Über Murakami und seinen Commendatore

Kyoto

Seit vielen Jahren wird Haruki Murakami (oder wie Kenner sagen: Murakami Haruki – ausgesprochen wie in einem Samurai-Film) als Nobelpreiskandidat gehandelt. Die Chance, dass er eines Tages gewinnen wird, stehen nicht schlecht. Zwar wird der bescheidene Japaner nächstes Jahr siebzig, aber er treibt Sport, isst maßvoll, arbeitet diszipliniert, liest, hört Musik und geht früh zu Bett. Er wird noch lange schreiben.

Wäre Murakami ein verdienter Nobelpreisträger? Vielleicht, schließlich ist er ein Phänomen, das Leser süchtig macht. Andererseits aber glaube ich, dass Murakamis Bücher in hundert Jahren vergessen sein werden. Dem Nobelpreis stünde das natürlich nicht im Weg. In Stockholm, wie überhaupt im Leben, irrt man sich oft. Die Zeit ist der einzige Juror, welcher über den Einzug in den Kanon entscheidet. In diesem Sinn ist dieser Beitrag nicht mehr als die Reflexion eines Unwissenden.

An all die Murakami-Bücher zurückdenkend, die ich in den letzten fünfzehn Jahren gelesen habe, interessieren mich vor allem zwei Fragen. Erstens: Wie hat es der literarische Schriftsteller Murakami geschafft, zum globalen Bestsellerautoren zu werden, dessen Verkaufserfolge sogar manchen Genre-Giganten aus der Schublade X oder Y neidisch werden lassen? Zweites: Was entscheidet darüber, ob ein Schriftsteller auch in hundert Jahren noch gedruckt und gelesen werden wird?

Zum ersten Punkt: Murakamis Erfolg. Ich glaube dass dieser auf den folgenden drei Säulen ruht: Murakami schreibt (1) in einer einfachen, präzisen Sprache, welche den Leser bei der Hand nimmt und in (2) das Leben eines Helden einführt, der den Verwirrungen und Irrungen des modernen Lebens mit bewundernswertem Stoizismus gegenübertritt. Der Held, der eigentlich keine Held ist (nicht mal ein Antiheld, sondern einfach ein recht gewöhnlicher Mensch) geht “drei Mal in der Woche schwimmen”, „bereitet sich einfach Mahlzeiten zu” (beides klassische Murakami-Handlungen), und schafft es, sich ohne allzu große Anstrengung dem zeittypischen Virus des Immer-mehr-wollens zu entziehen. Trotzdem läuft im Leben des Helden natürlich etwas schief – schließlich muss die Geschichte an irgendeinem Haken hängen! Diese Schräglage konfrontierend kommt der Held dann (3) mit dem Mystischen in Kontakt. Er (und oft auch sie) und die Leser und Leserinnen werden mit einer anderen Welt konfrontiert, welche nur hauchdünn von der unseren getrennt ist. Eine mysteriöse Welt. Eine Welt die den Zauber und damit vielleicht sogar eine Art Sinn in unseren materialistischen Alltag zurückbringt. Diese drei Zutaten genügen, um einen Literaturkuchen zu backen, von dem Leser aus der ganzen Welt nicht genug kriegen können.

Aus Murakamis Buch über das Schreiben („Von Beruf Schriftsteller”) und auch aus seinem Buch über das Laufen (in welchem es natürlich auch ums Schreiben geht: „Wovon ich spreche wenn ich vom Laufen spreche”) haben wir eine ungefähre Vorstellung davon, wie der Schriftsteller sich diese andere Welt erschließt: Er setzt sich frühmorgens an seinen Schreibtisch, wo er konzentriert und ohne Ablenkung die schwere Tür zu seinem Unterbewusstsein aufstößt, hinter welcher er auf ebendiese mystische Welt trifft, die dann im Text das gewöhnliche Leben des gewöhnlichen Helden in Beschlag zu nehmen beginnt. Murakami geht dabei ohne Plan vor. Oder besser gesagt: Sein Plan ist nicht die auf Spannung und subtext ausgelegte Outline, sondern die Konzentration und das beharrlich Graben in den Tiefen des Unbewussten. Dort wo das Rationale und das Logische den mythischen Bildern Platz macht. Murakamis Geheimnis liegt nicht in der Idee, sondern im Prozess.

Zum zweiten Punkt: Murakamis Überlebensfähigkeit. Wird er in hundert Jahren noch gedruckt und gelesen werden? Auf diese Frage gibt es eine kurze Antwort: Keiner mehr der heute schreibt, wird in hundert Jahren noch gelesen werden! Und bei den ganz wenigen Ausnahmen ist nicht nach einer allgemeingültigen Erklärung zu suchen, sondern nach dem Einmaligen und Einzigartigen jeder Ausnahme, welche die sprichwörtliche Regel bestätigt. Mit meiner Wette auf die These, dass Murakami ein paar Jahrzehnte nach seinem Tod in Vergessenheit geraten wird, habe ich also – Millionenauflagen und Nobelpreisaussichten hin oder her – (beinahe sicher) bereits gewonnen.

Aber trotzdem. Einige haben überlebt. Zum Beispiel ein von Murakami hoch geschätzter Autor. Einer dem er einen Buchtitel und in seinem neusten Buch einen Kapiteltitel gewidmet hat. Einer der auch fast hundert Jahre nach seinem frühen Tod immer noch im Kopf vieler Leserinnen und Leser herumgeistert. Die Rede ist natürlich von Franz Kafka. Kafka hat neben seinen Kurzgeschichten, Briefen und Tagebüchern nur drei Romane geschrieben, aber alle drei kann und will man immer wieder lesen.

