Lauf ins neue Jahr

Es ist der letzte Tag des Jahres, was heißt, dass ich mich in die Linie 10 setzte und bis zum Santiago Bernabú fahre. Der Zug ist voller Menschen, die gleich angezogen sind wie ich und an jeder Haltestelle steigen noch mehr Gleiche dazu, bis irgendwann der ganze Wagen und alle andere Wägen voller Menschen sind, welche ein identisches blaues T-Shirt und eng anliegende Hosen und Running-Schuhe tragen. Am 31.12 findet wie jedes Jahr der schönste 10-Kilometer-Lauf des Jahres statt, der San Silvestre Vallecana, der vom Stadion des Real Madrid bis zum Stadion des Rayo Vallecano führt, vom großbürgerlichen ins proletarische Madrid.

Vor dem Bernabéu tummeln sich tausende von Läufern. Die Schlangen vor den paar WC-Häuschen sind wie gewohnt viel zu lang und wie immer tue ich es vielen anderen gleich und schlage mich in die Büsche. Die Büsche, das ist ein schmaler Grünstreifen zwischen der breiten Prachtstraße und der schmalen Parallelstraße. Wie immer sind dort viele andere Männer am Werke. Ich nähere mich einem der Sträucher, aber der beidseitige Passantenstrom reißt nicht ab. Missbilligende Blicke der Quartierbewohner. Ich heben mein rechtes Bein, in der Absicht einen Schritt nach vorne zu tun, mich richtig in die Büsche zu schlagen, damit diese mich vor den Blicken schützen mögen. Ich setzte den Fuß ab. Ich sinke ein. Knöcheltief. Nein, über die Knöchel hinaus stecke ich … in einem Loch … in einem Wasserloch … Nein, kein Wasser. Dutzende vor mir haben an dieser Stelle Wasser gelassen … Aber das sagt man nur so, damit es sich schöner anhört. Mein Fuß, den ich unterdessen wieder herausgezogen habe, trieft, aber eben nicht vor Wasser.

Ich bücke mich, weshalb weiß ich nicht. Vielleicht hoffe ich, dass es doch Wasser war und wünsche mir, meine Nase würde mir selbiges bestätigen. Aber meine Nase schreit auf. Mein Fuß, mein Laufschuh, mein Socke stinken, wie selten etwas gestunken hat. Sogar jetzt, diesen Bericht tippend, steigt mir der Gestank wieder in die Nase. Es stinkt wie verrottetes Fleisch.

Was jetzt? Laufen kann ich so nicht. Mein rechter Fuß ist triefend nass. Das Wasser (eben kein Wasser!) schwappt mir bei jedem Schritt zwischen den Zehen durch. Es quietscht. Sogar stehend vermag ich dem Gestank von unten nicht zu entfliehen. Laufen kann ich so nicht, aber auch nicht zurück in die Metro, man würde mich in hohem Bogen hinausbefördern. Auch keine Taxifahrer würde sich solches gefallen lassen.

Ein Blick auf die Uhr. Eine halbe Stunde bis zum Laufstart. Ein Blick auf den mobilen Bildschirm. Ein Kaufhaus, natürlich ein Corte Ingés, liegt 800 Meter entfernt. Obwohl es Sonntagabend ist, der letzte Tag des Jahres, ist es laut Google noch offen. Der Entschluss ist schnell gefasst. Ich laufe los. In meinem rechten Laufschuh schwappt die stinkende Flüssigkeit auf und ab.

Ich betrete das Kaufhaus. Ich eile durch die Parfümabteilung und hinterlasse eine beißende Duftspur. Ein Wachmann den ich anspreche, erklärt mir freundlich wo’s lang geht. Ganz nach hinten und sechs Stockwerke auf der Rolltreppe hoch. Ich renne die Treppen hoch, laufe durch das sechste Stockwerk zur Sportabteilung, probiere (mit dem linken Fuß!) einen Laufschuh, zuerst die 43, dann die 44, dann die 44.5 und endlich die 45. Sie passt. Schuh gekauft, Socken gekauft, die verblüfften, vielleicht angeekelten Verkäufer (anmerken lassen, tun sie sich nichts) zurückgelassen, ins Behinderten-WC gestürmt. Die Tür lässt sich nicht abschließen, aber was soll’s? Schuhe aus, in den Abfall (sie waren drei Jahre alt, viele viele Kilometer, ich hätte sie zum Glück sowieso ersetzten müssen), Socken in den Abfall. Ich wasche den rechten Fuß im Waschbecken. Die Tür geht auf, ein überraschter Blick, die Tür fällt wieder ins Schloss. Dann endlich: frische Socken, neue Schuhe an den Füßen. Matt-rote Adidas.

Der Blick auf die Uhr. In zehn Minuten beginnt der Lauf. Ich laufe durch die sechste Etage, die Rolltreppen runter, durch die Parfümabteilung, die Castellana herunter, schaffe im letzten Augenblick den Einlass, der Startschuss ist bereits gefallen. Ich schaue hoch zum Himmel wie jedes Jahr. Regentropfen prasseln auf mein Gesicht. Auf geht’s ins neue Jahr.

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