Warschau

Warschau ist eine gesichtslose Stadt: das vielleicht bekannteste Wahrzeichen ist der von der Sowjetunion im Zeichen kommunistisch-brüderlicher Freundschaft gebaute Kultur- und Wissenschaftspalast, er enthält Kinos, Theater, sogar ein Schwimmbad, soll aber renovierungsbedürftig sein – manche wollen ihn abreißen lassen; dazu kommt eine kleine, malerische aber auch künstliche Altstadt – im Krieg völlig zerstört, wurde sie in den fünfziger Jahren wieder aufgebaut; schließlich ein paar Wolkenkratzer welche davon zeugen, dass man die vier Nachkriegsjahrzehnte endgültig hinter sich gelassen hat – die freie Marktwirtschaft blüht (die Löhne in Warschau sind mit denjenigen in Madrid vergleichbar und trotzdem findet man – ganz im Gegenteil zu Spanien – nicht genug Arbeitskräfte; ein Vergleich zwischen den beiden Ländern wäre bestimmt sehr interessant – Spanien hätte einiges zu lernen). Sieht man von diesen paar Fixpunkten ab, treibt man halt- und orientierungslos durch die sich weit ausdehnende Stadt: fast fünfzig Kilometer breit erstreckt sie sich von den westlichen zu den östlichen Vororten und die Nord-Süddimensionen sind ähnlich beeindruckend. Dieser urban sprawl erinnert mich an Los Angeles – ein sehr europäischen Los Angeles versteht sich.

Trotzdem hat die Stadt viel Charme. Sie ist dynamisch, modern und in stetem Wandel. Das Grün Polens blüht überall. Es schleicht sich vom umgebenden Landwirtschaftsland in die Stadt hinein und setzt sich in allen Ecken fest. Es gibt schöne Parks und zwei große Stadtwälder und sogar die Weichsel wand sich noch bis vor kurzem fast unbemerkt, flankiert von Bäumen und Büschen, mitten durch das Zentrum der Stadt. Erst vor wenigen Jahren wurde eines ihrer Ufer ausgebaut. So entstand am Ufer auf der Altstadtseite ein Boulevard mit Restaurant und Bars, Spaziergänger, und Fahrradfahrern, Familien und Hipstern (obwohl der Hipster ist ja bekanntlich tot, nur hat der neue urbane Tonangeber – zumindest meines Wissens nach – noch keinen Namen). Intelligenterweise aber hat man das gegenüberliegende Ufer gelassen wie es ist, so dass der urbane Boulevard-Bummler sich naturbelassenen, wilden Ufer gegenübersieht.

Dem dem traditionellen Touristen hat Warschau nicht viel zu bieten. Die paar Fotos von neu aufgebauten, „alten“ Altstadthäusern und vom sowjetischen Hochhaus sind schnell gemacht. Zum Glück, denkt man, denn die Tourismusplage hat globale Ausmaße angenommen. Warschau ist eine Stadt für den Liebhaber urbaner Räume, für Stadt- und Waldgänger und natürlich für Psychogeographen. Es ist auch eine Stadt, in die ich ohne zu zögern ziehen würde.

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