Buchempfehlungen. Viele gute Quartierbuchhandlungen, zum Beispiel die hier in Schöneberg, können da problemlos mithalten, auch wenn sie über kein so schönes Lokal gleich gegenüber des Weinbergparks verfügen.

Wie letztes Jahr wollte Paul unbedingt auf den Fernsehturm, also spazierten wir zum Alexanderplatz. Dort kauften wir ein teures Soforteinlass-Ticket, mussten dann aber der vielen Touristen wegen trotzdem eine Stunde warten.

Der Alexanderplatz, wo wir die Wartezeit verbrachten, ist ein merkwürdiger Ort. Auch fast dreißig Jahre nach dem Mauerfall merkt man noch, dass hier bei der Planung und Konstruktion etwas fehlgelaufen ist. Der weite baum- und wiesenlose Platz ist von funktionalen Gebäuden aus den siebziger Jahren umgeben. In manchen Städten wurden solche Klötze bereits wieder abgerissen, am Alex aber stehen sie noch, Mahnmale daran, dass der Zeitgeist den klaren Blick zu trüben vermag – auch bei Architekten. Wozu die Gebäude zu DDR-Zeiten dienten, weiß ich nicht; heute beherbergen sie Konsumtempel wie Galeria Kaufhof, Media Markt etc.

Auch die vielen Menschen, die, vom Fernsehturm aus gesehen, wie Ameisen über den Alex krabbeln, scheinen nicht so recht zu wissen, was sie hier wollen. Ein paar Touristen bleiben vor der Weltzeituhrstehen oder einem der Straßenkünstler stehen; Berliner gehen schnell in ein Geschäft und verschwinden dann wieder; was die gelangweilten jungen Männer, welche auf Treppenstufen sitzen oder in Gruppen herumstehen, auf den Alex treibt, bleibt unklar. Schon lange zum Platz gehören die Wurstverkäufer, welche ihren Grill als Bauchladen herumtragen, so dass sie beide Hände zum Würste braten und Geld einziehen frei haben. Man muss schon sehr hungrig sein, um Lust auf eine dieser weißen Stangen mit schwarzen Flecken zu haben, welche mit Brötchen für ein Euro siebzig verkauft werden.

Wir haben bald genug vom Alex und gehen durch das Bahnhofsgebäude, wo Paul fasziniert beobachtet, wie drei Polizisten „einen Räuber“ festnehmen. Auf der anderen Seite setzten wir uns auf eine Bank unter dem Fernsehturm. Hier ist der Platz zwar auch kein Ort, wo man sich gerne aufhält, aber trotzdem etwas angenehmer. Das Rote Rathaus steht hier, sozusagen das Caracas Deutschlands („Das Venezuela Deutschlands“ titelte der Spiegel letzte Woche.) Daneben die uralte Nikolaikirche; zwischen 1230 und 1250 entstanden, ist sie das einzige Relikt des alten Quartiers, welches hier einmal stand und das als der Nukleus gilt, um den herum Berlin entstanden ist. Sie sieht noch aus wie ein Kirche, ist aber seit Jahrzehnten entwidmet.

Schließlich auf dem Fernsehturm: Letztes Jahr noch hatte Paul nach 15 Minuten genug; dieses Jahr will er gar nicht mehr runter. Er will wissen, ob man Madrid von hier oben aus sehen kann. Natürlich sehen wir es nicht, dafür sehen wir all die Orte, welche wir in den letzten Wochen besucht hatten.

Am Abend essen wir Quesadillas und Pedro spielt Gitarre und singt.

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