1983 ist lange her

Gemäß der neuen Routine war ich am Montag im Kino: “Call Me by Your Name”. Ein Liebesfilm, der mir ans Herz gelegt wurde. Filme über schwule Liebe, wie ebendieser, müssen heutzutage in Umgebungen angesiedelt werden, wo Schwulsein noch ein Problem ist (war), wo die Gesellschaft sich am Schwulen stößt (stieß), sonst fehlt das dramatische Rohmaterial. Zum Beispiel im amerikanischen Ghetto (“Moonlight“), oder, wie im hier besprochenen Film, im Jahre 1983. Es geht um einen Siebzehnjährigen der sein Schwulsein und die Liebe und alles was dazugehört entdeckt. Er spielt einem schönen Landhaus in Italien, wo Elio mit seinen Eltern den Sommer verbringt. (Das Metapher des Sommers wird in solchen Geschichten des Erwachens oft gebraucht.) Elios Vater ist Archäologe und lädt jeden Sommer einen Doktoranden ins Landhaus ein. Dieses Jahr ist es ein Amerikaner. Mit ebendiesem erlebt Elio sein emotionales Abenteuer. Zunächst ist man als Zuschauer etwas verwirrt: Weshalb macht der eigentlich offenherzige Amerikaner um sein offensichtliches Schwulsein so ein Theater? Weshalb hält er damit hinter dem Berg? Dann führt man sich vor Augen: Wir sind im Jahre 1983 … Man weiß es, aber merkt es kaum: Wir befinden uns in einem italienischen Städtchen –  die Häuser sind Jahrzehnte und Jahrhunderte alt; es ist Sommer und die Bekleidung ist knapp und was man trägt, wäre auch im Sommer 2018 nicht unpassend – retro. Optisch könnte der Film (beinahe) auch in der Gegenwart spielen. Deshalb ist man verwirrt: Es sieht alles aus wie heute, aber Elios Schwulsein ist vor allem für den offenherzigen Amerikaner a big thing! So wird einem bewusst, wieviel in den vergangenen 35 Jahren passiert ist – the struggle!

Ich mochte den Film, aber emotional hat er mich nicht sehr berührt. Vielleicht lag es daran, dass ich zu müde war (der Film begann nach zehn Uhr abends und ich war schon viel zu lange auf den Beinen).

“Molly’s Game” von Aaron Sorkin

Endlich wieder im Kino – am Montagabend um halb elf. Das mache ich jetzt immer so, obwohl ich die Woche gleich mit einem Schlafdefizit beginne (knappe fünf Stunden). Der Film in einem Satz: Ein Biopic – Aufstieg und Fall einer Organisatorin von high-stake Pokerspielen. Aaron Sorkin ist ein großartiger Drehbuchautor, bekannt nicht für seine Bilder, sondern für seinen Dialog. “Walk with me”, ist sein catch phrase. (Aus “West Wing”, jener Serie, welche die Minuten beschreibt, bevor der Präsident vor die Presse tritt. Walk with me – durch die Korridore des Weißen Hauses, wo der Plot besprochen wird.) “Molly’s Game” ist sein erster Film als Regisseur und die Kombination des dialogschweren Drehbuchautors mit dem unerfahrenen Regisseur Sorkin funktioniert nicht immer. Mein Freund Rahul hat es treffend zusammengefasst: “I felt like I was watching an audiobook”. Trotzdem: Ein guter Film – ich habe mich keine Minute gelangweilt.

“Die Botschaft des Ramana Maharshi”

Vor einem Jahr zum Geburtstag geschenkt erhalten, angefangen zu Lesen, untergetaucht (im Koffer) – das war der bisherige Werdegang dieses Buches. Vor ein paar Tagen hat ein Freund aber Maharshi erwähnt, Carol (nicht ich) hat sich an das Buch erinnert – so kam es zurück. Ich habe es nun gelesen.

