Hitzetag

Mittwoch der 8. August in Berlin:

Ich traf mich mit Oscar bei der alten Ampel am Potsdamer Platz. Es soll sich um die älteste Ampel Europas handeln. Sie funktioniert immer noch, obwohl sie keine Autos mehr herumkommandiert. Einzig ein paar aufmerksame Touristen bemerken sie und schießen schnell ein Foto. Wann hatte sie zum ersten Mal ihren Betrieb aufgenommen? Sicherlich vor dem Zweiten Weltkrieg. In der Zwischenkriegszeit oder sogar in der Belle Epoque vor dem Ersten Weltkrieg? Wie hatte sie den Kalten Kriege verbracht, als der Potsdamer Platz Niemandsland war? Kommt sie bei Wim Wenders vor? Der Himmel über Berlin ist ein Film den ich gerne wieder einmal sehen würde. Weder des Engels noch Columbos wegen, sondern wegen diesem vergangenen Berlin, dass nun so fern liegt.

In der Hitze – dieser spanischen Hitze, die Berlin im Würgegriff hat – machten Oscar und ich uns auf die Suche nach einem Café. Wir fanden eins und ich bestellte eine Flasche kaltes Wasser und einen Espresso. Bei den beiden Baristas handelte es sich um Japanerinnen. Natürlich waren sie sehr nett. Ich war beeindruckt darüber, wie gut eine von ihnen deutsch sprach. Natürlich kannte ich weder sie noch ihre Geschichte, aber ich dachte: Aus dir wird einmal etwas werden!

Wir setzten uns an ein Tischchen im Freien, mit dem Rücken zum Café und dem Blick auf die Straße. An den Nebentischen saßen Menschen vom zweiten Schlag von Wahlberlinern. Beim ersten Schlag handelt es sich um die Statisten im Vergnügungspark Berlin: jung, merkwürdig gekleidet, vielleicht kreativ, oft aber einfach die Nähe von Kreativen suchend. Beim zweiten Schlag, eben unseren Tischnachbarn vor dem Café, handelt es sich young urban professionals. Obwohl das Wort “Yuppie” schon seit mindestens einem Jahrzehnt aus der Mode gekommen ist, existieren die Menschen, die es beschreibt natürlich noch. Auch sie sind ein bisschen kreativ oder suchen die Nähe von Kreativen, aber sie kleiden sich nicht merkwürdig, sondern „gut“ und anstatt tagsüber langsam mit dem Fahrrad durch hippe Quartiere zu fahren oder in Parks zu sitzen, gehen sie zur Arbeit. Oft arbeiten sie bei sogenannten Startups, dass heißt, sie sind nicht just another brick in the wall, sondern reißen Mauern nieder. They disrupt, wie sie ein wenig prätentiös behaupten.

Oscar und ich unterhielten uns über Berlin. Wir kamen zum Schluss, es sei zu dreckig und klischeebeladen, aber trotzdem noch ein toller Ort zum Leben. Allerdings äußerte ich auch die Meinung, dass Warschau das neue Berlin sei. Es sei dynamisch und authentisch. Dazu kommt, dass Neuankömmlinge in Warschau vom Staat wohl kein Geld erhalten, weswegen einem die Massen von Lifestyle-Sozialhilfeempfängern, welche mit Punkmienen durch die Straßen ziehen, erspart bleiben.

Um ein Uhr gingen wir zu WeWork Berlin, einem co-working space, wo wir ein paar Mitarbeiter der IOTA Foundation trafen, um mit ihnen zu Mittag zu essen und über IOTA zu sprechen. IOTA ist ein distributed ledger Technologie, wie Blockchain, aber weiter entwickelt, die Probleme von Blockchain und Bitcoin vermeidend. IOTA und der Tangle (sozusagen der IOTA-Blockchain) ist eine Technologie, welche gute Chancen darauf hat, zum Standard für das zukünftige Internet of Everything zu werden. Man könnte sagen, dass es sich dabei um eine Art Währung handelt, welche es Maschinen erlaubt, untereinander Handel zu betreiben, ohne dass menschliches Eingreifen notwendig ist. So könnte zum Beispiel unser Auto an der Tankstelle bezahlen, ohne dass wir die Kreditkarte zücken müssten. Dazu ist es natürlich notwendig, dass wir den Maschinen absolut vertrauen und dass sie nicht gehackt werden können. Dafür sorgt eben der Tangle. Oscar glaubt, dass man in IOTA investieren soll, da diese Cryptowährung in den nächsten Jahren bestimmt ganz stark an Wert zulegen werde. Ein Zeichen dafür sei auch die Tatsache, dass viele im Internet of Everything federführende Firmen, wie zum Beispiel Bosch und Siemens, mit der IOTA Foundation zusammenarbeiten.

Wir spazierten also mit Holger, dem Head of Partnerships der IOTA Foundation, in ein Restaurant. Oscar hatte Kontakt mit ihm aufgenommen, weil er und Holger einmal in derselben Firma gearbeitet hatte. Ich war mit von der Partie, weil ich in den letzten Monaten mit einer anderen Firma kollaborierte, welche ebenfalls ein Blockchain-Projekt auf die Beine stellt, und ich mich deswegen oft mit Oscar über solche Themen unterhalten hatte. Außerdem interessiert mich diese neue Technologie sehr, denn sie hat das Potential, die Welt wie wir sie kennen nachhaltig zu verändern. Vielleicht nicht die ganze Welt, aber zumindest gewisse communities. Ich glaube nämlich, dass die Welt, welche zur Zeit auf eine globale Gesellschaft zuzusteuern scheint, sich in Zukunft wieder vermehrt fragmentieren wird, so dass verschiedene, sehr unterschiedliche Gemeinschaften nebeneinander existieren werden.

