‘Das bessere Leben’ von Ulrich Peltzer

Kaum lesbar der Schinken, meinten viele. Keine Handlung, ein Wörterstrom, immer noch in Klammern ein Sätzchen nachgeschoben, ein schreckliches Männerbuch. Kritiker strecken die Waffen … Was soll man mit so was den anfangen? Trotzdem schaffte ‘Das bessere Leben’ den Sprung auf die Shortlist des deutschen Buchpreises. (2015 war das – man sieht, ich laufe wegen meiner Vorliebe für Klassiker und non fiction im Schlussfeld des zeitgenössischen Literaturmarathons, hinter mir höre ich den Besenwagen rattern.) Trotzdem, trotz der zwiespältigen bis negativen Kritik, wollte ich ‘Das bessere Leben’ unbedingt lesen sobald ich vor ein paar Wochen zufällig über diesen Titel gestolpert war. Ich wollte es nicht nur unbedingt lesen sondern auch unbedingt mögen. Es (oder besser gesagt, was über es so geschrieben wurde) ließ mich an den Akzelerationismus (accelerationism) denken, eine periphere philosophische Denkschule, für die ich mich sehr interessiere (wenn auch nicht immer begeistere), da sie, so glaube ich, unsere Welt und unsere Zeit sehr genau beschreibt. (Akzelerationismus ist schwer zu definieren, aber im Grunde geht es um die immer rasanteren Veränderungen der systemischen Kräfte, welche auf die Gesellschaft und den einzelnen Menschen einwirken. Man stelle sich die Welt als riesige, um ein unbewegliches Zentrum sich drehende Scheibe vor, auf der das menschliche Sein und Drama sich abspielt. Diese Scheibe nun dreht sich wegen der technologischen Explosion und den damit entstehenden immer neuen Ventilen für die kapitalistische Maschine schneller und schneller, so dass die sich am Rande befindenden Menschengruppen aus der Welt geschleudert zu werden drohen, bis dann mit zunehmender Geschwindigkeit auch die Klassen der Mitte vom Sog erfasst werden, sofern es ihnen nicht gelingt, sich ins paradiesisch stille Zentrum zu retten.)

Peltzers Roman spielt auf dieser Scheibe. Viele Kritiker meinten, eine Handlung fehle gänzlich, aber das stimmt nicht, es wird durchaus gehandelt, denn eine Handlung ist doch nur was die Figuren zu jeder Zeit tun. Natürlich fehlen die drei Akte, fehlt das Problem, die vergeblichen Lösungsversuche, die innere Wandlung, der Wendepunkt, der Spurt zum Ziel, die Lösung. Vielmehr tut Peltzer das, was ich mir von einem Roman erwarte: den Leser und die Leserin hineinziehen und mitreißen, ohne Landkarte (eine solche habe ich mir im Verlaufe der Lektüre selbst gezeichnet – siehe Foto unten) und rettenden Plot. Wer braucht schon eine Handlung? Wer will schon Handlung? Computer werden solche bald besser auf die Beine kriegen als John le Carré (Ihr glaubt mir nicht? Ihr werdet es selbst noch erleben!) – nie aber bessere als Ulrich Peltzer. Im Roman will ich also schwimmen und ums Überleben strampeln im Strom des Lebens, im kapitalistischen Mahlstrom, der Paradies und Hölle zugleich ist (je nach Standpunkt und Empfindsamkeit). Peltzer, selbst ein alter Marxist, zumindest glaube ich das (gegoogelt habe ich es nicht, sah ihn aber einmal auf einer Veranstaltung in Berlin wo er sich in diese Richtung geäußert hatte), sitzt mit diesem Roman in einem Boot mit den Akzleriationisten, dieser Gruppe von Außenseiter-Philosophen, die vor allem im digitalen Auditorium lehren und normalerweise eher im rechten Denken ihre Wurzeln haben, aber unterdessen auch viele Linke um sich scharen, nicht zuletzt, weil Lösungen zum Problem des Nichteintretens der marxistischen Thesen vom Zusammenbruch des Kapitalismus geboten werden. (Les extrêmes se touchent, sagte das nicht schon de Gaulle?)

Wie man vielleicht schon (oder auch nicht) bemerkt hat: Ich mochte diesen Roman sehr. Er hat mich nicht enttäuscht. Er hat mich nie gelangweilt.