Ramana Maharshi

Es handelt sich um die Gespräche mit einem hinduistischen “Guru”. Ein Level-3-Guru, wie ich es nenne. (Das ist ein im Entstehen begriffener Gedanke; kurz zusammengefasst: Ich stelle mir drei Stufen vor, ich nenne sie: die Objektive, die Spirituelle und die Göttliche Stufe. In der Objektiven Stufe ist der Mensch ein handelndes Objekt in der Welt. Er hat Ziele, Wünsche, Leidenschaften, Aufgaben und Pflichten. Es ist die Stufe der Wissenschaft, aber auch die Stufe der Abrahamistischen Religionen – der persönliche Gott steht dem Gläubigen auf dieser Stufe zur Verfügung, hier tummeln sich aber auch alle Agnostiker, Atheisten und Materialisten. Die zweite Stufe ist die Spirituelle. Ich (das Ego) nehme auf dieser Stufe immer noch ein zentrale Rolle ein. Aber ich weiß: Glaube versetzt Berge. Zu dieser Stufe gehört auch noch die Vorstellung, dass die Welt eigentlich ein Teil von mir ist und ich sie deshalb mit meinem Willen beeinflussen kann. Natürlich wird es hier esoterisch, aber die Quantenphysik räumt dem Beobachter durchaus die Rolle des Weltenschaffers zu. Modern gesprochen, ist es die Stufe der Matrix. Die dritte Stufe ist die Göttliche. Von dieser Stufe spricht Maharshi: Ich bin nicht mein Körper, aber auch nicht mein Geist – das Ego löst sich auf. Ich bin die Welt. Gott ist in der Welt, dementsprechende bin ich in Gott. (Übrigens: Ich meine das mit den drei Stufen nicht hierarchisch : sie stehen gleichwertig nebeneinander – nicht als absolute Wahrheiten, aber als Denkkonzepte. Es kann aber gesagt werden, dass, je höher die Stufe, desto näher das Göttliche und je tiefer, desto näher das Menschliche.) Maharshi denkt, wie gesagt, auf Stufe 3. Mehr gibt es dazu nicht zu sagen – das Buch ist nur demjenigen zugänglich, dem es im richtigen Augenblick zufällt.

“Paris links der Seine” von Hanns-Josef Ortheil

Dieses Buch, ein Weihnachtsgeschenk, folgte auf meinen ersten Houllebecq – zufällig aber passend. Während Houllebecq der große Pessimist ist, dessen Figuren am Leben scheitern, dessen Bücher schockieren, ist Ortheil das genaue Gegenteil vom emotional-chaotischen Franzosen: der Optimist, der Genussmensch, der “erbauende” Bücher schreibt.

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Ortheil liebt Kultur (vor allem Literatur und Musik), Gastronomie und Orte (Städte und Kulturlandschaften). Er mag es einzutauchen und zu flanieren, zusammenzustellen und zu probieren. Und natürlich wie vom Teufel geritten (aber einem netten …) zu notieren. Im Buch “Paris links der Seine” kommt alles zusammen. Das Buch sind die Notate seiner Spaziergänge und Entdeckungsreisen durch das Quartier Latin und Saint-Germain-des-Prés, jener Zone zwischen Seine, Jardin du Luxembourg und dem Jardin des Plantes, zu dem Ortheil seit einer Reise mit seinem Vater im Jahre 1965 (und ich seit einem Studienaufenthalt 1998) eine ganz besondere Beziehung hat. Dabei folgt er den Spuren derer, die diesen Mikrokosmos in der Stadt zu dem gemacht haben, was er ist: der Künstler (Picasso, Delacroix, …), der Schrifsteller (Hemingway, Duras, …), der Philosophen (de Beauvoir, Satre, …). Das Quartier, seine Straßen, Cafés, Bars, Restaurants und Plätze leben noch heute von unsichtbaren Netzwerk der Verbindungen derjenigen, die es zu ihrer Arbeits- und Lebensstätte gemacht hatten. Natürlich haben die Immobilienpreise und die Touristenmassen aus Paris rive gauche längst eine Art Freiluftmuseum gemacht, aber Ortheil gelingt es, zu sehen und zu beschreiben, was darunter liegt, wie man es auch heute noch genießen kann – und vielleicht wie es wieder einmal sein könnte.