Wir aßen also mit Holger und zwei anderen IOTA Mitarbeitern Pizza. Einer war aus Norwegen und der andere trug eine Mütze und sprach kein einziges Wort, weshalb ich nicht weiß, woher er kam. Wir sprachen über smart cities und smart buildings und über Vorreiter-Technologie, welche sich zur Zeit so schnell entwickelt und verändert, dass niemand den Überblick hat. Es ist schon beinahe so, als sei der Menschheit die Kontrolle über ihre eigenen Entwicklungen bereits entglitten. Wir sind nicht mehr sehr weit vom Punkt entfernt, an dem die Technologie selbst ihre Weiterentwicklung übernehmen wird und human agency sozusagen ganz an den Rand gedrängt werden wird. – Wir aßen also und ich hörte meistens nur zu, den die Anderen waren Experten und ich war nur ein interessierter Zuhörer. Meine Pizza mit großen Crevetten und Rucola war sehr gut.

Nach dem Essen trank ich mit Oscar im Sony Center, diesem Touristensumpf, ein Bier. Dann gingen wir auf die S-Bahn. Oscar fuhr nach Hause in den Wedding und ich zum Boxhagener Platz, wo Carolina und Paul den Morgen verbracht hatten. Es gibt dort ein paar kleinen Springbrunnen, um die herum Paul in seinen Unterhösli tanze und sich abkühlte. Viele andere Kinder vergnügten sich ebenfalls im Wasser und die Eltern saßen auf den Bänken rund um den Platz und schwitzten. Es war drei Uhr und so heiß, dass Carolina und ich ausnahmsweise nicht wussten, wie wir den Rest des Nachmittags verbringen sollten. Zu zweit wäre uns die Entscheidung nicht schwer gefallen, aber der kleine Paul hält es noch nicht sehr lange im Kunstmuseum aus und auch für das Kino ist er noch zu klein (am Wochenende durfte er seinen ersten Film gucken: Paddington 2 mit dem neunjährigen Antek in Polen; nach wenigen Minuten musste er aber bereits weinen, weil er „super traurig“ war, weil der Onkel des kleinen Bären in einem Erdbeben starb). Einfach im Schatten sitzen und noch ein Bier trinken, war natürlich auch keine Lösung. Schließlich entschieden wir uns deshalb einfach für einen Spaziergang durch Berlin, natürlich immer im Schatten.

So gelangten wir zur Bezirksbibliothek Pablo Neruda an Frankfurter Allee. „Warum nennen die eine Bibliothek nach einem chilenischen Schriftsteller“, fragte sich Carolina, der bereits aufgefallen war, dass viele Deutsche alles Ausländische und Exotische lieben, während ihnen das Eigene eher peinlich ist. So hängen auch in der Berliner Wohnung, die wir gemietet haben, hinduistische Bilder, Poster von nordafrikanischen Volksmusikkonzerten und irgendwelche Lampions aus China.

„Warum ist das so?“, fragte sie mich.

„Ich glaube wegen der deutschen Geschichte im zwanzigsten Jahrhundert“, antwortete ich.

In der Bibliothek erkundigte ich mich beim Mitarbeiter an der Ausleihtheke, weshalb die Bibliothek nach einem chilenischen Schriftsteller, der heute trotz seines Nobelpreises in Berlin wohl kaum mehr gelesen wird, benannt ist. Ich stellte diese Frage, weil eine Bibliothek in Madrid, in der ich oft arbeite, “León Tolstoi” heißt, und ich mich auch dort einmal erkundigt hatte, weshalb das der Fall sei. Zwei Mitarbeiter der Tolstoi-Bibliothek hatten mich nur etwas ratlos angeguckt, während eine dritte mir wohlwollend erklärte, Tolstoi sei ein halt berühmter Schriftsteller gewesen, weshalb man seiner Zeit beschlossen habe, die Bibliothek nach ihm zu benennen. Diese unbefriedigende Antwort hatte ich als recht typisch für Spanien gefunden, zumindest für das kulturell nur mäßig gebildete Spanien, zum dem auch fast alle Politiker gehören. In den Wohnzimmern dieser Spanier stehen irgendwelche Figuren, ohne dass diese eine Bedeutung hätten, einfach nur weil sie schön sind. Und so werden auch Bibliotheken grundlos nach einem Schriftsteller benannt, weil er „berühmt“ ist. Ich hatte vor einen paar Monaten spanischen Freunden gegenüber behauptet, solches komme „bei uns“ nicht vor. Berlin ist für mich nun zwar nicht „bei uns“ – trotzdem machte ich aber die Probe aufs Exempel.

Tatsächlich tischte mir der Berliner Bibliotheksmitarbeiter eine einigermaßen befriedigende Geschichte auf: Pablo Nedura war bereits zu DDR-Zeiten der Name der Bezirksbibliothek gewesen, welche damals allerdings noch an einem anderen Ort gestanden hatte. Der Grund dafür war, dass Nedura ein „links-sozialistischer“ Autor aus dem befreundeten Chile war. Er war von Pinochet und seinen rechten Schergen ermordet worden. Ich fand die Erklärung glaubhaft. Zumindest hatte der Bibliotheksname einen historischen Hintergrund.

Später gingen wir noch ins Café Tasso, eine der letzten Bastionen echter Berliner, alternativer Cafékultur in diesem Friedrichshain, welches in den Massen von Party-Neuberlinern (des ersten Schlages) und von hunderten von Bars und Restaurants, welche kaum voneinander zu unterscheiden sind (alles schmeckt überall genau gleich) seinen Charme fast ganz verloren hat. Zumindest die Südkiez; die Nordkiez, gleich hinter dem Tasso gelegen, kenne ich nicht.

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