Auf Seite 290 der Fischer-Taschenbuchausgabe lese ich (in Antiqua geschrieben!): Mann der Arbeit aufgewacht! Und erkenne deine Macht! Alle Räder stehen still. Wenn dein starker Arm es will. Dann, wieder in Normalschrift: Schwierig, sehr sehr schwierig … in einer Welt aus Reklameversprechen und Pauschalreisen. Die tägliche Erfahrung an Fließbändern und Drehbänken des Abends weichgespült von läppischer Unterhaltung, ein bläuslich filmmerndern Einklang in den Gebirgen der Trabantenstädte und lebenslänglich abzuzahlenden Reihenhäusern. Genau!, denke ich: Der Akzelerationsmus produziert, zumindest in unseren Breitengraden, das Opium des Karl Marx, aber es ist nicht die Religion, sondern das gute Leben selbst! Niemand will das Rad stoppen, denn noch ist das Leben auf dem Rad gut. Trotzdem versuchen die Weitsichtigeren unter den bürgerlichen Systemverteidigern sich auf die Insel in der Mitte zu retten, den sie ahnen, dass alle anderen bald ins Nichts hinausgeschleudert werden, dorthin wo Afrika bereits liegt, und Honduras, Guatemala, usw.

Ganz am Schluss im Buch wird es dann menschlich. Eine Liebesgeschichte bahnt sich an und man freut sich über diese Verschnaufpause. Emotional gestärkt macht der Protagonist weiter, ein neuer Job, der Mitte zu, wo Liebe noch möglich ist. Dann, auf den allerletzten Seiten, ein Besuch im Dorf der Herkunft, ein Familientreffen, die Goldene Hochzeit der Eltern. Man unterhält sich mit Geschwistern, aber diese Zeit liegt so lange zurück, dass sie nie mehr erreicht werden kann. Auch das ist eine Folge der Akzeleration: Die eigene Jugend, tausend Jahre sind’s her. Nie kehrst du wieder goldne Zeit. Oder liegt die goldene Zeit, das bessere Leben, etwas weiter vorn, gleich um die Ecke?

Das bessere Leben Notizen

(Persönliche Übersichtskarte zu ‘Das bessere Leben’ von Ulrich Peltzer)

Donnerstag, 28. Dezember 2017 (Gossau)

Heiligabend. Nacht und Nebel verhüllen das Dorf, das einwohnermäßig eigentlich eine Stadt ist (18,000 unterdessen), aber wegen der Nachbarschaft zu einer richtigen Stadt (mit UNESCO-Weltkulturgut-Klosteranlage, Stadttheater und von Plätzen mit ‘Tor’ im Namen umgebener Altstadt) immer ein Dorf bleiben wird, eine Hauptstraße, um die herum die Bauernhöfe und die Kuhweiden im Laufe der Jahrzehnte von Wohnsiedlungen verdrängt wurden. In den winterlich-kargen Gärten leuchten tapfer die Christbäume. Unter dem grauen Schleier sind sie nur aus nächster Nähe zu erkennen. Vor einem soliden Einfamilienhaus (ehemals, oder immer noch?, im Besitz des Gemeindeammanns, also des Bürgermeisters) brennt in einer runden Blechwanne gar ein Feuer. Man bleibt auf dem Nachhauseweg kurz stehen und wärmt sich an den gemütlich lodernden Flamen. Hinter den vorhanglosen Fenstern (also Fenstern ohne Gardinen, fast wie in Amsterdam, zumindest in den neuen Eigentumswohnungen, die alle gleich aussehen mit ihren großen Glasfronten; sie sind heutzutage aufgrund fehlenden Baulandes das neue Einfamilienhaus) sieht man gedeckte Tische die der Gäste harren, Weihnachtsdekoration und -bäume. Ab und zu huscht ein Schatten vorbei und verschwindet in einem inneren Zimmer. – Drei Nächte später hat der Nebel sich längst verzogen, dafür beginnt es in kleinen, fast winzigen Flocken zu schneien. Sie fallen nicht in regelmäßigen Bahnen, sondern wirbeln zu Boden. Vermag dieser Schnee überhaupt anzusetzen? – Er vermag es. Am Morgen sind Gärten, Bäume und Häuser weiß gekleidet. Es ist noch dunkel, aber die Straßen sind bereits gepfadet (das ist schweizerisch und bedeutet, dass ein Bauer oder ein anderer Traktorbesitzer sich zu den üblichen Subventionen noch etwas dazu verdient hat, indem er in aller Herrgottsfrühe einen Pfad durch den Schnee gepflügt hat).

