All good

Wenn ich ein paar Nächte hintereinander zu wenig geschlafen habe, beginne ich mich unwohl zu fühlen: energielos, mit leeren Batterien, wie man so sagt. Diesem Zustand wirkt manchmal, unter den richtigen Umständen (die nach Belieben herbeizuführen, ich nicht immer in der Lage bin) der Zuschuss positiver Hormone – Adrenalin, Serotonin, Dopamin, etc. – entgegen, welcher mich in einen Drogenrausch-ähnlichen Zustand der  benebelten Euphorie vernetzt.

Am Donnerstag vor einer Woche nun litt ich unter ein paar akkumulierten schlafdefizitären Nächten und erwähnten Nebenwirkungen, weshalb ich, als ich mit meiner Arbeit fertig war, versuchte, den erwähnten Hormonausstoß herbeizuführen. Ich entschloss mich deshalb, nachdem ich mir der dafür zu Hause notwendigen Unterstützung versichert hatte, zum Kinobesuch. Dazu muss ich sagen, dass das Kino für mich eine Art Tempel ist. Ein Besuch desselben kann, wenn alles gut läuft, wünschenswerte Auswirkungen auf meinen Hormonhaushalt haben.

Am letzten Donnerstagabend aber lief nicht alles gut. Als ich in der Metro saß – welche von korrupten spanischen Lokalpolitkern extra dafür gebaut wurde, um mich aus meiner recht guten Stube innerhalb einer halben Stunde in meine Kinos im Stadtzentrum zu befördern (und erstaunlicherweise handelt es sich um die beste Metro Europas) – und dort mein Buch zur Hand nahm, fiel dieses auseinander. Obwohl es sich in meinem Rucksack in einer speziellen Büchertüte befand (damit es schön bleibe), war es tropfnass. Die Seiten klebten zusammen; der Einband war aufgequollen und drohte zu zerreißen; auf dem Schutzumschlag vermischten sich die Farben des abgedruckten Goya (zumindest behauptet meine Frau, es handle sich um einen Goya). Zwar hätte ich “Tyll”, wenn ich es trocknen lassen hätte, vermutlich noch fertig lesen können, aber der Anblick des zerstörten Buches tat mir im Herzen weh, weshalb ich mich seiner an der Plaza de España entledigte, während ich bereits auf der Fahrt dahin ein Neues bestellt hatte (manchmal ist Amazon eben doch praktisch, auch wenn man Buchhandlungen bevorzugt). Natürlich trug dieses Unglück, verursacht von einer nicht zweckmäßig verschlossenen Wasserflasche, nicht zur Produktion von Glückshormonen bei.

Im Kino selbst folgte Unglück Nummer zwei. Da ich es nicht oft genug ins Kino schaffe, schaue ich mir normalerweise nur Filme an, über die ich einiges gelesen habe, oder die es die aufgrund anderer Qualitäten (Regisseur, Oscar, Globe, Löwe, Bär, usw.) auf meinen Radarschirm geschafft haben. Am Donnerstagnachmittag aber hatte ich ganz spontan Karten für einen französischen Film gekauft, über den ich, entgegen meiner Gewohnheit, nur wusste, dass es um einen Schauspieler in meinem Alter geht, der sich wegen unhöflicher Anspielungen einer halb so alten Schauspielerin, mit welcher er einen Film dreht, alt und uncool zu fühlen und sein Leben auf den Kopf zu stellen beginnt. Ich wollte den Film unbedingt sehen. Wer weiß weshalb? – eigentlich unerklärlich. Bereits nach wenigen Minuten wusste ich aber, dass ich einen Fehler begangen hatte. Trotz Starbesetzung wurde mir seichter französischer Humor aufgetischt. Nach ein paar Minuten, noch früh im ersten Akt, brachte der Schauspieler seinen Sohn in den Kindergarten und merkte dort, wie er (ein Star) dabei heimlich fotografiert wurde, was ihm gar nicht passte, da er nicht “als Vater der seinen Sohn in den Kindergarten bringt” gesehen werden wollte. A tomar por el culo, dachte ich und beschloss, mich in einen anderen Film zu setzten.

