“Paris links der Seine” von Hanns-Josef Ortheil

Dieses Buch, ein Weihnachtsgeschenk, folgte auf meinen ersten Houllebecq – zufällig aber passend. Während Houllebecq der große Pessimist ist, dessen Figuren am Leben scheitern, dessen Bücher schockieren, ist Ortheil das genaue Gegenteil vom emotional-chaotischen Franzosen: der Optimist, der Genussmensch, der “erbauende” Bücher schreibt.

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Ortheil liebt Kultur (vor allem Literatur und Musik), Gastronomie und Orte (Städte und Kulturlandschaften). Er mag es einzutauchen und zu flanieren, zusammenzustellen und zu probieren. Und natürlich wie vom Teufel geritten (aber einem netten …) zu notieren. Im Buch “Paris links der Seine” kommt alles zusammen. Das Buch sind die Notate seiner Spaziergänge und Entdeckungsreisen durch das Quartier Latin und Saint-Germain-des-Prés, jener Zone zwischen Seine, Jardin du Luxembourg und dem Jardin des Plantes, zu dem Ortheil seit einer Reise mit seinem Vater im Jahre 1965 (und ich seit einem Studienaufenthalt 1998) eine ganz besondere Beziehung hat. Dabei folgt er den Spuren derer, die diesen Mikrokosmos in der Stadt zu dem gemacht haben, was er ist: der Künstler (Picasso, Delacroix, …), der Schrifsteller (Hemingway, Duras, …), der Philosophen (de Beauvoir, Satre, …). Das Quartier, seine Straßen, Cafés, Bars, Restaurants und Plätze leben noch heute von unsichtbaren Netzwerk der Verbindungen derjenigen, die es zu ihrer Arbeits- und Lebensstätte gemacht hatten. Natürlich haben die Immobilienpreise und die Touristenmassen aus Paris rive gauche längst eine Art Freiluftmuseum gemacht, aber Ortheil gelingt es, zu sehen und zu beschreiben, was darunter liegt, wie man es auch heute noch genießen kann – und vielleicht wie es wieder einmal sein könnte.

Dabei zeigt er sich auf jeder Seite als der unerschütterliche Optimist, der er ist – eben der anti-Houllebecq. Sogar in der berühmten Brasserie Lipp, in der sie alle getrunken und gespeist haben, die aber heute zur Touristenfalle geworden ist – man wird in den ersten Stock verfrachtet, wo man schlechte, überteuerte Teller vorgesetzt bekommt – schafft er es, den alten Geist nochmals aufleben zu lassen. Zur richtigen Zeit (außerhalb der üblichen Essenszeiten) setzt er sich natürlich in den unteren, traditionellen Restaurantteil und bestellt, was die Köche nicht verhunzen können: Brot, Würste, Bier, Weine etc. So erobert er sich den von Easyjet et. al. zerstörten Raum zurück. Übrigens ein guter Trick, der an all den schönsten Plätzen unserer Städte (wo normalerweise nur schreckliche Restaurant stehen – das ist ein Naturgesetz!) funktionieren könnte.

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