Three Billboards, Mary Magdalena und Annihilation

Leinwand

Ich war drei Mal im Kino. Zweimal in meinen Lieblingskinos an der Plaza de España (Golem bzw. Renoir) und einmal in Abels Heimkino hoch über Madrid, im elften Stock eines auf dem höchsten Hügel der Stadt gelegenen Wohnblocks.

„Annihilation” sah ich bei Abel. Alex Garlands neuer Science-Fiction-Film hatte in Spanien keine Kino- sondern eine Netflixpremiere. Abel meinte, das sei kein gutes Zeichen, aber Garland hatte sich bereits als Drehbuchautor von „28 Days Later”, „Sunshine” und „Never Let Me Go” und seines eigenen Regiedebuts „Ex Machina” (2015) ausgezeichnet. Ich hatte also trotz der Netflixpremiere einige Erwartungen an “Annihilation”.

„Annihilation” adaptiert zwar einen Roman von Jeff VanderMeer für die Leinwand (ich habe nichts von VanderMeer gelesen; mein Vorsatz, dieses Jahr SF zu lesen, trägt noch wenig Früchte), aber Garlands Vorbild war offensichtlich „2001 Space Odyssey”. Wie Kubricks Meisterwerk und andere große SF-Filme (man denke an Tarkowski und sogar „Metropolis”) nimmt uns „Annihilation” mit auf eine Reise in eine unbekannte Welt, deren Regeln man nur ganz allmählich zu verstehen beginnt. Mehr als die Handlung und die Logik sind es die Bilder, welche uns in ihren Bann ziehen. Bei „Annihilation” handelt es sich um eine Entdeckungsreise in ein Stück Land im Süden der USA, welches militärisch abgesperrt wurde, weil dort Merkwürdiges geschieht. Eine Art Schimmer liegt über den verlassenen Sümpfen und Urwäldern und alle bisherigen militärischen Expeditionen in die gesperrte Zone hinein sind spurlos verschwunden. Wir folgen im Film vier Frauen, der ersten nicht militärischen sondern rein wissenschaftlichen Expedition, in dieses merkwürdige Gebiet. Dort begegnen wir mutierten Pflanzen und Tieren. Irgendeine Kraft scheint Lebensformen zu kopieren und mit anderen zu verbinden und dadurch eine Art von lebenden Collagen zu schaffen, welche zwar sprießen und blühen, aber aus menschlicher Sicht unverständlich bleiben und keiner Logik folgen. Bekanntes löst sich auf um sich als Unbekanntes wieder zu konstituieren. Die vier Wissenschaftlerinnen bleiben von dieser Kraft nicht verschont: auch sie beginnen im chaotischen Wuchs ihren inneren und äußeren Zusammenhalt zu verlieren.

Das hört sich für mich eigentlich alles sehr interessant an, aber der Film ließ mich trotzdem kalt. Ich habe nie – weder auf intellektueller noch auf intuitiver Ebene verstanden – worum es eigentlich ging. Die Bilder taten ihre Wirkung nicht. Das mag auch daran gelegen haben, dass ich zwei der vier Protagonistinnen klischeehaft fand, eher in einen konventionellen Film passend, als in ein Werk mit avantgardistischen Ansprüchen. Vielleicht fanden die Filmemacher, dass man mit einem fortschrittlichen Diversitätskonzept diesen Ansprüchen Genüge getan habe: alle Heldinnen sind Frauen – das sieht man wirklich nicht oft. Leider aber genügt dieses progressive Casting nicht, um uns für die Figuren warm werden zu lassen.

Auf dem Heimweg in der Metro überflog ich ein paar Kritiken. Man gibt sich begeistert, aber auch die wohlmeinenden Kritiker bleiben in ihren Ausführungen sehr vage – so vage, dass man den Schreibenden nicht immer glaubt, ob sie den Film wirklich so sehr mochten, oder einfach dachten, sie müssten ihn lieben.

