Nichtwissen bedeutet nicht nichts wissen

J., mit dem ich mich heute Morgen etwas zu lange unterhalten hatte, ist ein intelligenter, wenn auch kein gebildeter Mann. Er ist eine Variation jenes weit verbreiteten Menschenschlags, welcher glaubt, alles sei manipuliert und geheime Kräfte operieren im Hintergrund. Diese Menschenart zeichnet sich dadurch aus, dass sie behaupten, alle Informationen, welche über Zeitungen und andere offizielle Kanäle zu uns gelangen, seien falsch weil eben manipuliert. Allerdings sehen sie sich selbst nicht als Teil der ignoranten Massen, denn sie selbst sind, meist aus dubiosen Quellen, sehr wohl über die echten, im Hintergrund waltenden Kräfte informiert. Sie zitieren oft Dokumente aus denen klar hervorgehe, dass dieses oder jenes eine Lüge sei und dass sich eine Sache in Tat und Wahrheit so und so verhalte. Trotz dieses Geheimwissens geben sich Menschen dieser Art recht oft resigniert, da den wirklich Mächtigen (und damit meinen sie natürlich nicht den Regierungschef, sondern einen alles kontrollierenden Marionettenspieler …) dass diesen wirklich Mächtigen also nicht beizukommen sei, auch nicht, wenn man über ihre Manipulationen Bescheid wisse. – Sie sind übrigens durch einen einfach Test zu identifizieren: Man frage sie nach der Mondlandung und wartet ab, ob in der nachfolgenden Diskussion das Wort ‘Kubrick’ fällt. (Gemäß einer populären Verschwörungstheorie wurden die Bilder der Mondlandung von Stanley Kubrick in irgendeinem Studio gedreht.) Ich habe J. dem Test unterzog und tatsächlich war bald vom Großmeister Stanley die Rede.

Ich glaube, dass dieser Menschenschlag vor allem darunter leidet, eine Tugend (nämlich die sokratische Tugend des Nichtwissens, welche 400 Jahre später in den Seligsprechungen der Bergpredigt erneut bestätigt wurde und somit eine doppelte Grundlage unserer Kultur bildet), diese Tugend also in eine Schwäche zu verwandeln. Denn der sokratische und messianische Grundsatz des Nichtwissens bezieht sich zum einen auf die letzten Dinge und zum anderen auf das Absolute des Wissens, nicht auf das sich an der Oberfläche abspielende Menschliche, welches mit kühlem Kopf durchaus, wenn auch nicht absolut und abschließend, zu verstehen ist. Aus der Tugend des Nichtwissens, wird also die Schwäche des nichts Wissens – oder, noch tragischer, des Geheimwissens, welches natürlich absolut ist, im Gegenteil etwa zum in Traditionen und Kulturen vorhandenen Wissens oder auch zum falsifizierbaren Wissen der Naturwissenschaften.

Wer also sind diese Menschen, die überall Lüge, Trug und Manipulation am Werke sehen, diese aber durchschauen, zum Beweis irgendwelche Dokumente zitieren und sich doch selbst den echten Machtverhältnissen gegenüber als ohnmächtig betrachten – dabei aber kurioserweise doch sehr gut leben? Ich glaube, dass es sich bei ihnen um Opfer der anhaltenden Nachbeben des marxistischen Denkens handelt, demzufolge der Mensch nicht selbstbestimmt ist, sondern ewiges Opfer der ‚Strukturen’. Ich behaupte nicht, dass diese Strukturanalysen und Dekonstruktionen keinerlei Berechtigung hätten – sie tragen durchaus zum besseren Verständnis der Welt bei, aber sie sind halt nur eine Seite der Medaille. Der Mensch ist in Wahrheit eben ein widersprüchliches, duales Wesen: frei und in Ketten; selbstbestimmt und machtlos; unwissend und doch wissend genug, um die Welt in der wir heute Leben aus dem Naturzustand heraus geschaffen zu haben.

Seit wir aus dem Paradies vertrieben wurden, sprich seit wir ein Bewusstsein entwickelt haben, oder, nach anderer Leseart, seit wir zu sesshaften Bauern wurden, sind wir stets versucht, Gott oder andere Machtstrukturen für unser Schicksal verantwortlich zu machen, übersehen dabei aber, dass seit Kain und Abel eben auch eine große Eigenverantwortung auf uns lastet, dass wir mit einem rationalen Verstand und Händen zum Arbeiten ausgestattet worden sind, und dass der Zustand der Welt vom Einsatz von Kopf und Verstand jedes Einzelnen abhängt. Wer wie Abel Gott und das System verflucht, droht irgendwann erschlagen werden; wer wie Kain, trotz seines Mordes und seines Nichtwissens (weshalb nur hat Gott Kains Opfer verschmäht?) weitermacht und ruhelos aber selbstbestimmt auf der Erde wandelt, der wird eines Tages ganz Völker zu seinen Nachkommen rechnen dürfen.

Das Heranziehen der Legende der ersten geborenen Menschen als Allegorie für den Umgang des Menschen mit unsichtbaren Machtstrukturen mag etwas zu sehr aus der Luft gegriffen sein … und natürlich bleibt ein Rätsel, weshalb Gott Kains Opfer verschmähte und ihn für seinen Brudermord nicht bestrafte – deshalb zum Abschluss, um wieder zurück auf weniger nebulöse Bahnen zu kommen, noch dieser Gedanke: Die unter der Oberfläche wirkenden Kräfte sind durchaus real, aber sie sind weder geheim noch verschwörerisch, sondern uns im Grunde sehr wohl bekannt und verständlich – denn dieselben Kräfte, die in den Strukturen des Systems wirken, bemerken wir in uns selbst. Sie sind menschlich und allzumenschlich.

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