Endlich kühler

In der Nacht auf den 10. August gewitterte es. Die Stadt kühlte ab und alles wurde anders: schöner, gemütlicher, sogar sauberer kam es mir vor. Ewige Sonne ist wie ewiger Regen oder ewiger Nebel, wobei man sich bei den letzten zwei wenigstens in die eigenen vier Wände zurückziehen kann. Die Hitze aber dringt in alle Ecken vor, außer in die klimagekühlten, die hier in Berlin aber kaum existieren.

Guter Dinge spazierten Paul und ich zur lokalen Buchhandlung, auf welche wir am Abend zuvor zufällig gestoßen waren. Sie stellte sich als schöne, inhaberingeführte Buchhandlung mit großer Kinderbuchabteilung heraus. Genau solche Buchhandlungen werden eBooks und Amazon überleben. Für einmal, glaube ich, werden die Kleinen den Ketten gegenüber im Vorteil sein.

Wir wollten für Paul ein Buch aus der Serie über den Kindergärtler Tim kaufen und für mich entweder Hochdeutschland (von Alexander Schimmelbusch) oder Widerfahrniss (von Bodo Kirchhoff), zwei Bücher die ich in anderen Buchhandlungen auf den Tischen ausgelegt gesehen hatte. Bei Schimmelbusch, einem ehemaligen Investmentbanker, soll es sich um den deutschen Houllebecq handeln – das behauptet natürlich sein eigener Verlag, genügt aber, um mein Interesse zu wecken. Weshalb mich Widerfahrniss ansprach, bin ich mir nicht sicher. Der Name des Autors ist mir bekannt, seine Bücher kenne ich aber noch nicht. – Es stellte sich heraus, dass die Tim-Bücher vergriffen sind, weshalb wir eine andere Geschichte vom selben Autor kauften (vom Erstklässler Jacob). Für mich kaufte ich Widerfahrniss, obwohl ich in den letzten Tagen nicht viel Zeit zum lesen hatte und mir noch ein paar Stunden mit The Plot Against America von Philip Roth bleiben.

Als wir die Buchhandlung verließen, wollte Paul das Buch unter dem Arm tragen. Wie ein richtiger Leser stolzierte er damit zur Bushaltestelle. Dabei strahlte er so sehr, dass er die Blicke vieler Passanten auf sich zog. An der Bushaltestelle wurde ich dann auch gleich von einer netten jungen Dame angesprochen. Es ist mir schon öfters aufgefallen, dass gewisse Frauen auf (vermeintliche) Single-Dads stehen.

Wir fuhren im Bus 104 am Rathaus Schöneberg vorbei bis zu einem Park mit großem Spielplatz. Ich war vorher noch nie in dieser Gegend, zentral gelegen, nur ein paar U-Bahnstationen südlich des Kudamms und auch nicht allzu weit von den schrecklich-hippen Quartieren im Osten entfernt. Trotzdem empfand ich die Gegen als typisch westberlinerisch. Wir gingen an ein paar Schrebergärten vorbei (einer sogenannten Kleingartenkolonie). Im Gegensatz zu Schweizer Schrebergärten steht hier nicht auf jedem Stück Land eine Fahnenstange, welche die Herkunft der Hobbygärtner anzeigt (Kanton sowieso, Portugal, Türkei mit Erdoganporträt auf der Fahne, wie letzthin aus dem Zug nach Zürich gesehen). Dafür sind die Gartenhäuser viel größer als in der Schweiz. Keine Schuppen, sondern gut ausgebaute Häuser, in denen man wohnen könnte. Tatsächlich sollen manche Berliner im Sommer in ihre Kleingartenkolonie-Häuschen ziehen (wie zum Beispiel die Mutter-mit-Sohn, deren Wohnung wir diesen August mieten).

Der Rudolph-Wilde-Park windet sich schmal und langezogen vom Rathaus Schöneberg (ich erkannte den berühmten Balkon beim Vorbeifahren: „I take pride in the words: Ich bin ein Berliner“) ein paar Kilometer weit bis zum Friedhof Wilmersdorf. Er gefiel uns sehr gut. Wir setzten uns auf eine Bank, wo ich Paul die erste Jacob-Geschichte vorlas; dann aßen wir Zwetschgen und schließlich spielte Paul auf dem großen Spielplatz mit den vielen Rutschen und Holzkonstruktionen. Im Park befanden sich auch ein paar betreute Gruppen von jugendlichen Flüchtlingen, welche seiltanzten und Fußball spielten. (Später spazierten wir auf dem Weg zur U-Bahn am riesigen Bundesamt für Migration und Flüchtlingswesen vorbei.)

Zu Mittag aßen wir dann mit Carolina [weshalb unterstreicht WordPress dieses Wort immer und will, dass ich “Nordcarolina” schreiben?] bei einem Vietnamesen in Mitte. Danach durchkreuzte neue Information zu einem seit zwölf Tagen vermissten Koffer unsere Pläne. Es stellte sich heraus, dass er sich in einem großen DHL Lager im Süden Berlins befand. Eine funktionsunfähige Firma am Flughafen Tegel, hatte ihn verloren. Dritte-Welt-Zustände: kein Wunder, dass die Berliner es nicht schaffen, einen Flughafen zu bauen.

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