Zitat #4

[Der englische Schrifsteller Will Self:] Q: The mooted demise of literary fiction is becoming a cause célèbre in Britain these days… A: I’m struck by how quickly it’s come into being. Years ago, I said [novel-writing] would become a conservatoire form, like easel painting or the symphony, but I didn’t quite understand how all of these kids in creative writing programs, and their constant focus-grouping, would create a new form that’s halfway between hobbyism and literature. It’s an occupation for wealthy Western youth who are marking time. Because there are more writers than readers now, it’s decoupled from any conversation. It’s like a great internal rumination.

Mehr “Schriftsteller” als Leser … “Literatur” im leeren Raum … Romane als halbprivates Grübeln … Dazu muss man aber auch sagen, dass Will Selfs Romane, so sehr ich ihn als Journalist und Sprecher und Essayist mag, eigentlich unlesbar sind.

 

Houllebecq, my man

Jahrelang bin ich Houllebecq ausgewichen. Ab und zu las ich etwas über ihn – das genügte mir, seine Bücher vermied ich. Er gibt viel nihilistischen Stumpfsinn von sich, zumindest wenn man nur die Schlagzeilen liest. Auch sein Äußeres wirkt alles andere als anziehend: Auf älteren Bildern sieht er aus wie ein Bürokrat des Schreckens, oder zumindest wie ein kleiner, biederer Funktionär des Front National. Unterdessen gleicht er einem, der alles verloren hat.

Letztes Jahr aber begann er mich wegen seines Buches ‚Unterwerfung’ doch noch zu interessieren. In diesem Roman entwirft er ein Szenario der nahen Zukunft, in welchem Frankreich zu einer Islamischen Republik geworden ist und die Intelligenzija des Landes diese Entwicklung unterwürfig in Kauf nimmt. Begonnen aber habe ich dann mit ‚Karte und Gebiet’, weil ich es in der Gossauer Gebrauchtbuchhandlung in einer ungelesenen, gebundenen Ausgabe gefunden habe.

Karte und Gebiet

‚Karte und Gebiet’ – vielleicht der beste Romantitel den ich kenne. Er steht in der Tradition der Psychogeographen, die mich sehr interessieren. In dem Sinne ist Houllebecq sogar mit W.G. Sebald vergleichbar, obwohl die beiden Gebiet (die Erde, das Äußere, das Materielle) und Seele aus ganz anderen Perspektiven erforschen.

In ‘Karte und Gebiet’ geht es um einen Künstler, der weder den Ruhm noch das perfekte Kunstwerk sucht, sondern einfach voller Staunen und Unverständnis die Welt und die Menschen beobachtet und in seiner Kunst darzustellen versucht. Houllebecq kommt im darin selbst als zentrale Figur vor. Sein Hund heißt Platon. – Mehr muss über den Roman nicht gesagt werden. Wer ihn mag, wird ihn schon auf den ersten Seiten mögen.

Ich bin mit von ‘Karte und Gebiet’ zum Houllebecq-Fan geworden. Ich würde soweit gehen, zu sagen, dass er nun, nach nur einem Buch, mein Lieblingsschriftsteller unter den Kontemporären ist. Er schreibt Geschichten von Einzelgängern – der Steppenwolf unserer Zeit, auch der Murakami Frankreichs, aber dunkler und trauriger. Er ist ein Philosoph – kein Nihilist, aber ein Pessimist: sein neustes Buch handelt von Schopenhauer. Er hat eine ganz eigene, originelle Sicht auf die Welt und die Menschen, auf sein Land und seine Zeit, und er packt diese in jede einzelne seiner Figuren hinein.

