Dussmann

Nach der Arbeit hatte ich zwei Stunden Zeit, um bei Dussmann, der größten Buchhandlung Berlins, zu stöbern. Vom Montbijou Park ging ich zur Friedrichstraße. Die goldene Kuppel der Neuen Synagoge zeichnete sich gegen den tief verhangenen Himmel ab. Die Polizisten, welche zur Bewachung des jüdischen Tempel abkommandiert waren, müssen diesen kühlen Tag nach einem langen, heißen Sommer genossen haben. Ich ebenso. Es tröpfelte ein wenig, aber richtig geregnet hat es nicht. Im Montbijou Park zischten die Wassersprenger. Viele andere Parks sind vertrocknet.

Bei Dussmann schaute ich mir Vieles an: Klassische Reiseberichte (zum Beispiel Montaignes Tagebuch von seiner Reise über die Schweiz und Deutschland nach Italien aus den Jahren 1580 und 1581), aber auch ein paar neue, deutsche Romane und Bücher zur technologisch-gesellschaftlichen Beschleunigung. Dussmann ist zusammen mit Waterstones in London meine Lieblings-Großbuchhandlungen. Ich wundere mich manchmal, wie man durch den Verkauf von Büchern genug Geld für die Miete eines so großen, vierstöckigen Gebäudes an bester Lage verdienen kann. Die Buchhandlung steht nur Minuten vom Brandenburger Tor entfernt, ihr Äquivalent in London beim Piccadilly Circus. Dies im Gegensatz zu den USA: In San Antonio, Texas musste ich vom Zentrum der Stadt aus dreißig Minuten fahren, um einen fast menschenleeren Barnes & Nobles zu finden. Barnes & Nobels wird bald untergehen, und ob es europäische Großbuchhandlungen in zehn oder zwanzig Jahren noch geben wird, ist unsicher. Es kann sein, dass Amazon bis dann den ganzen Markt für sich eingenommen haben wird und nur noch kleinerer, inhabergeführte Buchhandlungen daneben zu bestehen vermögen.

Noch aber gibt es sie. Wie bei Waterstones wird es bei Dussmann ruhiger, je höher man steigt. Allerdings hat man in der Londoner Großbuchhandlung eher das Gefühl, tiefer in einen Tempel vorzudringen und sich vom Lärm der Piccadilly-Straße zu entfernen, während bei Dussmann die Abschottung von der Welt etwas weniger gut gelungen ist. Vielleicht liegt das daran, dass bei Waterstones die beliebten Abteilungen in den beiden unteren Stockwerken sich befinden, während bei Dussmann die Kinderbuchabteilung zum Beispiel im dritten Stock liegt (zusammen mit Soziologie und Geschichte?).

Schlussendlich kaufte doch kein Buch für mich. Neue Bücher hätten den Rahmen gesprengt; ich hätte dann bis Weihnachten gebraucht, um den zu lesenden Stapel abzutragen. Lieber habe ich es, wenn ich ein Buch kaufe und gleich mit dem Lesen beginnen kann. Ich kaufte aber ein Vorlesebuch und eine Hörspiel-CD für Paul.

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