Sonntag, 10. Dezember 2017 (Alcorcón)

Freitag war Feiertag. Ich habe vergessen (und mag auch nicht googeln), ob die spanische Verfassung gefeiert wurde, oder ob das am Mittwoch war, ebenfalls ein Feiertag, und man am Freitag einer Nationalheiligen gedachte. Wie dem auch sei: Carol war am Freitag an einer Beerdigung, was bedeutete, dass sie ab zwölf Uhr den ganzen Tag lang weg war, da man an spanischen Beerdigungen Nächte und Tage lang in der Leichenhalle herumsitzt und sich leise flüsternd mit entfernten Cousins und unbekannten Tanten unterhält. Ich arbeitete also nur bis zwölf Uhr, dann unternahm ich mit Paul zwei lange Spaziergänge. Der erst führte uns zu einem neuen Supermarkt. (Ich bin Supermarkt-Fan, wenn natürlich mit Vorbehalten, da ich mich in ihnen immer wie ein Mensch aus früheren Zeiten, oder aus anderen Weltteilen, im Schlaraffenland fühle). Ich fand ein riesiges Käsesortiment vor, sogar Appenzeller war zu haben. Ich kaufte Gruyères und Emmentaler (leider aus Frankreich, nicht aus dem Emmental) für ein Fondue am Samstag. Dann spazierten wir zurück und belegten einen Pizzateig und aßen Pizza zMittag. Der zweite Spaziergang führte dann ins Dorf, wo wir heiße Kastanien kauften, die wir auf einer Bank aßen. Samstag: Fondueessen mit Freunden. Meine Käsemischung war ein Erfolg. Wir Erwachsenen tunkten das Brot anstatt in Kirschschnaps in ein peruanisches Gebräu, das James von einer Reise mitgebracht hatte. Am Abend war Carol mit Freundinnen in Madrid und ich las in ‚Moby-Dick’ bis ich einschlief. Heute Sonntag: Am Morgen Winterkleider für Paul gekauft; am Nachmittag zum Adventskaffee zu Ledesma-Eckermanns nach Villaviciosa, inklusive Glühwein aus dem Lidl, Weihnachtsplätzchen backen und Adventslieder singen. – Alles recht zivilisiert und gesittet, ein langes, problemlos verbrachtes Wochenende, wie ein kleine Insel der Ruhe in unserer Zeit der Akzeleration. Überhaupt kommt es mir vor, als lebten wir auf kleinen Inseln, in kleinen Zellen … Wir sind uns der Akzeleration bewusst und trotzdem bemerken wir sie kaum. Sie zieht rasend schnell über unsere Köpfe hinweg, wir kriegen sie nicht zu fassen. Oft habe ich am Wochenende an Ulrich Peltzers Roman ‚Das bessere Leben’ gedacht, ein weniger über ihn gelesen, Kritiken, Interviews, die Lesenswert-Quartett-Diskussion auf Youtube geguckt. Erzählt der Roman von der Akzeleration? Die Kritik ist ratlos. Auch viele Leser – so entnehme ich einigen Reviews auf Amazon – verstehen nur Bahnhof. Ich will den Roman unbedingt lesen. Ich war von Peltzers letztem Roman ‚Teil der Lösung’ begeistert, obwohl ich mehrere Mal kurz davor war, aufzugeben und nur zufällig weitergelesen hatte. Zum Glück. Ich habe den Roman nie vergessen, obwohl es fast zehn Jahre her ist, seit ich ihn völlig unerwartet auf Weihnachten geschenkt erhielt. An die Handlung erinnere ich mich nicht, an die Stimmung und die Textur sehr wohl. Schreibt Ulrich Peltzer über unsere Zeit wie kein anderer in Deutschland? Vielleicht wie Don DeLillo in den USA? Ich hoffe, seinen neuen Roman bald zu lesen … Im Januar will ich ihn lesen.

