Helden ohne Bösewichte

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Adolf Muschg ist mir seit Jahrzehnten ein Begriff. Als ich ein Kind war, saß er in gelehrten TV-Runden und referierte über allerlei Themen. Muschgs Ansichten waren, wenn ich mich richtig erinnere, “branchenüblich”, wie man sie halt von einem Intellektuellen erwartete: die Schweiz muss sich gegen Europa hin öffnen, Einwanderung als Chance für unser Land und so weiter. Wenig kontrovers, aber durchdacht und sprachgewandt vorgetragen. Mich beeindruckte damals, dass Muschg auch im deutschen Fernsehen zu deutschen Themen seine Meinung äußerte. Es muss sich bei ihm um einen bedeutenden Intellektuellen handeln, dachte ich immer. Im Dorf wurde manchmal die Frage gestellt, weshalb einer, nur weil er Berufs wegen Geschichten erfinde, glaube, alles besser zu wissen und zu dies und jenem seinen Senf dazugeben zu müssen, aber irgendwie waren wir doch stolz auf unseren Muschg, der mit Schweizer Akzent den deutschen ihre Politik erklärte. (Immerhin war er kein “Nestbeschmutzer” wie Jean Ziegler, der andere TV-Intellektuelle mit Ausstrahlung über die Landesgrenzen hinaus.)

Unter dem Bild Muschgs stand jeweils “Schriftsteller”, aber über seine Bücher wusste man wenig, sie wurden selten besprochen. Über Dürrenmatt, Frisch und auch Bichsel hörte man an der Schule – sie waren auch Nichtlesern ein Begriff. Muschg aber kannte man nur als Gesicht aus dem Fernseher.

Nun, dreißig Jahre später, hab ich also meinen ersten Muschg gelesen. “Eikan, du bist spät”, ein zufällig in der Gebrauchtbuchhandlung der deutsch-evangelischen Gemeinde in Madrid gekauftes Buch.

Es geht um den Cellisten Andreas Leuchter und seine Beziehung zu Sumi, einer Japanerin, die ebenfalls Cello spielt. Das Buch besteht eigentlich aus zwei Teilen: Im ersten wird die relativ kurze Zeit beschrieben, die Andreas mit Sumi verbringt und die mit dem mysteriösen Verschwinden seiner japanischen Freundin endet; für den zweiten Teil springen wir fünfzehn Jahre nach vorn: Andreas erhält von Sumi ein Zeichen (er wird in die Jury eines Cello-Wettbewerbs eingeladen) und reist nach Japan. Ob es zur Wiederbegegnung kommt, soll hier nicht verraten werden.

“Eikan” ist ein Buch über ein Künstlerleben und die Klippen und Brüche in einem solchen (im zweiten Teil des Buches ist Andreas nicht mehr Musiker sondern Musikstudio-Besitzer), ein Buch über Japan (Muschg ist eine Art Japan-Spezialist) und auch ein Liebesroman (Muschg ist in dritter Ehe verheiratet – mit einer Japanerin versteht sich). Muschgs Liebe zur Sprache und seine Bildung (es gab neben dem Intellektuellen und dem Schriftsteller Muschg auch noch Prof. Muschg welcher an der ETH angehenden Ingenieuren deutsche Literatur näher brachte – kein Job um den man ihn beneidetete, ungefähr mit unserem Philosophen an der HSG vergleichbar) – Muschgs Liebe zur Sprache und seine Bildung also glänzen auf jeder Seite wie Tau auf der Wiese im Morgenlicht. Dieser schöngeistige Nimbus in Verbindung mit meinem Interesse für die Themen des Buches sorgten dafür, dass es mir gut gefiel. (Ich habe mir Muschgs neustes Buch bereits vorgemerkt – es geht um zwei Bergwanderungen im Wallis: eine unternommen vom Schreibenden selbst, die andere von einem gewissen Goethe.) Ein breites Publikum hat aber “Eikan” wohl nicht gefunden. Zwar entwickelt die Handlung eine gewisse Spannung (Wiederbegegnung oder nicht), sie ließe sich aber, um mit David Mamet zu sprechen, ungefähr so zusammenfassen: mildly interesting things happen to mildly interesting people. Wer erzählerisches Adrenalin sucht, kommt nicht auf seine Rechnung. Wer Geschichten mag, in denen etwas Großes auf dem Spiel steht auch nicht.

Eins ist mir noch aufgefallen. Etwas, dass mir in literarischen Büchern öfters auffällt: Der “Held” – also der Cellist Andreas Leuchter – stand sich selbst im Weg. Es gab keinen Bösewicht; der berühmten Antagonist des Dramatikers, der gegen einen schrecklichen Drachen ins Feld ziehende Held der Mythen fehlte. Leuchter legt sich alle Steine selbst in den Weg. Er trinkt zu viel; tut was er es unterlassen sollte; unterlässt was er es tun sollte. – Warum sind Protagonisten, die sich selbst Steine in den Weg legen so beliebt in der „ernsthaften Literatur“? Warum denkt man manchmal for God’s sake, just sort yourself out! (um es mit Jordan Peterson zu sagen). Sort yourself out und die Geschichte ist zu Ende.

Vielleicht ist der Grund dieser wiederkehrenden Selbstsabotage literarischer Helden darin zu suchen, dass es sich bei den Autoren fast immer um gebildete, weiße, westliche Männer handelt, Vertreter einer Bevölkerungsgruppe also, denen niemand Steine in den Weg legt. Menschen die es gewohnt sind, widerstandslos zu leben. Und weil es Steine und Hindernisse und Gegner und Bösewichte braucht, um eine Geschichte zu erzählen, wird dem Held ein Dämon auf die Schulter gesetzt.

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