Leo Tolstoi: Krieg und Frieden

Der Titel ist Programm: Wir springen zwischen Frieden und Krieg hin und her; zwischen dem gesellschaftlichen Leben einiger Familien des russischen Hochadels und den napoleonischen Kriegen, in welchem die Söhne ebendieser hohen Häuser sich entweder durch Tugend und Tatendrang hervortun oder im Generalstab eine ruhige Kugel schieben. Die Bauern und Arbeiter, welche in Russland bald ins Zentrum der Geschichte rücken sollten, werden dabei nur am Rande erwähnt. Sie sind Leibeigene und Kanonenfutter. Zwischendurch analysiert Tolstoi im Stile eines Sachbuchautors das Kriegsgeschehen und kommentiert die militärpolitische Großlage, inklusive der Taten und Fehltaten der historischen Personen, allen voran natürlich denjenigen Napoléons und des russischen Oberkommandierenden Kutusow.

Ganze Bände sind über diese 800 Seiten Weltliteratur wohl geschrieben worden; erstaunlich wenig habe ich dazu zu sagen. Die Lektüre war für mich eine Art meditativer Prozess, welcher sich über mehr als einen Monat hinwegzog. Jeden Morgen verbrachte ich, während es draußen noch dunkel war, angeregt durch eine kleine Tasse starken Kaffees, eine Stunde in der Zeit der napoleonischen Kriege. Ich tauchte in das Leben der russischen Aristokratie ein, welches mir eintönig und oberflächlich vorkam, eigentlich langweilig, erahnte wie das Leben des russischen Volkes trostlos dem Ende entgegen taumelte, und erfuhr nebenbei einiges über die großen Krieg und Feldzüge, welche der Laune einiger Kaiser, Könige und Generäle zu entspringen schienen.

‘Krieg und Frieden’ ist ein Buch der großen Bewegungen. Zunächst wogen die Völker des Westens nach Osten, dann sammelt sich der Osten und drängt in den Westen. Die Geschichte als Ebbe und Flut und der Mensch, auch der höchste unter ihnen, treibt auf dem Wasser dahin. Sinn ist nichts als Illusion.

Madrid, 23. November 2017

Madrid ist immer eine trockene Stadt. Zu jeder Jahreszeit kann der Himmel tage- oder sogar wochenlang wolkenlos blau bleiben, im Sommer sogar monatelang. Doch fällt in der Regel vor allem im Herbst und im Frühling trotzdem genug Regen, um eine Stadtregion von sechs Millionen Einwohnern mit ausreichend Wasser zu versorgen. Zur Zeit aber herrscht Dürre; die erste Dürre, die ich selbst erlebe. Seit die Sommerhitze bereits im Juni, einen Monat zu früh, die Stadt in Beschlag genommen hatte, hat es so wenig geregnet, dass ich mich an jeden Niederschlag erinnern kann. Es waren genau deren vier Mal: Ein Gewitter im Juni (am Abend des Tages, an dem ich einigen amerikanischen Gästen gegenüber behauptet hatte, es würde nun bis Ende August nicht mehr regnen – sie mögen mich verwünscht haben, als sie tropfnass nach einem Taxi winkten), dann nochmals ein wenig Regen während eines Kälteeinbruchs Anfang Juli (zur Abkühlung der World Pride), und nach dem Sommer je ein Regentag im September und im Oktober. Das ist nicht genug. Noch immer kommt Wasser aus dem Hahn, noch immer zischen die Sprinkler am Morgen, aber überall, wo nicht künstlich bewässert wird, beginnt das Land auszutrocknen. Die Felder am Rande der M50 sind gelb und braun und lassen einem an Halbwüsten in Arizona denken. – Wasser soll die wichtigste Ressource des 21. Jahrhunderts sein.

