Hitzetag II

Gestern war der letzte richtige Hitzetag des Sommers. Zumindest hier in Nordostdeutschland. Hoffentlich … Der Nachmittag war in dieser Stadt, welche auf die Dauerhitze nicht vorbereitet ist, kaum auszuhalten. Am Abend kam dann das Gewitter und die Abkühlung.

Carol hatte den aufziehenden Sturm schon Stunden vorher gespürt. Wir saßen auf einem Fleckchen Wiese vor einem Bioladen, wo ein paar Stühle und Liegen stehen und man sich hinsetzt und etwas trinkt (meistens eine Flasche Bier – wir sind schließlich in Berlin). Paul hatte seinen typischen Abendenergieschub und rannte minutenlang kreuz und quer durch den Park. Carol fühlte sich etwas unwohl; später wollte sie nichts zu Abend essen. Sie sprach vom aufziehenden Gewitter, von welchem ich um diese Zeit noch nichts spürte. Gegen halb zehn begann es dann aber tatsächlich zu blitzen. Wir setzten uns vors offene Fenster und genossen den Wind. – Carolinas animalischen Instinkte sind viel stärker als die meinen.

Am Morgen waren wir um acht Uhr aufgebrochen, um mit der S-Bahn ins Olympiastadion zu fahren. Dort finden zur Zeit die Leichtathletik-Europameisterschaften statt. Weshalb „leicht“, fragte Paul. Ich war mir nicht sicher. Was ist denn schwere Athletik?

Wir fuhren also weit in den Westen, am Zoologischen Garten vorbei (Wir Kinder vom Bahnhof Zoo, kam mir wie immer in den Sinn, dieses Buch, das in der Volksbibliothek auszuleihen, ich mich als Zehnjähriger lange nicht getraut hatte; auch David Bowie, Nick Cave, Die Praxis Bülowbogen – überhaupt das alte Westberlin der achtziger und neunziger Jahre, das ich nur aus den Medien kannte); dann erhaschte ich einen Blick auf die Siegessäule, wo ich vor fast genau zehn Jahren Obama aus nächster Nähe gesehen hatte (ich war einer der ersten von 200,000 gewesen, der Einlass gefunden hatte); schließlich das Olympiastadion. Dieses weite Rund aus nationalsozialistischen Zeiten mit den riesigen, aus Stein gehauenen, kühn nach vorn blickenden Statuen von “arischen Turnern”. Die olympischen Ringe hängen immer noch hoch über dem Eingang, aber Berlin könnte anders nicht sein, als es 1936 gewesen war. Und dies obwohl auch heute manche Krise gart und manch einer den Zustand des Westens mit dem der Weimarer Republik vergleicht. Aber das ist natürlich Blödsinn: Europa war nie schöner. Ich hatte das in Warschau gedacht, als ich am neuen Weichsel-Boulevard saß und mir gewahr wurde, wie gut das Leben in allen europäischen Hauptstädten geworden ist. Gut und immer besser. Dies soll aber nicht heißen, dass die offensichtlichen und die unterschwelligen Krisen nicht real existieren.

Im Stadion sahen wir Diskuswerferinnen, Siebenkämpferinnen, Hochspringerinnen, 800m-Läufer und Speerwerferinnen. Paul gefielen die letzten am besten. Am Abend imitierte er sie auf der Wiese vor dem Bioladen. Er wollte wissen, ob die Speere „wie ein Flugzeug“ seien, also auch „noch ein bisschen“ aus eigenem Antrieb fliegen würden. Sie segelten nämlich so weit durch die Luft, dass er sich kaum vorstellen konnte, dass menschliche Kraft alleine dafür verantwortlich sein soll.

Als ich am Abend einschlief, regnete es vor dem Fenster. Ein paar Jugendliche johlten übermütig, wie Steppentiere nach der langen Dürre. Ab und zu erhellte ein ferner Blitz den Nachthimmel.

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