Madrid, 2. November 2017

Nun ist er endlich bezwungen der spanische Sommer, der seine Herrschaft über Madrid dieses Jahr bis weit in den Oktober hinein verteidigt hatte. Der Herbst hatte seine Ansprüche nicht mit Gewalt geltend gemacht, sondern geduldig gewartet, wie die russische Armee auf den Winter, um, als es soweit war, ruhig und ohne großes Aufsehen seinen angestammten Platz einzunehmen. Es ist nun kühl, der Himmel ist bedeckt und die Bäume haben innerhalb einer Woche viel von ihrem Blattwerk verloren. Das Laub bedeckt den Asphalt. Noch fehlt das Wasser, aber in der Nacht soll es regnen.

Trotz des gestrigen Feiertages fuhren die Schwiegereltern nicht auf den Friedhof. Sie erholen sich von einem Spitalaufenthalt und verschoben die alljährliche Aufwartung bei den Eltern und Vorfahren auf einen späteren Zeitpunkt. Da deswegen keine Chauffeurdienste anfielen, arbeitete ich am Morgen. Zum Mittag fuhren wir dann mit James nach Móstoles. Diego lud zu seinem Geburtstag zum Sushi-Essen ein. GoSushing, ein Kettenrestaurant mit unglücklichem Namen (GehSushen?) und guter Küche. Diego hielt sich auf seine typische (und auch typisch argentinische) Art beim Essen zurück und kümmerte sich darum, dass alle anderen genug auf dem Teller hatten. Es schmeckte uns allen, auch den Kindern. Paul und Lucía sind schon seit längerem beste Freunde. Er lag auf ihr und beide lachten um die Wette. „In ein paar Jahren würde mir das nicht mehr gefallen”, meinte Cristina. Nach dem Essen gingen wir in den Park spazieren. ‘El Soto’ steckt wie ein großer, grüner Stachel im südwestlichen Madrider Großraum. Auf der einen Seite ist alles dicht bebaut, während sich hinter dem Park die Stadt nur noch fleckenartig ausbreitet: dort liegen das Xanadú, eine Mall mit künstlicher Skipiste in einer riesigen Kühlhalle, verstreute Einfamilienhaussiedlungen wie Parque Coimbra und Arroyomolinos, und schließlich Navalcarnero, wohin die Vorortsbahn wegen der Krise von 2008 immer noch nicht reicht, weshalb es seinen spanischen Kleinstadtcharakter bewahrt hat und nicht mehr zum Madrider Metropolitanraum zu rechnen ist. Aufgrund dieser peripheren Lage gehört El Soto nur den Mostoleños. Andere Bewohner des Madrider Südens haben von ihm kaum Kenntnis.

Wir sahen einen großen Storchenschwarm in Keilformation über uns hinwegfliegen. Mindestens dreißig Tiere unterwegs Richtung Süden.

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