Auch „Mary Magdalene” beeindruckte mich nicht sonderlich. Während man aber in „Annihilation” im Dunkeln tappt, wird bei „Mary” schnell klar, was die Filmemacher im Sinne haben. Maria Magdalena war eine Apostelin … sagt man das? Vielleicht nicht, denn mehr als zweitausend Jahre lang gab es nur Apostel. Auf alle Fälle wurde Maria Magdalena erst im Jahre 2016 zum Apostel benannt. Vorher galt sie einfach als Prostituierte, die Jesus folgte und das obwohl sie die erste war, der Jesus nach seiner Auferstehung vom Grab begegnet war. Der Film hat sich also vorgenommen, diese Korrektur, welche per päpstlichem Bulletin vorgenommen worden ist, einer weiteren Öffentlichkeit bekannt zu machen. Kurz gesagt geht das so: Peter und die anderen Apostel glauben, dass Jesus gekommen sei, um die weltlichen Machtverhältnisse auf den Kopf zu stellen (sprich: die römischen Besetzer zum Teufel zu jagen), während seine Jüngerin Maria begreift, dass der Herr vom Königreich im Innern spricht. Nach dem Kreuztod des Messias glauben die Jünger, welche wütend sind, dass der Auferstandene sich zuerst einer Frau gezeigt hatte, dass sie ausziehen müssten, um das Wort Jesus auf disziplinierte und organisierte Art und Weise in die Welt hinauszutragen (sprich: die Kirche zu gründen), während Maria aufbricht, um eben jenes Königreich in sich selbst zu finden und es durch ihr Leben in der Welt leuchten zu lassen. Ich finde diese Neuinterpretation von Maria Magdalena zwar im Ansatz gelungen, sie kommt aber leider viel zu seicht daher. Ich bevorzuge die Maria aus „The Last Temptation of Christ” – und auch Scorseses Christus hat es mir mehr angetan.

Der dritte Film gefiel mir am besten: „Three Billboards Outside Ebbing, Missouri”. Von der Handlung möchte ich nicht viel verraten. Es geht um einen unaufgeklärten Mord an einem Mädchen in Ebbing, Missouri und eben drei Reklametafeln außerhalb jener Kleinstadt, auf welchen die Mutter der Vergewaltigten und Ermordeten, das Polizeidepartment anklagt, die Ermittlung nicht ernst genug zu nehmen. Wie bei den anderen beiden Filmen haben wir es also wiederum mit einer Heldin zu tun, in der für mich eindrucksvollsten weiblichen Hauptrolle der drei Filme. Frances McDormand hat für ihre Darstellung einer kämpfenden Mutter den Oscar gewonnen.

Frances McDormand … das läßt einem an die Coens Brothers denken, und tatsächlich erinnert der Film an „Fargo”. Der Regisseur Martin McDonagh ist ohne Zweifel ein Nachfolger der Coens. Ich mag McDonagh, welcher sich zunächst als sehr erfolgreicher Theaterautor einen Namen gemacht hatte, schon seit seinem ersten Film „In Bruges”. Seine Filme sind unvorhersehbar. Wir haben gewisse Erwartungen, wie Filmgeschichten sich zu entwickeln haben. So wissen wir zum Beispiel bei fast allen Filmen, wie sie ausgehen werden (gut) und ob sich die Heldin für jenen Mann, den sie am Anfang nicht mag, der aber im Grund ein gutes Herz hat, doch noch erwärmen wird (ja). Nicht so bei McDonagh. Man weiß nie, woran man ist. Gewisse Storylinien brechen abrupt ab, oder laufen einfach ins Leere. Erwartungen werden nicht erfüllt. Oder besser gesagt: Nicht immer. Das Gute gewinnt nicht – oder nur manchmal.

Der Titel macht einem Glauben, dass es sich bei „Three Billboards” auch um einen Film über Amerika handele – doch dem ist nicht so. Amerika ist für McDonagh das neue Irland. Als Kind irischer Einwanderer in London geboren, hatte er sich als der irische Dramatiker gestylt. All seine Stücke spielten in einem streit- und trinksüchtigen Irland, welches aber (gemäß meinem irischen Freund James) fast gar nichts mit dem eigentlichen Irland gemein hat. Genauso verfährt McDonagh mit Amerika. Amerika, seine Sprache und Klischees dienen McDonagh als Rohmaterial, nicht um amerikanische Geschichten zu erzählen, sondern um über das Leben selbst zu schreiben. Leben, wie es irgendwo stattfinden könnte. Dramatisches Leben voller Unvorhersehbarem, Gewalt und Hass. Viel Pech – aber manchmal auch Glück und Liebe. Über „Billboards” sollte man nicht zu viel lesen, sondern sich einfach hineinsetzen und überraschen lassen.

[Bild: Abel, welchem “Annihilation” nicht gefallen hat, lässt die Leinwand noch während der von “2001” inspirierten Schlusssequenz bereits wieder hochfahren.]

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out /  Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out /  Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out /  Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out /  Change )

Connecting to %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.