Hardware Sound Design

Gestern Kuchen bei Nachbarn (selbstgebacken, ohne Gluten versteht sich). Sie sind zu dritt: die Eltern und eine Tochter in Pauls Alter. Eine kleine Wohnung: ein winziger Eingangsbereich, links geht’s in die Küche, geradeaus in die Stube; von der Stube aus führt ein Gang zu den drei Schlafzimmern, zwei rechts mit Fenstern zur Straße, eins links mit einem Fenster zum Lichthof; daneben das Bad. Die Wohnung ist überlastet (könnte man sagen). Nicht von unserem Besuch, sondern von Dingen. Der Grund dafür ist zunächst der Beruf des Vaters: Er ist Musiklehrer und die Hälfte der kleinen Stube wird von einem gewaltigen schwarz-lackiertem Flügel eingenommen (der freie Platz unter und hinter dem Flügel ist mit Dingen verstellt, welche in die Besenkammer gehören würde, wäre eine solche vorhanden); der Grund dafür ist auch das Hobby des Vaters: Sound Design alter Schule – dazu später mehr. Zunächst fällt der Blick aufs Büchergestell: Zwei Billyregale von unten bis oben voll gestopft. Viel Altes – Zugefallenes? Geerbetes? Die beiden Tolstoi-Bände mit goldenen Lettern sehen eher nach repräsentativen Bibliotheksbüchern aus, weniger nach aus Interesse gekaufen Büchern. Sicher nicht selbst gekauft, sondern von irgendwoher übernommen. Das soll nicht heißen, dass sie ungelesen geblieben sein müssen. Den Gastgebern ist ein Interesse am russichen Meister durchaus zuzutrauen. Daneben stehen aber auch unlesbare Bücher und Bücherreihen vom Typ Enzklopädie. Das Urteil ist recht schnell gefällt: Gelegentliche Leser y nada más. Die CD-Wand ist um einiges besser bestellt. Vor allem Jazz und Klassik. Einiges von der “Deutschen Grammophon”-Kollektion. Sieht gut aus, aber ich wage kein Urteil. Auch Filme sind viele zu finden, vor allem Klassiker.

Aber doch noch zum bereits erwähnten Hobby des Vaters: Sound Design. Ein ganzes Zimmer ist mit Hardware vollgestellt. Dutzende von Modulen bestehend aus Buchsen und Kippschaltern und Reglern. Alles ist mit Kabeln verbunden und darunter hängen noch viel mehr Kabel griffbereit, zum schnellen Herstellen neuer Verbindungen. Die Module hat der Künstler selbst eingebaut, zum Teil sogar selbst gebaut. Das ist Sound Design wie es in den Neunziger Jahren betrieben wurde, als elektonische Musik noch mit Hardware anstatt mit Software komponiert, gespielt und aufgenommen wurde. Der Künstler demonstriert mir seine Arbeit ungefähr eine halbe Stunde lang. Das Keyboard wird mit einem Modul verbunden, welches ein elektrisches Signal aussendet, das dann über Kabel von Modul zu Modul geschickt wird. Jedes Modul wirkt auf eine bestimmt Weise auf den Ton ein. Man verstellt die Länge, die Stärke, den Rythymus. Der Künstler steckt Kabel ein und um, dreht an Reglern und so entsteht langsam ein Klangbild. [Richard Devine soll die Emminenz unter “Hardware-Musikern” sein. So sieht das aus.]

Der Künstler bestätigt mir, was ich erwartet habe: Die Qualität des Soundes ist am Schluss dieselbe, wie wenn man die Musik auf einem Mac mit Softwaremodulen produziert hätte. Aber der Prozess ist ein anderer, weshalb andere Stücke entstehen. Es ist wie beim Schreiben. MS Word hat das Schreiben verändert. Schreibt man auf der Schreibmaschine, ensteht gezwungenermaßen alles im Kopf (zumindest der erste Entwurf). Am Computer entsteht der Text vor den Augen des Autors: Man schreibt mal was hin, streicht dann, löscht, schiebt herum, probiert aus … So entsteht eine andere Sprache, oder eben ein anderes Musikstück.

 

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