‘Die Hauptstadt’ von Robert Menasse

Die Hauptstadt

Robert Menasse hält die Idee Europa in hohen Ehren. Solches wurde auch mir damals am Institut für Politikwissenschaften eingetrichtert: Die Europäische Union, das große Friedensprojekt. „Wenn ich [während der Fußballweltmeisterschaft] die Nationalhymnen höre, wird mir mulmig zumute”, sinnierte der Institutsleiter, ein idealistischer Professor alter Schule. Und das ausgerechnet in der Schweiz. Dort stand er, wir, das Institut natürlich auf einigermaßen verlorenem Posten. Heute trifft man solche Europaenthusiasten nur noch selten. Menasse ist einer von ihnen, und er widmet seiner Leidenschaft gleichen einen Roman. Nicht irgendeinen, sondern den Gewinner des deutschen Buchpreises 2017: Die Hauptstadt, das ist nicht Berlin, nicht Paris und schon gar nicht London, sondern Brüssel. Geschickt in die Geschichte eingebaut, lässt uns Menasse auf jeder Seite wissen, wie er über Europa denkt, welches Europa er sich wünscht: Ein Europa der europäischen Bürger, in welchem die Nationalstaaten keine oder nur noch eine geringe Rolle spielen. Was ist Österreich (Menasses Herkunftsland), wenn nicht ein Unfall der Geschichte? Was ist Belgien (Gastgeberland des Romans) wenn nicht ein eigentlich gescheitertes Land, welches aber in der großen europäischen Gemeinschaft seine Rettung gefunden hat? Und aus meiner Sicht füge ich hinzu: Was wäre das schöne Spanien ohne den zivilisierenden starken Arm Europas? (Antwort: …) Menasse wünscht sich auch ein offenes Europa, einen sicherer Hafen für Menschen aus aller Welt und sieht in Brüssel vielleicht (unausgesprochen) sogar die neutestamentliche Stadt auf dem Berg: das Licht, das dem Rest der Welt den rechten Weg weist. Zusammenarbeit, Offenheit, Kooperation. Oder im Sinne einer der sympathischsten Figuren aus dem Roman, einem Brüsseler Kriminalkommissar: La loi, la liberté, aber nicht unbeding le roi.

In ‚Der Hauptstadt’ begleiten wir eine Handvoll Figuren, welche alle entweder bei der EU arbeiten oder sonst mit der EU zu tun haben, ein paar Wochen lang bei ihrem täglichen Tun. Wichtig ist dabei nicht so sehr die Handlung, sondern die Beschreibungen dessen, was den Helden des Romans Europa und die Europäische Union bedeuten und wie die Idee Europa in ihre persönliche Biographie hineinpasst. Das ganze wird zusammengehalten durch eine Verstrickung der Schicksale aller Hauptfiguren. Im Zentrum steht dabei ein Projekt, welches das fünfzigjährige (?) Bestehen der Europäischen Kommission durch einen Gedenkakt feiern soll. Dazu muss ausgerechnet wieder einmal Auschwitz herhalten: Die Europäische Union – der Garant dafür, dass sich die europäische Geschichte des zwanzigsten Jahrhunderts nicht wiederholt. Nie mehr. Das kann nicht gut gehen …

Das Buch liest sich leicht und schnell, die Figuren sind interessant und oft auch archetypisch: Europäer aller Art halt, man erkennt den einen oder anderen Bekannten in ihnen. Die Handlung ist wie erwähnt eher nebensächlich, der Canvas auf welchem der Autor die Figuren zeichnet und seine Ideen zu und Reflexionen über Europa entwirft und darlegt. Das gefällt mir so, obwohl es an einer Stelle etwas gar hanebüchen wird: In einem Handlungsstrang wird eine mörderische Verschwörung beschrieben, in welcher die NATO in Zusammenarbeit mit einer mörderischen Organisation Islamisten umbringt (pre-crime!) … Wer hier der bösen NATO  tatkräftig zur Seite steht, muss ich wohl nicht verraten. Ist eh klar, das wissen wir spätestens seit Dan Brown.

Ein politisch-motivierter Deutscher Buchpreis, würde ich sagen, vielleicht aber zurecht … Zu oft vergessen wir heute, was für ein monumentales Meisterwerk die EU ist – trotz allem. Nach Jahrhunderten der Krieg und Schlachten endlich Friede. Mensch, begreifst du das den nicht?, ruft Menasse in seinem Roman, vermagst du dein Stammesdenken den wirklich nicht abzulegen?

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