Elias Canetti 1973

Hier einmal ein geborgter Eintrag, von Elias Canetti aus seinen Aufzeichnungen 1973:

“Ich bereue diese Buchorgien nicht. Ich fühle mich wie in der Zeit der Expansion für Masse und Macht. Auch damals geschah es alles durch Abenteuer mit Büchern. Als ich kein Geld hatte, in Wien, gab ich alles, was ich nicht hatte, für Bücher aus. In London, in der schlimmsten Zeit, gelang es mir irgendwie immer noch von Zeit zu Zeit Bücher zu kaufen. Ich habe nie systematisch etwas gelernt, wie andere Leute, sondern nur in plötzlichen Aufregungen. Sie begannen immer damit, dass mein Blick auf etwas fiel, das ich dann haben musste. Die Geste des Ergreifens, die Freude am Hinauswerfen von Geld, das nach Hause oder in das nächste Lokal Tragen, das Betrachten, das Streicheln , das Blättern, das Wegstellen für Jahre, die Zeit neuer Entdeckung dann, wenn’s ernst wurde – alles das ist Teil eines schöpferischen Prozesses, dessen verborgene Einzelheiten ich nicht kenne. Aber anders geschieht bei mir nichts, uns so werde ich bis zum letzten Augenblick meines Lebens Bücher kaufen müssen, besonders wenn ich ganz sicher weiß, dass ich sie nie mehr lesen werde. – Es ist, glaube ich, auch ein Teil des Trotzes gegen den Tod. Ich will nie wissen, welche dieser Bücher ungelesen bleiben werden. Bis zum Schluss kann es nicht bestimmt sein, welche es sind. Ich habe die Freiheit der Wahl, unter allen Büchern um mich herum kann ich jederzeit frei wählen und habe dadurch den Verlauf des Lebens in meiner Hand.”

Trost für den impulsiven (oder kompulsiven) Bücherkäufer, der ich nicht mehr bin, aber wieder einmal werden könnte.

Dieses Buch, ‘Aufzeichnungen 1973 – 1984’, habe ich in der Gebrauchtbuchhandlung der deutsch-protestantischen Kirche gekauft, wo gestern Weihnachtsmarkt war. Wir aßen Erbsensuppe, Bratwürste, Brezel und Leberkäse und tranken dazu Bier am Morgen. Die Buchhandlung liegt in einer offenen Galerie im oberen Kirchstock – sie ist um die Orgel herum angelegt. Der Buchhändler sitzt mit Bart und mürrischem Gesicht am Eingang, begutachtet das Buch, das ein Kunde ihm in Kaufabsicht vorliegt, von allen Seiten, blättert es kurz durch und nennt dann einen Preis. Für den Canetti, in einer schönen, gebundenen Ausgabe, wollte er zwei Euro fünfzig.

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