Letzte Nachrichten

Täglich zur selben Zeit, gegen elf Uhr, erscheint ein alter Mann in der Bibliothek. Er geht sehr langsam, schleppend langsam, an zwei Stöcken, und legt auf seinem Weg vom Eingang zu seinem angestammten Tisch mehrere Pausen ein. Sein Atem ist im ganzen Raum zu hören. Es ist mehr als einfach ein lautes Schnaufen, eher ein kontinuierliches Röcheln, das manchmal in ein Schnarchen übergeht. Der alte Herr lächelt immer vor sich hin und grüßt mit einem Kopfnicken, wenn sein Blick zufällig auf einen der Stammgäste der Bibliothek fällt. Er geht zur Zeitungsauslage und nimmt sich den ABC, die konservativste der drei großen spanischen Tageszeitungen, zu deren Leserschaft vor allem ältere Herren gehören (sofern sie aus Gründen der persönlichen Lebensgeschichte – die Position und das Schicksal der eigenen Familie im Bürgerkrieg spielt dabei die entscheidende Rolle – dieses Blatt nicht abgrundtief verachten: wessen Familie auf Seite der Roten war oder es gerne gewesen wäre, würde niemals den ABC lesen). Wenn jemand anders in den Lesesesseln sitzt und im ABC blättert, fordert der alte Mann die entsprechende Person freundlich lächelnd zur Übergabe der Zeitung auf. Ich habe noch nie jemanden gesehen, der dieser Aufforderung nicht Folge geleistet hätte. Vielleicht werden die ABC-Leser von der dem zivilen Konsens eigentlich zuwiderlaufenden Verhaltensweise einfach überrumpelt, oder sie lassen sich von der fragilen Gestalt des alten Mannes beeindrucken (kann man so jemandem den noch einen Wunsch verweigern?); vermutlich werden sie sich im Augenblick der Übergabeaufforderung sowieso bewusst, dass der ABC ein ranziges Blatt ist und dass El Mundo unterdessen frei ist. Mit seinem Tisch hält es der alte Mann ebenso wie mit der Zeitung. Ordnung muss sein. Sitzt ein Neuer, der die Ansprüche und Gepflogenheiten der Stammgäste noch nicht kennt, am Tisch des alten Mannes, wird er zum Platzwechsel aufgefordert, ganz selbstverständlich, wie jemand der sich in der Garderobe mit der Jacke geirrt hat: Entschuldigen Sie, das ist meine. Ach ja, natürlich, ich bitte um Entschuldigung … Auch hier, an seinem Tisch, habe ich noch nie beobachtet, wie jemand dem alten Mann widersprochen hätte, obwohl sich manch Vertriebener etwas verwirrt umschaut, um in den Gesichtern der anderen nachzuforschen, ob das Geschehene beobachtet worden ist und was davon gehalten wird. Die Stammgäste reagieren auf solches Komplizengesuche nicht. Kein Lächeln beruhigt den ahnungslosen Neuen. Nichts passiert, Kopf runter, weiterarbeiten. Dann liest der alte Mann die Zeitung. Dabei schläft er öfters ein. Wenn er irgendwann immer schräger auf dem Stuhl sitzt und ein Fall zu befürchten ist, steht ein Stammgast auf und mahnt den alten Mann, wieder etwas aufrechter zu sitzen. Dieser lacht freundlich und widmet sich wieder den letzten Nachrichten.

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