‘Das Zimmer’ von Jonas Karlsson

Ich habe mir ‘Das Zimmer’ auf Weihnachten gewünscht, weil ich auf einem Bücherblog (welchem weiß ich nicht mehr) darüber gelesen habe. Als Letztes setzte ich es noch auf meine Wunschliste, welche ansonsten aus erfolgreichen deutschen Romanen des auslaufenden Jahres bestand. Es war das einzige Buch in Übersetzung und das einzige von der Liste, das ich dann tatsächlich geschenkt erhielt.

Auf dem Klappentext wird ‘Das Zimmer’ mit Beckett in Verbindung gebracht. Ein Beamter, welcher neu zu einer nicht näher definierten schwedischen Behörde stößt und dort seinen Arbeitsplatz im Großraumbüro einnimmt, entdeckt im Gang zwischen Lift und WC ein geheimnisvolles Zimmer, welches nur ihm zugänglich ist und in welches er sich oft zurückzieht. Diese Ausgangslage erinnert auch an Murakami und Kafka, oder an Filme wie ‘Stalker’ und  ‘The Matrix’. Das Zimmer ist eine Art Zone, und der Raum, in welchem die Geschichte spielt, sieht aus wie das Büro, in dem Neo vor dem Schlucken der roten Pille arbeitete. Wie Neo hat Björn, der Held des ‘Zimmers’ Zugang zu einer anderen, seinen Mitarbeitern unzugänglichen Welt. Auch Björn wird gerufen, nicht von Rebellen im digitalen Untergrund, sondern von einer für alle anderen unsichtbaren Tür in der Wand. Dahinter eben das Zimmer. Eigentlich ein gewöhnlicher, fensterloser Büroraum. Dort findet Björn Ruhe und Sicherheit. Ein bisher unbekanntes Gefühl nimmt von ihm Besitz, dass auch der Autor kaum beschreibt, das aber an einen Zustand tiefer Meditation erinnert. Oder an den Grund eines Brunnens in einem Murakami-Roman. Aufgrund der Ruhe, welche Björn im Zimmer findet, wird er bald zum gefragten Berichteschreiber auf dem Amt, der Direktor und sogar der Minister werden auf ihn aufmerksam. Das schafft Konfusion und schlechtes Blut auf dem Amt, zumal das Zimmer für die Kollegen nicht existiert – sie sehen die Tür in der Wand schlichtweg nicht. Die Lage spitzt sich allmählich zu, bis dem Helden nur noch ein einziger Ausweg bleibt.

Worüber schreibt der Autor? Über das Großraumbüro, den Alltagstrott, der aus Arbeit und ein wenig Tratsch besteh? (Aus nicht allzu schwerer Arbeit im Lande Schweden.) Handelt es vom Verlust oder gar Verbot des Mystischen in der aufgeklärtesten aller Gesellschaften? Wer weiß. Es ist ein kurzes Buch. Ich habe es schnell gelesen, an einem Morgen und einem Abend. Viel wird nicht bleiben, aber es hat mir trotzdem etwas gegeben, etwas, das ich nicht genau definieren kann, ebenso wenig wie der Text das Zimmer definiert.

‘Zündels Abgang’ von Markus Werner

Es ist Markus Werners erstes Buch. Er hat es mit 40 Jahren veröffentlicht. Er war damals selbst noch Lehrer. Im Buch lässt er einen anderen Lehrer, Zündel, den Verstand verlieren. Zündel verliert sich selbst, geht seinen Lieben verloren, geht eben ab. – Ich mochte die Schreibe des kurzen, präzisen Buches. Es ist eine Art Bericht, von einem Freund Zündels verfasst, in kurzen Kapiteln, in ganz kurzen Paragraphen. Sezession eines Menschen der an der Welt scheitert. An den Menschen, der Liebe, dem Wissen um den Tod.

