In Preußen

Nachdem wir am Samstag finanziell und ernährungstechnisch über die Stränge geschlagen hatten, verbrachten wir den Sonntag bescheidener. Am Morgen fuhren wir auf einen Spielplatz im nahen Fliegerquartier, dann aßen wir zu Hause zu Mittag und spazierten am späten Nachmittag durch Neukölln und Südkreuzberg. Neukölln, das gar nicht mehr so neue Trendquartier, kannten wir noch nicht.

Das Fliegerquartier, nahe beim ehemaligen Flughafen Tempelhof gelegen, ist eines der schönsten Berliner Stadtquartiere. Mit seinen adretten Straßen und kleinen Häuschen macht es den Eindruck eines älteren, aber gepflegten Einfamilienhausquartiers in der Vorstadt. Es liegt aber nur Minuten vom Tempelhoffeld und ein paar Kilometer von Kreuzberg und anderen innenstädtischen Quartieren entfernt. Hier lässt sichs leben. Wir sind nicht die einzigen, denen es gefällt: Ein Paar mit Baby aus Neukölln hat das Quartier mit angeklebten Zetteln zugepflastert: Man will aus der „aus allen Nähten platzenden Wohnung (55m2)” ins Fliegerquartier ziehen. Für sachdienliche Hinweise gibts einen Kasten Bier und Karma.

Auf dem Rückweg im Bus sprachen wir mit freiwilligen Helfern an der Leichtathletik-EM, welche auf dem Weg ins Olympiastadion waren. Sportveranstaltungen (vor allem wenn es nicht in erster Linie ums Geld geht, also nicht Fußball) haben etwas Positives, Motivierendes an sich.

Nach dem Essen und einer Siesta dann Neukölln: Wir stiegen in Berlin-Neukölln aus der S-Bahn und gingen erst einmal fünfzehn Minuten lang durch eins dieser urbanen Quartiere, in denen man sich als Besucher nicht besonders wohl fühlt. Eigentlich gabs fürs Unwohlfühlen gar keinen Grund. Die Einheimischen flanieren durch die Straßen, speisen an Tischen im Freien in arabischen und türkischen Restaurants und Imbissbuden, stehen in Gruppen zusammen und unterhalten sich. Zunächst fehlten halt einfach die Fixpunkte, die man als Eingeborener der europäischen Mittelklasse sucht, um sich in einer ärmlichen, urbanen Gegend willkommen zu fühlen. In Berlin wären das Zeichen und Symbole wie Galerien, Menschen auf Fahrrädern, junge Spanier und Italiener, Cafés und Bars vor denen ein schwarzes Brett steht, auf dem mit Kreide etwas Lustiges geschrieben steht, usw. Und natürlich ist man aufmerksamer wenn man mit einem fünfjährigen Kind durch eine solche Gegend spaziert. Wie angedeutet, begannen aber nach fünfzehnminütigem Spaziergang die gesuchten Anzeichen aufzutauchen: ein Programmkino, dann ein Japaner in Künstlerkluft, schließlich sogar ein paar vor einer Bar sitzenden Spanier. Ein paar Straßenblöcke weiter befanden wir uns dann im Zentrum von Nordneukölln, auch Kreuzkölln genannt, der nach Süden greifende Tentakel Kreuzbergs wegen. Alles sehr „lumpen“, fand Carolina. Und tatsächlich: der Hipster ist tot, und das Neue, noch namenlose kleidet sich so (zumindest im Berliner Sommer): barfuß in Adiletten (oder auch mal barfuß ohne Adiletten), irgendein Rock oder eine Hose, irgendein ein Hemd oder T-Shirt, irgendeine Frisur. Eine Adiletten-Heilsarmee-Haare-selbst-geschnitten-Kombination. In der Hand eine Bierflasche.

Kommt man dann nach Norden, zum Landwehrkanal und schließlich nach Kreuzberg scheint der Druck zum Uniformen etwas abzunehmen. Hier sieht man auch wieder Familien; nicht mehr alles ist lumpen.

Später – es ist nun bereits Nacht – fahren wir in der Party-U-Bahn von Kreuzberg zur Warschauerstraße. Laut und unbändig geht es zu und her. War hier wirklich mal Preußen? Paul gefällt es: “Sicher bin ich das einzige Kind auf der ganzen Welt, dass noch wach ist.”

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