Historizismus

Gestern bei F. Er ist derselbe geblieben, als seien nicht zehn Jahre sondern nur ein paar Monate vergangen. Seine Sonntage verbringt er immer noch im Berghain, dem legendären Berliner Club. Er ist dort Stammgast, einer der alten Hasen. Normale Gäste stehen stundenlang Schlange und mehr als die Hälfte von ihnen wird an der Tür trotzdem abgewiesen; F. hat natürlich VIP Einlass. Seine Vorlieben sind also noch dieselben, mit seiner Karriere aber ist es mittlerweile vorwärts gegangen: im Herbstsemester tritt er seine erste unbefristete Professorenstelle an.

In seiner Wohnung hoch über den Dächern von Schöneberg dominieren Buch, Film und Musik. Da steht ein schwarzer Flügel und eine teure Musikanlage; ein Beamer harrt darauf, die ausgesuchte Criterion Collection an die Wand zu projizieren; bei den Büchern dominieren Autoren, die nicht mehr leben und natürlich naturwissenschaftliche Bücher (F. ist Physiker; seine Professur ist in naturwissenschaftlicher Pädagogik.)

F.s Eltern waren ebenfalls Professoren. Sie kommen aus Neapel und waren klassische, italienische „alte Linke“; F. ist, in den Fußstapfen seiner Eltern, ein „neuer Linker“. Seine Themen, auf die er immer wieder zurückkommt, sind (wie könnte es anders sein): Israel und der Westen, speziell natürlich die USA. Fast schon besessen klagt er den Westen an.

Wir sprachen darüber, wobei ich mich zurückhielt, denn mit einem zu diskutieren, der sich im linken Schützengraben eingescharrt hat, ist ein Ding der Unmöglichkeit. Oder es würde zumindest sehr viel Zeit in Anspruch nehmen; es ist kein Thema, auf das man sich bei einem Wiedersehen nach zehn Jahren stürzt.

In der Tradition des Klar Marx glaubt F., dass die Geisteswissenschaften, vor allem die Geschichte und das darauf aufbauende Verständnis von Politik und Gesellschaft, nicht interpretationsbedürftig sind. Das heißt, dass er seine linke („chomskyeske“) Interpretation der Welt, als auf facts aufgebaut sieht, und über Tatsachen lässt sich bekanntlich nicht streiten. Jeder, der die Tatsachen mit seinen Methoden, also den des Naturwissenschaftlers, analysiert, muss zum selben Schluss kommen. Also zum Weltbild eines Noam Chomsky; zur Geschichtsinterpretation eines Howard Zinn.

F. sagt zum Beispiel: „Die größte Revolution des Internets ist der direkte Zugang zu historischen Dokumenten. Meine Eltern zum Beispiel ahnten immer, dass die italienische Linke der sechziger und siebziger Jahre vom CIA unterwandert war, wussten aber nicht, was wirklich vor sich gegangen war. Heute müssen wir uns zum Glück nicht mehr auf Ahnungen verlassen. Wegen des amerikanischen freedom of information acts kann ich mir diese Dokumente auf meine Festplatte laden, sie studieren und zu meinem eigenen Schluss kommen. Ich bin nicht mehr auf die Interpretation anderer angewiesen. Die Tatsachen liegen offen vor uns.“ – So sieht er die Interpretation der menschlichen Angelegenheiten sozusagen als naturwissenschaftliche Arbeit. Das Ergebnis dieser Arbeit ist für ihn klar: Amerika ist böse. Die Dokumente zum Vietnamkrieg, zum Irakkrieg, zum CIA, die man sich herunterladen und ansehen kann, sprechen eine klare Sprache.

Im Gegensatz dazu bin ich der Meinung, dass der Westen ein in der Geschichte einmaliges System ist. Weder gut noch böse, aber ohnegleichen im Ergebnis. Natürlich ist diese Interpretation diskutierbar. Doch darum geht es hier nicht. Es geht um die Einsicht, dass der Verweis auf bestimmte Tatsachen keine eindeutige Interpretation des Ganzen zulässt. Natürlich sind da die Dokumente des CIA, aber auf gleicher Ebene steht die Frage, weshalb ein böses System den freedom of information act verabschiedet hat.

Ist es nicht so, dass sich das „Schlechte“, das Korrupte, das Egoistische in jedes menschliche System einschleicht, und dass, wenn man danach sucht, jedes System als „schlecht“ zu interpretieren wäre. Meiner Meinung nach ist die Frage aber nicht, ob ein System Ungerechtes und Ungleichheiten zulässt und den eigenen Vorteil sucht. Natürlich tut es das. Die interessante Frage ist die nach dem Gesamtergebnis, aber nicht im Vergleich mit einer Utopie, sondern im Vergleich mit den Gesamtergebnissen anderer Systeme. Im Lichte des Ideals sieht alles schlecht aus. Gemessen werden sollte ein System also am Menschenmöglichen und nach diesem können wir tatsächlich in der Geschichte suchen.

Hier liegt F.s Denkfehler: Mit den Methoden des Naturwissenschaftlers sucht er in der Geschichte des Westens nach kompromittierenden facts ab und misst das Gefundene dann an einem humanistischen (und somit, ironischerweise, sehr westlichem) Ideal. So kann man nur zu einem Schluss kommen: Der Westen ist schlecht. Konsequenterweise aber müsste man noch einen Schritt weitergehen: Alles, was ist, ist schlecht, denn das Nur-Gute ist nicht Teil der Welt, sondern existiert einzig in unserer Fantasie.

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