Elias Canetti 2

Erst wenige Seiten habe ich von ihm gelesen, aber bereits steht mir der Sinn nach mehr. Wie Kafka einer der großen deutschen Schriftsteller, der kein Deutscher war (und auch nicht Österreicher oder Schweizer). Canetti: Bulgarien, Wien (er sprach mit einem angenehmen österreichischen Akzent), Zürich (dort ging er an die Kanti), London, wieder Zürich, wo er seine letzten Jahre verbrachte. Ein einziger Roman, ein philosophisches Werk, mehrbändige Jugenderinnerungen. “Und wenn du nichts mehr tätest, als dein Leben niederzuschreiben, dein ganzes Leben so hättest du es wenigstens verdichtet.” Das war 1974, der Autor war 69 Jahre alt. Drei Jahre später erschien der erste Teil seiner Autobiographie, ‘Die gerettete Zunge. Geschichte einer Jugend’, welche ich mit etwas Glück nächstes Jahr lesen werde. Canetti war ein ein Vollblutschriftsteller, was heißt, dass er sich nichts anderem als dem Schreiben gewidmet hatte und die damit verbundene relative Armut stoisch ertrug. Cormac McCarthy oder Paul Nizon kommen mir in den Sinn. Auf dem Einband meines ersten Canetti-Buches sitzt er vor einer Tasse Kaffee, in Wien, stellt man sich vor. Er raucht, die Zigarette steckt in einer Spitze. Er mag vierzig oder fünfzig gewesen sein, sein volles Haar ist noch ganz braun. Er trägt Jackett, Krawatte und ein weißes Hemd.

Elias Canetti 1973

Hier einmal ein geborgter Eintrag, von Elias Canetti aus seinen Aufzeichnungen 1973:

“Ich bereue diese Buchorgien nicht. Ich fühle mich wie in der Zeit der Expansion für Masse und Macht. Auch damals geschah es alles durch Abenteuer mit Büchern. Als ich kein Geld hatte, in Wien, gab ich alles, was ich nicht hatte, für Bücher aus. In London, in der schlimmsten Zeit, gelang es mir irgendwie immer noch von Zeit zu Zeit Bücher zu kaufen. Ich habe nie systematisch etwas gelernt, wie andere Leute, sondern nur in plötzlichen Aufregungen. Sie begannen immer damit, dass mein Blick auf etwas fiel, das ich dann haben musste. Die Geste des Ergreifens, die Freude am Hinauswerfen von Geld, das nach Hause oder in das nächste Lokal Tragen, das Betrachten, das Streicheln , das Blättern, das Wegstellen für Jahre, die Zeit neuer Entdeckung dann, wenn’s ernst wurde – alles das ist Teil eines schöpferischen Prozesses, dessen verborgene Einzelheiten ich nicht kenne. Aber anders geschieht bei mir nichts, uns so werde ich bis zum letzten Augenblick meines Lebens Bücher kaufen müssen, besonders wenn ich ganz sicher weiß, dass ich sie nie mehr lesen werde. – Es ist, glaube ich, auch ein Teil des Trotzes gegen den Tod. Ich will nie wissen, welche dieser Bücher ungelesen bleiben werden. Bis zum Schluss kann es nicht bestimmt sein, welche es sind. Ich habe die Freiheit der Wahl, unter allen Büchern um mich herum kann ich jederzeit frei wählen und habe dadurch den Verlauf des Lebens in meiner Hand.”

Trost für den impulsiven (oder kompulsiven) Bücherkäufer, der ich nicht mehr bin, aber wieder einmal werden könnte.

Dieses Buch, ‘Aufzeichnungen 1973 – 1984’, habe ich in der Gebrauchtbuchhandlung der deutsch-protestantischen Kirche gekauft, wo gestern Weihnachtsmarkt war. Wir aßen Erbsensuppe, Bratwürste, Brezel und Leberkäse und tranken dazu Bier am Morgen. Die Buchhandlung liegt in einer offenen Galerie im oberen Kirchstock – sie ist um die Orgel herum angelegt. Der Buchhändler sitzt mit Bart und mürrischem Gesicht am Eingang, begutachtet das Buch, das ein Kunde ihm in Kaufabsicht vorliegt, von allen Seiten, blättert es kurz durch und nennt dann einen Preis. Für den Canetti, in einer schönen, gebundenen Ausgabe, wollte er zwei Euro fünfzig.

