Der Deutschlerner

Der dicke Mann in der Bibliothek … Er sieht noch recht jung aus, höchstens fünfunddreißig obwohl er eine Glatze hat und einzig ein etwas ungepflegter Haarkranz seinen runden Kopf schmückt. Er ist unrasiert, trägt eine Brille, seine Augen glänzen, als habe er Fieber. Jetzt späht er manchmal zu mir hinüber, als ob er ahne, dass ich ihn beschreibe. Er trägt ein blaues Poloshirt, welches aber nur die oberen zwei Drittel seines runden Bauches bedeckt. Der herausquellende Wanst ist haarig. Der Mann ist in der Bibliothek, um Deutsch zu lernen. Ich sehe seine selbstgeschriebene Vokabelliste und seinen gelben Langenscheidt auf dem Tisch liegen. Merkwürdigerweise geht er aber schon seit fast einer Stunde schwerfällig und langsamen Schrittes zwischen den immer selben Büchergestellen auf und ab. Ab und zu greift er mechanisch nach einem Buch und guckt hinein, man merkt aber, dass er sich das Buch nicht wirklich anschaut. Weshalb setzt er sich nicht und beginnt endlich mit dem Deutschlernen? Vielleicht zwingen ihn seine Eltern, die nicht wissen, was sie mit dem phlegmatischen Sohn, der noch immer im Kinderzimmer wohnt, anfangen sollen, zum Deutschlernen. “Vielleicht findest du Arbeit bei einer deutschen Firma”, höre ich sie sagen, wobei sie aber selbst nicht an ihren Plan glauben. Er ist jeden Tag in der Bibliothek, aber erst gestern hatte ich ihn zum ersten Mal genauer betrachtet. Gestern hatte er recht beflissen studiert. Vielleicht hat er heute ja wirklich Fieber. Vielleicht wird er am Montag wieder fleißig deutsch lernen. Vielleicht kommt er ja wirklich bald bei Siemens unter.

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