Dabei zeigt er sich auf jeder Seite als der unerschütterliche Optimist, der er ist – eben der anti-Houllebecq. Sogar in der berühmten Brasserie Lipp, in der sie alle getrunken und gespeist haben, die aber heute zur Touristenfalle geworden ist – man wird in den ersten Stock verfrachtet, wo man schlechte, überteuerte Teller vorgesetzt bekommt – schafft er es, den alten Geist nochmals aufleben zu lassen. Zur richtigen Zeit (außerhalb der üblichen Essenszeiten) setzt er sich natürlich in den unteren, traditionellen Restaurantteil und bestellt, was die Köche nicht verhunzen können: Brot, Würste, Bier, Weine etc. So erobert er sich den von Easyjet et. al. zerstörten Raum zurück. Übrigens ein guter Trick, der an all den schönsten Plätzen unserer Städte (wo normalerweise nur schreckliche Restaurant stehen – das ist ein Naturgesetz!) funktionieren könnte.

Lesen 2018 (1.1)

Ich hatte mir vorgenommen, dieses Jahr gezielter zu lesen: Zeitgenössische Literatur, Science Fiction, Sokrates und Platon. Das war vor neuen Tagen, aber bereits habe ich meine Lesepläne auf den Kopf gestellt. Hier ist der Update:

Erstens: Klassische und zeitgenössische Literatur – aber mehr klassische. Klassisch … damit meine ich nicht nur Mann und Goethe, sondern auch einmal ein erst zehn oder zwanzig Jahres altes Buch. Aber ich bevorzuge es einfach, Literatur zu lesen, welche von der Zeit erfolgreich auf die Probe gestellt worden ist. Trotzdem sollen auch lebende Schriftsteller nicht ganz außen vor bleiben: Ich habe mir bereits den nächsten Houllebecq gekauft und freue mich auf den neuen Murakami. Trotzdem, mein Projekt vorwiegend zeitgenössisch zu lesen, ist nach nur neun Tagen gescheitert.

Zweitens: Zeitgenössische Science Fiction.

Drittens: Geschichte. Mit einer großen Übersicht über die Weltgeschichte beginnen, mir nochmals das Gesamtbild vor Augen führen, dann irgendwo ganz am Anfang einsteigen, vielleicht im antiken Griechenland, vielleicht noch früher, in Ägypten oder Mesopotamien. Und was ist mit Platon und Sokrates? Ich möchte mich auf die Denker der Zeit konzentrieren, über die ich vertieft lese … Wer mir dabei in die Hände fallen wird, muss sich noch herausstellen.

[Viertens: Zwischendurch ist auch immer wieder mal “etwas anderes” angebracht.]

Meine Bücherliste für die nächsten Wochen (sie kann und wird sich natürlich noch ändern):

  1. „Die Botschaft von Ramana Maharshi“: Dieses Buch, das ich bereits vor einem Jahr begonnen hatte und das dann verschwand, ist zufällig wieder aufgetaucht …
  2. Michel Houllebecqs „Unterwerfung“. Mein zweiter Houllebecq
  3. Jordan B. Petersen „12 Rules of Life“. An antidote to chaos. In einem gewissen Sinne eine Impfung gegen Houllebecq
  4. Simone de Beauvoir „Erinnerungen Teil 1“. Inspiriert von Ortheils Paris-Buch
  5. Der neue Murkami. Ja, sein Ton macht süchtig – da bin ich nicht der einzige.
  6. Omar El Akkab „American War“. Der zweite SF-Roman
  7. Marguerite Duras „Der Liebhaber“. Ebenfalls inspiriert von Ortheil
  8. Das erste Geschichtsbuch des Jahres