In Sachen Verkaufserfolg war Kafka das genaue Gegenteil von Murkami: Nur wenige seiner Geschichten wurden zu seinen Lebzeiten publiziert und ich bin mir nicht einmal sicher, ob seine Romane überhaupt dazugehörten, oder ob diese erst postum erschienen. Wie Murakami hat auch Kafka Bilder und Visionen aus seinem Unterbewusstsein beschrieben. Des Nachts, nach vollbrachtem Tagewerk als Versicherungsangestellter und anschließendem Tagebuchschreiben, ist er tief in seine Ängste und Obsessionen abgetaucht und hat seine Helden (ebenfalls gewöhnliche Menschen, Murkami-Helden nicht unähnlich – aber nun befinden wir uns im Prag des späten neunzehnten Jahrhunderts), hat er seine Helden also in ein Labyrinth hineingeschubst, aus welchem es kein Entkommen gab. Ich glaube, dass Kafka damit, vermutlich ohne es bewusst darauf angelegt zu haben, die kollektive menschliche Erfahrung seiner Zeit beschrieben hat. Einer Zeit, die lange vor ihm begann und bis heute andauert. In der Renaissance liegt der Keim des modernen Nationalstaats, welcher die Religion in ihre Schranken zu weisen vermochte und schließlich der Reformation, der Aufklärung und der industriellen Revolution den Weg ebnete. Als Kafka geboren wurde, war die Zeit reif. Er lebte kurz vor dem Erwachen “der Maschine”. Kurz vor dem Erwachen des Frankensteins aus Technologie, Bürokratie und Ideologie (die Religion war besiegt, Faschismus und Kommunismus strömten ins Vakuum). Kafka muss geahnt haben, dass die Maschine kurz vor ihrem ersten, schrecklichen Auftritt stand. Er wäre 57 Jahre alt gewesen, als gut 400 Kilometer westlich von seinem Geburtshaus Auschwitz in Betrieb genommen wurde. Die Chancen dass er als Jude dort geendet hätte (wäre er nicht vorher an der Tuberkulose gestorben), wären nicht klein gewesen. Und die Zeit der Maschine dauert an: Der Kapitalismus wird immer unübersichtlicher, die Technologie immer selbstständiger und die Ideologien immer schriller. Kafka hat uns also immer noch etwas zu sagen. Sein Werk kommt mir deshalb vor, wie ein weggeworfener Apfel: Eine Frucht, die auf dem Boden verrottet (Kafka wollte, dass seine erfolglosen Schriften nach seinem Tod verbrannt werden), aus dessen Kernen aber ein großer Baum gewachsen ist, der jedes Jahr Früchte trägt und an dem ganze Generationen sich erfreuen. Die Frage ist, womit man Murakamis Werk vergleichen soll. Mit einem verrotteten Apfel sicher nicht, dafür ist Murakami viel zu berühmt. Ob es aber lebendig ist und den Kern für ein langes Leben in sich trägt, bleibt dahingestellt.

Schauen wir uns sein neustes Buch an, diesen halben Roman namens “Die Ermordung des Commendatore Band 1: Eine Idee erscheint”. Es hat mir gefallen, obwohl es, wie viele andere Murakami Bücher, kaum offene Fragen hinterlassen hat. Trotzdem war es ein page-turner wie nur Murakami ihn schreiben kann. Man will wissen, wie es weitergeht, obwohl eigentlich nur sehr wenig passiert: Ein Porträtmaler zieht sich nach seiner Scheidung in ein einsames Berghaus zurück, wo die Auftragsarbeit eines Millionärs ihm hilft, seinen eigenen Stil zu finden und vom Lohnmaler zum Kunstmaler zu avancieren. Dabei begegnet er, wie der Titel sagt, einer „Idee”, welche in Form eines mysteriösen kleinen Männleins, dass nur er sehen kann, daherkommt. Allzu viel lässt sich über diese Idee in diesem ersten Teil des Romans nicht sagen, außer, dass sie, die Idee, zu Kafkas Zeiten sich in Prag herumgetrieben zu haben scheint. Auch die Ermordung eines Nazis im ins Reich heimgekehrten Wien spielt irgendwie hinein.

Wiederum sind es die gewohnten Element, die einem bei der Hand nehmen: die Klarheit der Sprache, das Stoische des Helden, das Auftreten von etwas Geheimnisvollem aus einer anderen Welt. Saubere Beschreibungen und offene Fragen geleiten einem durch das Buch. Man will wissen, wie es weitergeht, aber nicht wie in einem geschickt konstruierten Thriller. Bei Murakami liegt die Spannung in den kleinen Details. Den kleinen Ungereimtheiten, die der Aufklärung bedürfen. Ich mochte dieses Buch und ich werde Band 2 lesen, sobald er erscheint. Trotzdem glaube ich nicht, dass es mich nach abgeschlossener Lektüre weiter begleiten wird. Murakami lesen ist mehr Medizin als Therapie. Mehr Kuchen als Apfel.

[Foto von James Carey: Chinesische Touristinnen in Geisha-Kleidung am Fushimi Inari Taisha Schrein in Kyoto, Japan]

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out /  Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out /  Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out /  Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out /  Change )

Connecting to %s