Ein Haus

Ein Haus auf einem großen Gelände am Rande der Stadt. Auf der einen Seite, getrennt durch die Autobahn Madrid – A Coruña, liegen weitläufige Vororte: alte Dorfzentren in denen wenig begüterte Spanier und südamerikanische Einwanderer wohnen, darum herum große Quartiere mit Einfamilienhäusern und teuren Wohnungen; auf der anderen Seite liegt El Pardo, ein Naturpark bestehend aus bewaldeten Hügeln voller Wildschweine, welcher sich von den Bergen herkommend dicht an Madrid anschmiegt. Manchmal kreisen die Adler aus dem Pardo hier über den gutbürgerlichen Einfamilienhäusern. In einem dieser Häuser wohnen L. und Z. mit ihren zwei Kindern. Ihr Haus ist aber nicht gutbürgerlich sondern eher … vielleicht könnte man sagen nonkonformistisch. Außerdem ist es erst zu zwei Dritteln renoviert. Wir sitzen in der Küche, welche dank zwei vor kurzem herausgebrochenen Wänden mit dem Wohnzimmer und einem anderen Zimmer verbunden ist. Wir befinden uns im nicht-renovierten Teil des Hauses. Dutzende von Stellen zeugen davon, dass hier noch viel Arbeit vor den Hausherren liegt: die Küche besteht aus einer per Gasbombe betriebenen Herdplatte, der Wasserhahn ist noch nicht mit den Wasserwerken, sondern mit einem Grundwasserbrunnen verbunden, die Wände um die neuen Fenster herum sind unverputzt, Kabel und Röhren ragen zwecklos aus der Wand etc. Außerdem steht allerlei Zeugs herum, das seinen Platz im Haus noch nicht gefunden hat. Das tut der Gemütlichkeit des großen Raums allerdings keinen Abbruch. Im Kamin werden Kastanien geröstet. Ein starker, schneeweißer und äußerst friedlicher Schweizer Schäferhund liegt unter dem Tisch. Auf der Herdplatte braut der Kaffee.

Das ist der rechte Hausteil. Der linke Hausteil und das Obergeschoss sind bereits ausgebaut. Links befinden sich die Schlafzimmer und oben ein großer, heller Dachboden, welchen die beiden vermieten und für ihre eigenen Seminare brauchen. In einer Ecke steht das Schlagzeug eines Schlagzeuglehrers; Yoga- und andere Klassen finden dort statt; für nächstes Wochenende ist die meditative Gesangs- und Musiksession eines Vokalisten und Schauspielers geplant. Vieles hat Z. noch vor: zwei neue Gebäudeteile bauen, einer für die Küche und der andere für ihre Tanzschule; ein Dom für weitere Workshops im Garten.

Wir sprechen ein wenige von der Schule unserer Kinder – dorther kennen wir uns – und dann von L.’s Ayahuasca-Erfahrungen und Z.’s Plänen mit dem Haus, das zu einer Mischung aus Wohnstätte und Werkstatt werden soll.

Sehnsucht nach Geheimem Wissen

Ich bin in letzter Zeit des Öfteren Menschen begegnet, welche eine tiefe Sehnsucht nach Geheimem Wissen in sich tragen. So habe ich gehört, dass die ägyptischen Pyramiden keine Gräber gewesen sein sollen, sondern irgendetwas anderes, etwas Geheimes‚ Orte der Kraft … Dann hat man mir von Schamanen berichtet, welche, auf uraltes Geheimwissen vertrauend, Unglaubliches zustande bringen sollen. Schließlich war gar vom Horoskop der Maya die Rede, welches große Wahrheiten in sich bergen soll.

All diesen Berichten ist eins gemeinsam: Die Sehnsucht nach einer Formel für das erfolgreiche Leben, einer Antwort auf alle unserer Fragen. Eine solche, so hofft man, sei in tiefer Vergangenheit den Priestern und Zauberern bekannt gewesen, sei dann aber im Laufe der Entstehung der modernen Welt verloren gegangen. Unterdrückt vom Rationalismus, Materialismus, Kapitalismus, von der organisierten Religion.

Dass die paradiesischen Zustände, in welcher Menschen Muse haben, von altem Geheimwissen zu träumen, allerdings gerade deshalb entstehen konnte, weil der Aberglaube (ein Wort das aus der Mode gekommen zu sein scheint) ausgetrieben wurde, und zwar durch die Philosophie der Alten Griechen, durch die Religion der Alten Juden, durch die Jurisprudenz der Alten Römer, durch die gesellschaftliche Revolution der Franzosen, die industrielle Revolution der Engländer und die technologische Revolution der Amerikaner, um nur die die wichtigsten Etappen auf dem Weg vom Unwissen in die moderne Zeit zu nennen, wird dabei oft vergessen.

Natürlich ist die moderne Welt immer noch ein Trauertal und natürlich ist viel Wissen aus alter Zeit verloren gegangen. Und natürlich interessieren mich sowohl der Schamanismus, wie auch die alten Kulturen Amerikas oder die geheimnisvolle ägyptische Zivilisation, welche tausende von Jahren überlebt hat und Pyramiden baute, die bis heute das Größte sind, was Menschen je an Bauwerken zustande gebracht haben. Nur glaube ich an kein Geheimes Wissen, weder aus alter noch aus moderner Zeit. Das heißt, ich glaube an keine utopischen Formeln.

„Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen, bis dass du wieder zu Erde werdest, davon du genommen bist. Denn du bist Erde und sollst zu Erde werden.“ – So wandeln wir seit jeher auf Erden, und keine geheimes Wissen kann uns davor bewahren.