Museumsbesuch

Wir gehen ins Museum Lázaro Galdiano. Es befindet sich im Stadtpalast dieses Sammlers aus dem späten 19. und frühen 20. Jahrhundert – eine Oase mitten in der Stadt. Es hat nicht sehr viele Besucher heute Morgen, einzig drei Schulklassen fallen auf. Die Schüler zweier Klassen sind für die Führung durch die Kunstausstellung noch etwas zu jung – sie kriegen nicht viel mit. Ich vermute, die Eltern sind zufrieden, ihre Kinder in einem Museum zu wissen. Sie rechnen mit zukünftigen, gut bezahlten Teilnehmern am Wirtschaftsleben und einem gewissen kulturellen Interesse zur Abrundung. Oder täusche ich mich? Regt der Museumsbesuch im einen oder anderen Primarschüler tatsächlich das Interesse an der Kunst?

Trotz der Schulklassen findet man im weitläufigen Haus ruhige Zimmer wie dieses, in dem ich auf einer kleinen Holzbank sitze. Es ist ein langer Raum mit Bildern an den Wänden und einer Vitrine in der Mitte, die die Länge des ganzen Raums einnimmt. Der Raum ist der „europäischen Sammlung” des Lázaro Galdiano gewidmet. Ich bin hierin geflüchtet, denn die Fülle der Eindrücke im Palast ist überwältigend. Alles löst sich ineinander auf. Ein Kunstchaos entsteht im Kopf, eine Überbeanspruchung der Sinne: Schön, schön, schöner … aber eigentlich: Sinnesleere, da man nichts Bestimmtes mehr erkennt. Wie soll man sich so ein Museum überhaupt anschauen? Meine Museumsstrategie ist eine minimalistische. Ein Museum, vor allem eins, das man zum ersten Mal besucht, durchstreife ich entweder ganz und gehe dann irgendwohin zurück, wo es mir gefallen hat. Oder ich gehe nur umher, bis ich auf etwas Besonderes gestoßen bin und verweile dann dort. Am liebsten an einem Ort mit Sitzgelegenheit wie es sie in den meisten Museen gibt, denn meine Form des Denkens und des Lebens ist die des Notierens. So gesehen ist ein Museum für mich auch eine Reise nach Innen, denn das Notieren versucht nicht nur das Innere auszudrücken, sondern auch das Äußere in sich aufzunehmen. So vermischt sich Äußeres und Inneres.

Vor mir steht in der Vitrine (zufällig) eine Figur aus Holz, ungefähr einen halben Meter hoch. Flämische Schule vom Ende des fünfzehnten Jahrhunderts. Sie heißt „Santa con libro” – „Heilige mit Buch”. Es handelt sich um eine große Frau, schlank meint man, aber eigentlich erkennt man ihre Formen nicht den sie ist in eine bis auf den Boden reichende, vielschichtige Kutte gekleidet. Sie ist fromm und heilig. Auch ihre Gesicht ist unter dem Schatten der Haube verborgen. Ich erhebe mich, gehe zwei Schritte auf sie zu, bücke mich: ihr Gesicht ist wohlgenährt mit einem Lächeln auf den Lippen – sie scheint am Buch, dass sie aufgeschlagen in der linken Hand hält, gefallen zu finden. Der rechte Arm liegt angewinkelt am Körper, nur die Hand schaut unter der Kutte hervor. Vorne ist der Stoff ihrer Kutte golden, darunter und hinten schwarz. Was liest sie? Damals haben wohl nicht viele Menschen gelesen und unter denen, die Muse zum Lesen hatten, mag es mehr Männer als Frauen gegeben haben (selten sieht man in der Kunst eine Frau mit Buch). War es „einfach” die Bibel oder ein anderes Buch? Sie war eine Heilige, also wohl die Bibel das Buch der Bücher, das aber, wenn es aus dem Kontext des menschlichen Denkens gerissen wurde, wenn es also isoliert dasteht, zum Inbegriff der Ignoranz werden kann. Aber das stellt die Figur keineswegs dar. Es geht nicht um das Buch, nicht um Bücher und Kenntnisse. Es geht um die weibliche Frömmigkeit. Aber auch dieses Thema, stelle ich mir vor, war dem (unbekannten) Künstler nur Vorwand, um seinem Handwerk nachgehen zu können.

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