Nichtwissen bedeutet nicht nichts wissen

J., mit dem ich mich heute Morgen etwas zu lange unterhalten hatte, ist ein intelligenter, wenn auch kein gebildeter Mann. Er ist eine Variation jenes weit verbreiteten Menschenschlags, welcher glaubt, alles sei manipuliert und geheime Kräfte operieren im Hintergrund. Diese Menschenart zeichnet sich dadurch aus, dass sie behaupten, alle Informationen, welche über Zeitungen und andere offizielle Kanäle zu uns gelangen, seien falsch weil eben manipuliert. Allerdings sehen sie sich selbst nicht als Teil der ignoranten Massen, denn sie selbst sind, meist aus dubiosen Quellen, sehr wohl über die echten, im Hintergrund waltenden Kräfte informiert. Sie zitieren oft Dokumente aus denen klar hervorgehe, dass dieses oder jenes eine Lüge sei und dass sich eine Sache in Tat und Wahrheit so und so verhalte. Trotz dieses Geheimwissens geben sich Menschen dieser Art recht oft resigniert, da den wirklich Mächtigen (und damit meinen sie natürlich nicht den Regierungschef, sondern einen alles kontrollierenden Marionettenspieler …) dass diesen wirklich Mächtigen also nicht beizukommen sei, auch nicht, wenn man über ihre Manipulationen Bescheid wisse. – Sie sind übrigens durch einen einfach Test zu identifizieren: Man frage sie nach der Mondlandung und wartet ab, ob in der nachfolgenden Diskussion das Wort ‘Kubrick’ fällt. (Gemäß einer populären Verschwörungstheorie wurden die Bilder der Mondlandung von Stanley Kubrick in irgendeinem Studio gedreht.) Ich habe J. dem Test unterzog und tatsächlich war bald vom Großmeister Stanley die Rede.

Ich glaube, dass dieser Menschenschlag vor allem darunter leidet, eine Tugend (nämlich die sokratische Tugend des Nichtwissens, welche 400 Jahre später in den Seligsprechungen der Bergpredigt erneut bestätigt wurde und somit eine doppelte Grundlage unserer Kultur bildet), diese Tugend also in eine Schwäche zu verwandeln. Denn der sokratische und messianische Grundsatz des Nichtwissens bezieht sich zum einen auf die letzten Dinge und zum anderen auf das Absolute des Wissens, nicht auf das sich an der Oberfläche abspielende Menschliche, welches mit kühlem Kopf durchaus, wenn auch nicht absolut und abschließend, zu verstehen ist. Aus der Tugend des Nichtwissens, wird also die Schwäche des nichts Wissens – oder, noch tragischer, des Geheimwissens, welches natürlich absolut ist, im Gegenteil etwa zum in Traditionen und Kulturen vorhandenen Wissens oder auch zum falsifizierbaren Wissen der Naturwissenschaften.

Wer also sind diese Menschen, die überall Lüge, Trug und Manipulation am Werke sehen, diese aber durchschauen, zum Beweis irgendwelche Dokumente zitieren und sich doch selbst den echten Machtverhältnissen gegenüber als ohnmächtig betrachten – dabei aber kurioserweise doch sehr gut leben? Ich glaube, dass es sich bei ihnen um Opfer der anhaltenden Nachbeben des marxistischen Denkens handelt, demzufolge der Mensch nicht selbstbestimmt ist, sondern ewiges Opfer der ‚Strukturen’. Ich behaupte nicht, dass diese Strukturanalysen und Dekonstruktionen keinerlei Berechtigung hätten – sie tragen durchaus zum besseren Verständnis der Welt bei, aber sie sind halt nur eine Seite der Medaille. Der Mensch ist in Wahrheit eben ein widersprüchliches, duales Wesen: frei und in Ketten; selbstbestimmt und machtlos; unwissend und doch wissend genug, um die Welt in der wir heute Leben aus dem Naturzustand heraus geschaffen zu haben.