Draußen schlich ich durch die leeren Kellergänge des Cines Renoir. Aus allen Sälen drangen Kinogeräusche. Ganz leise Spannungsmusik, dann laut, laut, laut (ein Horrorfilm). Oder intensives Geflüster. Gefühlvolle Musik. Eben jene besondere Atmosphäre in den verlassenen Gängen eines Kinos, während auf allen Leinwänden Vorstellungen im Gange sind. Normalerweise kennt man diese Atmosphäre nur, wenn man vor dem Kino zu viel getrunken hat (oder im Kino trinkt) und mitten während des Films aufs WC muss. Für mich war die Erfahrung also neu (fast neu, oder besser gesagt: eine ferne Erinnerung).

Leider waren die atmosphärischen Gänge aber nicht ganz verlassen. Überall schlichen sich Blaugekleidete herum. Nicht punk motherfuckers with a badge and a gun, sondern Kinoangstelle. Vor dem Saal, den ich ansteuerte (I, Tonya), standen gleich zwei dieser Gestalten, was den geplanten Filmwechsel unmöglich machte. Oder nicht unmöglich: Ich hätte zumindest ein Fünfzig-Prozent-Chance gehabt, hineingelassen zu werden, wenn ich nett gefragt hätte, aber den Kinogeräuschen nach zu schließen, befand die Geschichte sich bereits am Wendepunkt des ersten Aktes. Ich war definitiv zu spät dran.

Ich stieg also die Treppe hoch, um mich zu erkundigen, ob ein Film außerhalb der üblichen Stunden (Beginn zwischen 1800 und 1830) lief. Vielleicht ein überlanger Film. Im Renoir Princesa fand ich keinen; auch nicht im Golem – auf der anderen Seite der Fußgängerunterführung mit dem immer schlecht besuchten deutschen Restaurant, welches einmal eine Kegelbahn hatte, die in den 90er Jahren beliebt gewesen sein soll  –  dafür aber im Renoir Plaza de España. Kein überlanger Film, sondern ein sehr kurzer. The Party von Sally Potter.

The Party ist ein englischer Film, der sich in Echtzeit in einem Haus abspielt. Theaterkino. Gute Schaupspieler – mit von der Party ist unser Bruno Ganz, der Welt als Hitler in Erinnerung geblieben, aber in der Party einen langweiligen alten Hippie darstellend, der über die Selbstheilungskräfte des Körpers und ähnliches faselt. Es geht trotz des Titels nicht um eine Party, sondern um eine Einladung zum Abendessen – eine dinner party. Diese findet im Haus einer Politikerin statt, welche soeben zur Schattenminister für das Gesundheitswesen ernannt worden ist. Dieser Umstand soll mit ein paar Freunden gefeiert werden. Unser Bruno ist einer dieser Freunde. Dazu kommen ein kranker Ehemann, eine nervende gender-study Professorin und ein paar andere Langweiler. Kermode, dem ich vertraue, auch wenn unser Geschmack nicht immer derselbe ist, fand den Film gelungen, mir hat er nicht gefallen. Auch wenn die Darsteller tatsächlich Gelungenes geboten haben mögen, habe ich doch besseres zu tun, als mir siebzig Minuten lang much ado about nothing anzuschauen. Trotzdem blieb ich sitzen, da ich ja eigentlich das Kino nie frühzeitig verlasse. Oder nur ganz selten, bei ganz blöden französischen Komödien.

Die Mission meine schlechte Stimmung zu vertreiben, war als auf ganzer Linie gescheitert. Ein kaputtes Buch, ein sehr schlechter Film und einer der mir gleichgültig war. Ich fuhr wieder nach Hause. Beim Einschlafen dachte ich: not a factor. All good.

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