Die Renaissance und das Zeitalter von AI

Renaissance

Bernd Roeck erzählt in „Der Morgen der Welt“ auf 1,300 Seiten die Geschichte der Renaissance.

In etwas weniger Worten geht das ungefähr so: Im vierten Jahrhundert, nach dem Zusammenbruch des römischen Reichs in Westeuropa (das von der Hauptstadt am Bosporus aus regierte Ostrom blieb noch tausend Jahre lang bestehen), geriet das Wissen des europäischen Altertums in Vergessenheit. Die erstaunlichen geistigen und praktischen Errungenschaften der beiden antiken Hochkulturen Griechenlands und Roms (ganz grob gesagt: die Errungenschaften griechischer Theorie und römischer Praxis) gingen im tausendjährigen Trubel des Mittelalters unter. Die Kirche war über die Jahrhunderte zu einem machthungrigen Monster herangewachsen und hatte sich Rom, die Stadt, in der Christen früher Löwen zum Fraß vorgeworfen worden waren, unter den Nagel gerissen. Von dort aus unterdrückte sie tausend Jahre lang das freie Denken, den freies Denken gefährdet Dogma und somit die Daseinsberechtigung der Dogmatiker. Auch die weltlichen Herrscher auf dem Kontinent hatten alle Hände voll zu tun, um nicht aus ihren Sätteln zu fallen. Es blieb ihnen wenig Zeit und Muse für intellektuelle Eskapaden.

Aber wie immer ist das Bild nicht schwarz und weiß: Die Kirche unterdrückte das Wissen des Altertums nicht nur – in ihrem Schoß wurde es auch bewahrt. In den Klöstern wurden die alten Schriften von Hand abgeschrieben und kopiert und auch kommentiert, allerdings immer in den Fesseln der katholischen Doktrin. Noch viel mehr als die katholischen und byzentisch-orthodoxen Klöster trug aber das Muslimische Reich zur Überlieferung der alten Schriften bei. So stand zum Beispiel das muslimische Spanien al-Andalus (711 und 1492) dem klassischen Denken und Wissen viel offener und freier gegenüber als das katholische Europa. Die grössten Bibliotheken der Welt wurden damals von Muslimen geführt: Sie standen in Alexandria und Bagdad.

So überlebte das antike Wissen die dunklen Jahrhunderte und erwachte zu Beginn der Renaissance aus einem tausendjährigen Schlaf. Auf die Frage warum es in Europa (genauer gesagt: in Italien) wiederentdeckt wurde – weshalb dort und weshalb dann? – und in der Folge die Welt veränderte, gibt es keine einfache, in ein paar Punkten zusammenfassbare Erklärung. Vieles kam zusammen: Der Untergang des Byzantischen Reichs im Osten und die Flucht der östlichen Intellektuellen in den Westen (die Eroberer, Muslime, hatten damals ihren intellektuellen Höhepunkt bereits überschritten – zu Zeiten von al-Andalus hätte man die Intellektuellen wohl nicht in die Flucht geschlagen); die politischen Umstände in Italien, wo einige mächtige Staatstaaten entstanden, welche große finanzielle Überschüsse erzielten; eine Zeit des Temperaturanstiegs, welche die landwirtschaftliche Produktion erhöhte; aber auch die Pest, welche den Kontinent entvölkerte, so dass den Überlebenden wieder genug Ressourcen zur Verfügung standen; schließlich natürlich auch die Erfindung des Buchdrucks … Vieles gäbe es noch hinzuzufügen. – Wer wochenlang in den Seiten Roecks versinkt, wird sich bewusst, dass wir kurze Erklärungen zwar lieben (dafür hat wohl die Evolution gesorgt, den unser Überleben hing Jahrtausende lang von unserer Fähigkeit ab, Ursachen und Wirkungen schnell zu verstehen), dass aber in Tat und Wahrheit alles kompliziert und vernetzt und nur ansatzweise verständlich ist.

Ohne also Roecks Ausführungen zusammenfassen zu wollen (das macht Wikipedia bestimmt besser), springen wir in Jahrundertschritten vorwärts: in der Renaissance liegen die Wurzeln der Amerikafahrt des Kolumbus (der Ursprung der Globalisierung, bei welcher es sich eigentlich um die Europäisierung der Welt handelt), der Entstehen von Nationalstaaten, den ersten empirisch-wissenschaftlichen Versuchen, der Aufklärung, der Industriellen Revolution. Weiter geht’s vom Britischen Imperium zu den Vereinigten Staaten von Amerika, zur globalisierten Welt nach westlichem Model. Dann folgt die technologischen Revolution. Und heute steht uns das Zeitalter der Künstlichen Intelligenz bevor: die mögliche Ablösung des Menschen als der intelligentesten unten den bekannten Lebensform.