Seit wir aus dem Paradies vertrieben wurden, sprich seit wir ein Bewusstsein entwickelt haben, oder, nach anderer Leseart, seit wir zu sesshaften Bauern wurden, sind wir stets versucht, Gott oder andere Machtstrukturen für unser Schicksal verantwortlich zu machen, übersehen dabei aber, dass seit Kain und Abel eben auch eine große Eigenverantwortung auf uns lastet, dass wir mit einem rationalen Verstand und Händen zum Arbeiten ausgestattet worden sind, und dass der Zustand der Welt vom Einsatz von Kopf und Verstand jedes Einzelnen abhängt. Wer wie Abel Gott und das System verflucht, droht irgendwann erschlagen werden; wer wie Kain, trotz seines Mordes und seines Nichtwissens (weshalb nur hat Gott Kains Opfer verschmäht?) weitermacht und ruhelos aber selbstbestimmt auf der Erde wandelt, der wird eines Tages ganz Völker zu seinen Nachkommen rechnen dürfen.

Das Heranziehen der Legende der ersten geborenen Menschen als Allegorie für den Umgang des Menschen mit unsichtbaren Machtstrukturen mag etwas zu sehr aus der Luft gegriffen sein … und natürlich bleibt ein Rätsel, weshalb Gott Kains Opfer verschmähte und ihn für seinen Brudermord nicht bestrafte – deshalb zum Abschluss, um wieder zurück auf weniger nebulöse Bahnen zu kommen, noch dieser Gedanke: Die unter der Oberfläche wirkenden Kräfte sind durchaus real, aber sie sind weder geheim noch verschwörerisch, sondern uns im Grunde sehr wohl bekannt und verständlich – denn dieselben Kräfte, die in den Strukturen des Systems wirken, bemerken wir in uns selbst. Sie sind menschlich und allzumenschlich.

Madrid, 20. November 2017

Ich suchte heute Morgen um fünf Uhr die Wohnung nach den dreifingerbreiten und immer noch nicht ganz zu Ende gelesenen 800 Seiten ‘Krieg und Frieden’ ab. Leise öffnete ich Türen und Schränke, schlich sogar mit der Handytaschenlampe im Schlafzimmer umher – das Buch aber blieb unauffindbar. Es blieb mir deshalb nichts anderes übrig, als mich bereits ans nächste Buch heranzumachen. Ich entschloss mich spontan, mit ‘Moby Dick’ zu beginnen. Die Morgenstund verlieh mir wohl den nötigen Enthusiasmus für einen weiteren Klassiker. Ich besitze diesen ebenfalls in einer schönen gebundenen Ausgabe – jahrzehntealt und in besserem Zustand als manch zehnjähriges Taschenbuch. (Ich versuchte auf den Kauf von Taschenbüchern zu verzichten.) Es handelt sich um eine deutsche Übersetzung, ein Geschenk aus dem Bestand derselben Tante, die mir auch ‘Krieg und Frieden’ vermachte. Das erste Drittel der Lesezeit verwendete ich auf die dreizehn Seiten voller Zitate über Wale, welche Melville seiner Geschichte voranstellte. Dann endlich begann das Abenteuer. Schon auf der ersten Seite war ich begeistert. Vom Erzähler, Ismael, der mir sofort sympathisch war (er heuert auf dem Walfänger an, um niemanden totzuschlagen) und vom Melvilles Stil, voller Anspielungen auf Religion, Philosophie, Kunst und Literatur. Der erste unterstrichene Satz: “Zuweilen hegt wohl jeder auf seine Weise ähnliche Empfindungen für das Weltmeer wie ich – er weiß nur nichts davon.” Viele Unterstreichungen folgten.

Jetzt gilt es aber erst noch den Tolstoi fertig zu lesen, den ich sehr gerne lese, in dem ich aber nichts unterstrichen habe. Ich fand ihn im Wäschekorb. Wie er dorthin gelangte, bleibt ein Rätsel.

 

Madrid, 13. November 2017

Gestern im Wald in Villa. Ein schöner Herbst, wie man so sagt. Es ist kühl, aber an der Sonne braucht man keine Jacke. Wie schon die Tage zuvor, verlieren sich nur wenige kleine, weiße Wolken am tiefblauen Himmel. Ganz zart sprießte der Rasen zwischen den Bäumen, aber die Trockenheit ist überall zu sehen. Im Flussbett Sand statt Wasser.