Madrid, 5. Juli 2018

Ich arbeite und lasse nebenbei den Bachmannpreis streamen, in geringer Lautstärke, mehr aus Nostalgie als um den Lesewettbewerb wirklich zu verfolgen (dazu habe ich heute leider keine Zeit). Manchmal aber mache ich ein paar Minuten lang Pause und schaue und höre den Autoren und Kritikern zu (natürlich auch den Autorinnen und Kritikerinnen – die Geschlechterverteilung ist genau 50-50).

“Aus Nostalgie” weil ich mich daran erinnere, als Teenager an heißen Julitagen in der Stube gesessen zu haben, um mir die Lesungen und vor allem die Kritikerrunden anzuhören. Die Texte waren mir immer etwas zu gestelzt vorgekommen und hatten mich selten gefesselt (sie hatter mit den ersten Erwachsenenautoren die ich damals las, allen voran natürlich Hemingway, wenig zu tun); die Kritiker, welche die Texte oft grausam zerrissen, fand ich schon interessanter. Ich erinnere mich an einen Autoren, der zurück gebrüllt hat. Was wohl aus ihm geworden ist? Ich habe das vage Gefühl, dass es Ulrich Peltzer – heute ein Autor, den ich sehr mag – gewesen sein könnte, aber ich kann mich natürlich irren.

Jahrelang, sogar jahrzehntelang habe ich danach nicht mehr an den Bachmannpreis gedacht, aber dieses Jahr hatte ich Lust, wieder einmal zuzuhören.  Wie gesagt, habe ich heute kaum Zeit dafür, aber es ist mir doch aufgefallen, dass in den wenigen Ausschnitten, die ich in Arbeitspausen gesehen habe, alles darauf hindeutete, dass immer noch dieselben Themen durchgekaut werden, wie schon vor dreißig Jahren … Drei Mal sah ich hin: Beim ersten Mal las eine Österreicherin und es ging um ein Konzentrationslager, also natürlich um die unverarbeitete Vergangenheit der Alpenrepublik; dann eine Schweizerin: ihr Text schien von der Enge der Schweiz zu handeln (wovon sonst?); und dann sah ich das Vorstellungsvideo für einen deutschen Autoren: er wurde als Gesprächspartner zweier schwarzer Autoren ins Szene gesetzt und stellte sein Verständnis für “deren Lage” zur Schau: How does it feel when they call you African writers? (dem Briten schien die Frage peinlich zu sein), und natürlich: white privilege etc.

Das mag sich jetzt 1. zynisch anhören, ist 2. nicht fair (schließlich habe ich nur drei Mal hingeguckt), und hat 3. nichts mit der literarischen Qualität der Texte zu tun (die ich mir heruntergeladen habe – den einen oder anderen werde ich noch lesen). Es zeigt aber doch wie klein und beschränkt der literarische Zirkus ist. Immer wieder wird dasselbe besprochen; es herrscht Einigkeit. Natürlich nehmen die Kritiker immer noch kein Blatt vor den Mund und es wird gestritten, aber es geht dabei nicht um größere Fragen des Lebens, sondern um Literaturwissenschaftliches, Germanistisches, halt eben recht Banales.

Aber trotzdem, ich mag den Bachmannpreis, auch wenn er eine kleine Welt repräsentiert, viel kleiner eigentlich als jene Stachelschwein-Schweiz, auf der literarisch so gerne herumgeritten wird.

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