Zum Schluss noch zwei Sätze aus ‘Karte und Gebiet’ – darüber, was es bedeutet, Künstler zu sein:

Er fand darauf weder eine interessante noch eine originelle Antwort, bis auf eine Sache, die er infolgedessen bei fast jedem Interview wiederholte: Künstler zu sein bedeutete in seinen Augen, sich zu unterwerfen. Sich rätselhaften, unvorhergesehenen Botschaften zu unterwerfen, die man in Ermangelung eines besseren Begriffs und ohne jeden religiösen Glauben als Intuitionen bezeichnen müsste, Botschaften, die sich dem Künstler trotzdem auf kategorische Weise aufdrängten, ohne ihm die geringste Möglichkeit zu lassen, sich ihnen zu entziehen – außer wenn er auf jegliche Form von Integrität und Selbstachtung verzichtete.

Determinismus und das Multiversum

Determinism is the philosophical theory that all events, including moral choices, are completely determined by previously existing causes. Determinism is usually understood to preclude free will because it entails that humans cannot act otherwise than they do. The theory holds that the universe is utterly rational because complete knowledge of any given situation assures that unerring knowledge of its future is also possible. [Wikipedia]

Determinismus bedeutet (unter anderem), dass der freie Wille nicht existiert – nicht existieren kann. Vereinfacht gesagt, es gibt nur eine mögliche Zukunft, auch wenn wir diese nicht kennen. Diese Theorie ist unter Wissenschaftlern und Science-Fiction-Autoren sehr beliebt, dabei übersehen sie aber etwas: Die multiverse theory.

The multiverse (or meta-universe) is a hypothetical set of various possible universes including the universe which we live in. Together, these universes comprise everything that exists: the entirety of space, time, matter, energy and the physical laws and constants that describe them. [Wikipedia]

Die Theorie, dass wir in einem von vielen Universen wohnen, dass also auch ein Universum existiert, welches genau wie das unsere ist, außer dass in jenem Paralleluniversum, diese Worte nie geschrieben und veröffentlicht worden sind. Diese Theorie relativiert den Determinismus, denn sie bedeutet, dass es sehr viele (oder unendlich viele) Ichs gibt. Das heißt, dass, trotz der Theorie, dass jedes dieser Universen deterministisch sein könnte, freier Wille trotzdem existiert und zwar auf der Ebenen der Multiversen. Ich entscheide, in welchem Universum ich leben will – verlasse durch Gedanken, Worte und Taten das eine Universum (Ich) und gehe nahtlos in ein anderes über.

Lesen 2018

Das erste Mal überhaupt, dass ich ein Leseprojekt habe, oder zumindest eine Richtung, in die ich lesend gehen möchte. Drei Gebiete und (mindestens) zwei Bücher.

Erstens. Zeitgenössische Literatur, vor allem, aber nicht ausschließlich deutsche. Auch französische. Zur Zeit lese ich meinen ersten Houllebecq (‘Karte und Gebiet’) und bin begeistert – ich werde mehr von ihm lesen. Im Februar erscheint der erste Teil des neuen Murakami.

Zweitens. Zeitgenössische Science Fiction. Ich habe mit Dietmar Dath begonnen, werde mehr von ihm lesen, möchte aber vor allem angelsächsische und chinesische SF lesen.

Drittens: Die Texte von Platon und Sokrates und begleitende Sekundärliteratur

Zwei Bücher. Das Erste: ’12 Rules for Life – An Antidote to Chaos’ von Jordan Peterson erscheint Ende Januar. Das Zweite: Eine Buch über die Weltgeschichte.

Natürlich ist noch nichts in Stein gemeißelt.

 

