Googlekratie

Mein Freund D. ist, was Big Brother anbelangt, vorsichtig – um es Milde zu sagen. Er hat über die NSA gelesen, “Snowden” gesehen, usw. Er glaubt, wir würden ständig überwacht und das behagt ihm gar nicht. Man kennt solche Menschen: Sie kleben die Kamera ihres Computers zu, meiden Google und searchen auf DuckDuckGo; sie löschen ihr Facebook-Konto und haben die Ortungsdienste für alle Apps auf ihrem Mobiltelefon permanent deaktiviert. Manchmal sprechen sie davon, ihr Smartphone wieder gegen ein Nokia einzutauschen. Kurz gesagt: D. hinterlässt so wenig digitale Spuren wie möglich.

Vor einigen Tagen trafen wir uns und, damit wir ihn und seine Familie fänden, stellte er kurz den Ortungsdienst auf seinem Handy ein und schickte mir seine Location per WhatsApp. Seine Präsenz im digitalen Raum dauerte ein paar Minuten, dann trafen wir uns und er verabschiedete sich wieder aus dem Netz. Später bestellten wir bei mir zuhause Pizza. Ich bestellte sie mit meinem Computer über mein Wifi.

Am nächsten Morgen, als D. online Zeitung las, wurde er mit Werbung von jenem Pizza-Lieferdienst bombardiert, bei welchem wir am Vorabend bestellte hatten.

Wie hat Googles Algorithmus diese Verbindung hergestellt? Die WhatsApp-Map sieht etwas anders aus, als Google Maps, aber es könnte sein, dass WhatApp Googles Map Services in Anspruch nimmt, oder einfach dass die beiden Firmen Information austauschen. Auf alle Fälle wusste Google, dass D. mir eine Location geschickt hatte, oder dass wir uns zumindest für kurze Zeit am selben Ort befanden. Alles andere hat Google sich selbst zusammengerechnet. Vielleicht hat Google aufgrund der Tatsache, dass ich zwei Familienpizzen bestellt hatte, den Schluss gezogen, dass wir nicht alleine waren und dass mit höchster Wahrscheinlichkeit D. und seine Familie unsere Gäste waren. Wie dem auch sei: Google weiß nicht nur, was wir ihnen durch Suchanfragen oder die Inanspruchnahme anderer Dienstleistungen mitteilen, sondern sie kombinieren alle möglichen Daten, um unser Leben zu berechnen.

Dystopie? Oder sieht so die Demokratie der Zukunft aus? Man stelle sich “einen Algorithmus” vor, von dem wir uns freiwillig beobachten lassen, genauso wie Google und Facebook das bereits heute tun, aber viel umfassender. Er (“der Algorithmus” in Kombination mit einer hack-sicheren Blockchain-ähnlichen Technologie) wird uns besser kennenlernen, als wir uns selbst kennen. Er wird sich weder von Instinkten noch von Ängsten und Hoffnungen leiten lassen, sondern unser Leben nüchtern betrachten und zu rationalen Entscheidungen in unserem besten Interesse fähig sein. Dieser Algorithmus wird – so das digital-utopische Gedankenexperiment – zu unserem ganz persönlichen digitalen Parlamentsabgeordneten. Das heißt, er verhandelt für uns mit allen anderen persönlichen Algorithmen aller anderen Bürger des Landes. In der digitalen Welt wäre eine Entscheidungsfindung zwischen Millionen von Abgeordneten durchaus möglich. Nicht Lobbys oder Populisten würden bestimmen, sondern das Interesse jeder Bürgerin und jedes Bürgers stünde im Zentrum der “Debatten”.

Schockiert? Weshalb? Unser Demokratie-Algorithmus wäre doch eigentlich nur ein etwas kompliziertes GPS welches, sämtliche Verkehrsinformationen in Anspruch nehmend, den schnellsten Weg von A nach B für uns findet. Oder ist der Abgeordnete XY von der Partei Z wirklich der geeignetere Vertreter unseres Willens?

Unsere Zukunft wird entweder digital oder sie wird gar nicht. Ob dystopisch oder utopisch wird sich zeigen. Vermutlich weder noch, sondern sowohl als auch. Und vielleicht wird die neue Grenze zwischen dem “globalen Süden und dem globalen Norden” die Trennlinie zwischen digitaler Utopie und digitaler Dystopie sein.

 

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