Man will sich mit dem Autoren, der hier natürlich von sich selbst spricht, an einen Tisch setzen, bei Rotwein (er sieht, auf den wenigen Bildern die Google findet, nach Rotwein aus) und sich über diese Verzweiflung, welches die Verzweiflung des humanistisch gesinnten Materialisten ist (nur an die Materie glaubend, nicht das Materielle verehrend) unterhalten. Mit diesem humanistischen Materialist, der weiß, dass er nichts ist, dass der Mensch nur ein Zufall ist, den er paradoxerweise aber doch ins Zentrum seines Weltbildes rückt, obwohl alle Hinweise und alles Denken dagegensprechen. Das möchte man dem Zündel sagen, oder hätte man dem Werner sagen wollen: Der Mensch ist tatsächlich nichts, doch wenn man sich im naiven Glauben an die Seele, oder auch an die Seele der Dinge, oder zumindest an das menschliche Schaffen und die Kunst gegen dieses Nichts auflehnt, kann daraus Alles werden, oder zumindest ein Pünktchen Alles im Nichts, wie in Allem eben auch das Nichts angedeutet ist. Wer dies nicht erkennt, der verfällt der Gewalt oder, in zivilisierte Bahnen gedrängt, der Arbeit – siehe ‘Das Zimmer‘  – und dem Konsumdenken (der Kehrseite der Lohnarbeit), oder wenn auch dieses erkannt und abgelehnt wird und nichts mehr bleibt gar Zündels nihilistischer Depression. – Dies alles will man Werner sagen und weil das nicht mehr möglich ist, will man zumindest durch das Lesen seiner anderen Bücher die Unterhaltung auf diese Art und Weise fortsetzen.

Hinterhof mit Hunden

Von meinem Arbeitsplatz im ersten Stock aus sehe ich auf den Hinterhof eines kleinen Häuschens hinunter. Ich befinde mich in einem traditionellen Eisenbahnerort; es scheint sich um ein ehemaliges Eisenbahnerhäuschen zu handeln. Der ganzen Straße entlang, bis hinunter zur Lokomotivenfabrik, stehen solche Häuschen. Sie sind solide aus dicken Steinen gebaut, wie in spanischen Dörfern üblich, aber der kleine Hinterhof direkt unter meinem Fenster ist verwahrlost und dreckig. Auf zwei Seiten wird er von einem hohen Maschendrahtzaun eingefasst, an dem ein Sichtschutz angebracht wurde, welcher aber an vielen Stellen zerrissen am Zaun hängt; vom benachbarten Hinterhof ist er durch eine Mauer getrennt; gegen das Häuschen hin steht ebenfalls eine Mauer, hinter welcher ein weiterer, noch kleinerer Hof liegt, dann das Häuschen. Der Boden des Hinterhofs besteht aus brauner Erde. Er dient den Hausbewohnern als Abfallmulde und Rumpelkammer. Aufeinandergestapelte Plastikstühle stehen herum, leere Haarasse, ein umgekipptes Fass, alte Türen und Fensterrahmen und sonst noch viel Krams und Abfall. Im Hinterhof leben auch vier Hunde. Bei zumindest zweien von ihnen handelt es sich um Kampfhunde. Einer ist ein schöner, ruhiger Pittbull, die Rassen der anderen kenne ich nicht. Die vier Hunde langweilen sich. Manchmal stehen sie am Zaun an einer Stelle, wo sie den Sichtschutz zerbissen haben und in die Welt hinausschauen können. Ganz selten, wenn ein anderer Hund provozierend am Zaun vorbei spaziert, bellen sie ein wenig, meistens aber stehen, sitzen oder liegen sie ruhig wie Zenmönche auf dem einzigen Fleckchen Sonne, welches am Morgen im Hinterhof zu finden ist. Manchmal besucht eine kleine Katze die Hunde. Sie bewegt sich ohne Angst zwischen zwischen ihnen und legt sich, wenn sie Lust dazu hat, sogar Fell an Fell neben den Pittbull. Vielleicht trägt sie durch ihre Kommen und Gehen, durch ihre gelegentliche Anwesenheit ein Stück der Welt da draußen in den dreckigen Hinterhof hinein. – Im Gegensatz zum verwahrlosten Hinterhof besteht der benachbarte Hinterhof aus einem schönen kleinen Gärtchen mit Steinboden, Gartenbeeten und Olivenbäumen.