Co-Working

Montag. Die dritte Woche in Berlin beginnt. Zum ersten Mal seit vielen Jahren arbeite ich in einem Büro, sprich: nicht im Home Office, sondern in einem Coworking-Space. Ich habe mir für die verbleibenden zwei Wochen eine Zwölftageskarte für eines der vielen existierenden Gemeinschaftsbüros gekauft. Um acht Uhr nehme ich den Bus 104 und fahre zum Platz der Luftbrücke gleich neben dem ehemaligen Flughafen Tempelhof. Auch das bin ich mich schon lange nicht mehr gewohnt: Mit anderen Pendlern im öffentlichen Verkehr unterwegs zur Arbeit. Das Büro öffnet zwar erst um halb neun, trotzdem bin ich natürlich der erste. Ich erledige das Administrative und setzte mich dann an einen Arbeitsplatz am Fenster. Sofort gefällt mir die Erfahrung und ich beschließe, ab September auch in Madrid in einem Gemeinschaftsbüro zu arbeiten.

Ansonsten: Der Tag beginnt sonnig und heiß. Der Hochsommer ist zurück. Gegen vier Uhr ziehen dann Wolken auf und es beginnt zu tröpfeln. Auch heute und morgen sollen die Temperaturen angenehm bleiben.

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Auf dem Spielplatz spricht Eva mit einem sechsjährigen englischen Mädchen. Das Mädchen (dem Akzent nach zu schließen aus gutem, südostenglischem Haus): „Do you speak German?“ – Eva: „Yes, I am German.“ – Mädchen: „My granddad dropped bombs on Germany.“ – Eva: „Yes, there were some very bad people in Germany then. They had to be stopped.“

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Im oberen Stock eines Doppeldeckers: Ein großes Erlebnis für Clara, David und Paul. Alle Warnungen sich festzuhalten ignorierend, rennen sie ganz nach vorne und bleiben an der Frontscheibe stehen, wo sie sich an der Stange festhalten und fasziniert auf die Straßen Berlins hinunterschauen. Wir fahren am Rathaus Schöneberg vorbei. Von JFK wissen sie natürlich nichts, dafür wundern sie sich über die scheinbar gewagten Manöver des Fahrers: Oft sieht es aus, als würde der Bus ein anderes Auto rammen oder auf den Randstein des Trottoirs fahren, aber natürlich passiert nie etwas – es handelt sich nur um perspektivische Täuschungen. Zuvorderst sitzt auch ein Türke mit grimmigem Gesicht: Bart, rasierter Kopf, muskelbepackt. Die Kinder drängen sich vor ihn und verdecken seine Sicht. Er rutscht zur Seite und bietet Paul seinen Platz an.

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Lektüre: Wir bleiben noch 130 Seiten Philip Roth. Ich komme nur langsam mit dem Buch voran, obwohl der nächste Roman schon lange darauf wartet, gelesen zu werden. Dabei gefällt mir The Plot Against America; es fehlt mir einfach die Zeit, zu lesen. Es ist ein alternative-history Buch: Roth erzählt die Geschichte einer jüdischen Familie in einem Amerika, in dem nicht Roosevelt sondern der antisemitische Charles Lindbergh Präsident wird (geworden wäre). Der Roman stammt aus dem Jahre 2004, lässt einem aber an Trump denken, obwohl Lindbergh viel intelligenter und vernünftiger als Trump daherkommt.

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