Roecks Buch über die Renaissance listet akribisch alle Beteiligten auf: die Philosophen, Akademiker, Architekten, Künstler usw., die während den Jahrhunderten der Renaissance das alte Wissen ausgegraben, interpretiert, weitergesponnen und angewandt haben. Auch diejenigen die eine solches ermöglichten: Fürsten und Forscher, Erfinder und Entdecker; und natürlich auch die vielen Verhinderer: die Dogmatiker und die Inquisitoren. Und trotzdem: Obwohl es einem fast schwindlig wird vom wochenlangen Lesen von Namen, Zahlen und Fakten (oft droht man vor lauter Bäumen den Wald nicht mehr zu sehen – zum Glück wendet Roeck den Blick zwischendurch immer wieder auf das große Ganze) sind es doch nur sehr wenige gewesen, welche in der Renaissance ihren Beitrag dazu geleistet hatten, das menschliche Wissen weiterzuentwickeln und damit Stein um Stein den Weg zu pflastern, der uns dahin geführt hat, wo wir heute sind.

99% der Europäer jener Jahrhunderte der Wiederentdeckung, oder wohl besser gesagt: 99’999 von 100’000 aller Menschen, die damals zwischen Gibraltar und dem Nordkap lebten, haben von dem, was wir heute unter dem 15. und 16. Jahrhundert verstehen (eben jener magischen Zeit der Renaissance) nichts mitgekriegt. Sie wurden geboren und starben ein paar Jahrzehnte später wieder – meist amselben Ort. Manchmal herrschte Frieden, manchmal Krieg, manchmal hatten sie Hunger und manchmal volle Bäuche, aber ihre Welt veränderte sich kaum. Was wir auch in 1’300-seitigen Büchern über jene Jahrhunderte erfahren, hat nichts mit dem Leben der Menschen von damals zu tun. Alles was uns beschäftigt, ist die Geschichte einer verschwindend geringer Anzahl von Menschen. (Das soll keine Kritik am Buch oder der Geschichtsforschung sein: natürlich interessiert uns da Vinci mehr als irgendein Bauer. Für den Bauer ist, wenn überhaupt jemand, der Romancier nicht der Historiker zuständig.)

Und wie sieht es heute aus? Wir leben in einer Zeit in der jedem Menschen (der über einen Internetanschluss verfügt) sämtliches Wissen aller Zeiten zugänglich ist. Und trotzdem hat sich die Situation nicht verändert. Wenn die Geschichte unserer Zeit einmal geschrieben werden wird (falls sie einmal geschrieben werden wird), wird sie – so glaube ich – als der Beginn des Zeitalters der Künstlichen Intelligenz beschrieben werden.

Künstliche Intelligenz (AI – artificial intelligence), muss man sich vor Augen führen, ist die Schaffung einer neuen Lebensform, welche der menschlichen hoch überlegen sein wird. Wenn AI einmal der Sprung (oder besser gesagt: die Vernetzung) zu GAI gelingen wird (general artificial intelligence – das heißt, dass „eine Maschine“ (oder besser gesagt: ein Algorithmus) den Menschen nicht mehr nur beim Schachspielen oder beim Berechnen und Ausführen von Operationen am Finanzmarkt oder bei der Plannung politischer Kampagnen überlegen sein wird, sondern in jedem Bereich – wenn AI sich also zu GAI vernetzt, wird die GAI selbst ihre eigene Weiterentwicklung übernehmen. Die Fähigkeit von GAI wird ab dann progressiv ansteigen – steil in die Höhe schießen! – und der Graben zwischen menschlicher und künstlicher Intelligenz wird in kürzester Zeit so groß sein, wie derjenige zwischen einer Raupe und einem Menschen.

Der Mensch hat sich Gott geschaffen, hört man manchmal (schließlich haben Menschen die Bibel geschrieben und Kirchen gebaut). Im Zeitalter der GAI aber, wird dieser Ausdruck eine ganz neue Bedeutung erlangen. GAI – ob mit Bewusstsein ausgestattet oder nicht, darüber streiten sich die Experten, wobei die Mehrheit auf die Bewusstseinserlangung von AI tippt – wird dem Menschen als eine Art Gott erscheinen müssen.

Wir leben also – so glaube ich – ganz am Anfang des Zeitalters der Künstlichen Intelligenz. Und wie schon in der Renaissance zieht diese Entwicklung über die Köpfe fast aller Menschen hinweg. Wir zahlen für die Entwicklung indem wir die Produkte der Firmen brauchen, welche AI vorantreiben (die fünf Vorreiter sind Firmen, welche diejenigen von uns, die mehr als dreißig Jahre alt sind aus dem Nichts entstehen gesehen haben: Google, Microsoft, Facebook, Amazon und Apple), aber unser Einfluss auf die Entwicklung ist gleich null. Man schätzt dass weltweit ungefähr 10’000 Menschen die technologischen Fähigkeiten haben AI auf höchstem Niveau voranzutreiben. Auch wenn dazu nochmals 100’000 Investoren und Ermöglicher und Spitzenanwender kommen, sind nur 0,00001% der Menschheit an dieser Entwicklung beteiligt.

Im Gegensatz zum gewöhnlichen Renaissance-Menschen (damit meine ich nicht the renaissane man: also einer, der alles wusste, was man wissen konnte, sondern einen Menschen, der während der Renaissance gelebt hatte), haben wir heute aber immerhin die Gelegenheit, die Entwicklung von AI – und damit die Entstehung einer neuen Welt – live mitverfolgen zu können. In den Zeitungen ist davon kaum je etwas zu lesen, aber das Internet und natürlich die Bibliotheken sind voller Ressourcen.

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