‘Die Hauptstadt’ von Robert Menasse

Die Hauptstadt

Robert Menasse hält die Idee Europa in hohen Ehren. Solches wurde auch mir damals am Institut für Politikwissenschaften eingetrichtert: Die Europäische Union, das große Friedensprojekt. „Wenn ich [während der Fußballweltmeisterschaft] die Nationalhymnen höre, wird mir mulmig zumute”, sinnierte der Institutsleiter, ein idealistischer Professor alter Schule. Und das ausgerechnet in der Schweiz. Dort stand er, wir, das Institut natürlich auf einigermaßen verlorenem Posten. Heute trifft man solche Europaenthusiasten nur noch selten. Menasse ist einer von ihnen, und er widmet seiner Leidenschaft gleichen einen Roman. Nicht irgendeinen, sondern den Gewinner des deutschen Buchpreises 2017: Die Hauptstadt, das ist nicht Berlin, nicht Paris und schon gar nicht London, sondern Brüssel. Geschickt in die Geschichte eingebaut, lässt uns Menasse auf jeder Seite wissen, wie er über Europa denkt, welches Europa er sich wünscht: Ein Europa der europäischen Bürger, in welchem die Nationalstaaten keine oder nur noch eine geringe Rolle spielen. Was ist Österreich (Menasses Herkunftsland), wenn nicht ein Unfall der Geschichte? Was ist Belgien (Gastgeberland des Romans) wenn nicht ein eigentlich gescheitertes Land, welches aber in der großen europäischen Gemeinschaft seine Rettung gefunden hat? Und aus meiner Sicht füge ich hinzu: Was wäre das schöne Spanien ohne den zivilisierenden starken Arm Europas? (Antwort: …) Menasse wünscht sich auch ein offenes Europa, einen sicherer Hafen für Menschen aus aller Welt und sieht in Brüssel vielleicht (unausgesprochen) sogar die neutestamentliche Stadt auf dem Berg: das Licht, das dem Rest der Welt den rechten Weg weist. Zusammenarbeit, Offenheit, Kooperation. Oder im Sinne einer der sympathischsten Figuren aus dem Roman, einem Brüsseler Kriminalkommissar: La loi, la liberté, aber nicht unbeding le roi.

In ‚Der Hauptstadt’ begleiten wir eine Handvoll Figuren, welche alle entweder bei der EU arbeiten oder sonst mit der EU zu tun haben, ein paar Wochen lang bei ihrem täglichen Tun. Wichtig ist dabei nicht so sehr die Handlung, sondern die Beschreibungen dessen, was den Helden des Romans Europa und die Europäische Union bedeuten und wie die Idee Europa in ihre persönliche Biographie hineinpasst. Das ganze wird zusammengehalten durch eine Verstrickung der Schicksale aller Hauptfiguren. Im Zentrum steht dabei ein Projekt, welches das fünfzigjährige (?) Bestehen der Europäischen Kommission durch einen Gedenkakt feiern soll. Dazu muss ausgerechnet wieder einmal Auschwitz herhalten: Die Europäische Union – der Garant dafür, dass sich die europäische Geschichte des zwanzigsten Jahrhunderts nicht wiederholt. Nie mehr. Das kann nicht gut gehen …

Das Buch liest sich leicht und schnell, die Figuren sind interessant und oft auch archetypisch: Europäer aller Art halt, man erkennt den einen oder anderen Bekannten in ihnen. Die Handlung ist wie erwähnt eher nebensächlich, der Canvas auf welchem der Autor die Figuren zeichnet und seine Ideen zu und Reflexionen über Europa entwirft und darlegt. Das gefällt mir so, obwohl es an einer Stelle etwas gar hanebüchen wird: In einem Handlungsstrang wird eine mörderische Verschwörung beschrieben, in welcher die NATO in Zusammenarbeit mit einer mörderischen Organisation Islamisten umbringt (pre-crime!) … Wer hier der bösen NATO  tatkräftig zur Seite steht, muss ich wohl nicht verraten. Ist eh klar, das wissen wir spätestens seit Dan Brown.

Ein politisch-motivierter Deutscher Buchpreis, würde ich sagen, vielleicht aber zurecht … Zu oft vergessen wir heute, was für ein monumentales Meisterwerk die EU ist – trotz allem. Nach Jahrhunderten der Krieg und Schlachten endlich Friede. Mensch, begreifst du das den nicht?, ruft Menasse in seinem Roman, vermagst du dein Stammesdenken den wirklich nicht abzulegen?