Houllebecq, my man

Jahrelang bin ich Houllebecq ausgewichen. Ab und zu las ich etwas über ihn – das genügte mir, seine Bücher vermied ich. Er gibt viel nihilistischen Stumpfsinn von sich, zumindest wenn man nur die Schlagzeilen liest. Auch sein Äußeres wirkt alles andere als anziehend: Auf älteren Bildern sieht er aus wie ein Bürokrat des Schreckens, oder zumindest wie ein kleiner, biederer Funktionär des Front National. Unterdessen gleicht er einem, der alles verloren hat.

Letztes Jahr aber begann er mich wegen seines Buches ‚Unterwerfung’ doch noch zu interessieren. In diesem Roman entwirft er ein Szenario der nahen Zukunft, in welchem Frankreich zu einer Islamischen Republik geworden ist und die Intelligenzija des Landes diese Entwicklung unterwürfig in Kauf nimmt. Begonnen aber habe ich dann mit ‚Karte und Gebiet’, weil ich es in der Gossauer Gebrauchtbuchhandlung in einer ungelesenen, gebundenen Ausgabe gefunden habe.

Karte und Gebiet

‚Karte und Gebiet’ – vielleicht der beste Romantitel den ich kenne. Er steht in der Tradition der Psychogeographen, die mich sehr interessieren. In dem Sinne ist Houllebecq sogar mit W.G. Sebald vergleichbar, obwohl die beiden Gebiet (die Erde, das Äußere, das Materielle) und Seele aus ganz anderen Perspektiven erforschen.

In ‘Karte und Gebiet’ geht es um einen Künstler, der weder den Ruhm noch das perfekte Kunstwerk sucht, sondern einfach voller Staunen und Unverständnis die Welt und die Menschen beobachtet und in seiner Kunst darzustellen versucht. Houllebecq kommt im darin selbst als zentrale Figur vor. Sein Hund heißt Platon. – Mehr muss über den Roman nicht gesagt werden. Wer ihn mag, wird ihn schon auf den ersten Seiten mögen.

Ich bin mit von ‘Karte und Gebiet’ zum Houllebecq-Fan geworden. Ich würde soweit gehen, zu sagen, dass er nun, nach nur einem Buch, mein Lieblingsschriftsteller unter den Kontemporären ist. Er schreibt Geschichten von Einzelgängern – der Steppenwolf unserer Zeit, auch der Murakami Frankreichs, aber dunkler und trauriger. Er ist ein Philosoph – kein Nihilist, aber ein Pessimist: sein neustes Buch handelt von Schopenhauer. Er hat eine ganz eigene, originelle Sicht auf die Welt und die Menschen, auf sein Land und seine Zeit, und er packt diese in jede einzelne seiner Figuren hinein.

Zum Schluss noch zwei Sätze aus ‘Karte und Gebiet’ – darüber, was es bedeutet, Künstler zu sein:

Er fand darauf weder eine interessante noch eine originelle Antwort, bis auf eine Sache, die er infolgedessen bei fast jedem Interview wiederholte: Künstler zu sein bedeutete in seinen Augen, sich zu unterwerfen. Sich rätselhaften, unvorhergesehenen Botschaften zu unterwerfen, die man in Ermangelung eines besseren Begriffs und ohne jeden religiösen Glauben als Intuitionen bezeichnen müsste, Botschaften, die sich dem Künstler trotzdem auf kategorische Weise aufdrängten, ohne ihm die geringste Möglichkeit zu lassen, sich ihnen zu entziehen – außer wenn er auf jegliche Form von Integrität und Selbstachtung verzichtete.

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