Madrid, 25. Oktober 2017

100 Jahre Oktoberrevolution

Ich habe am frühen Morgen und nachdem ich Paul in den Kindergarten gebracht hatte, eine Stunde lang in ‚Krieg und Frieden’ gelesen. Ich bin bei den russisch-österreichischen Vorbereitungen zur Schlacht von Austerliz mit von der Partie. Ich weiß natürlich, dass der Zar und der Kaiser gegen Napoléon verlieren werden, und auch Tolstoi blickte bereits aus einer Distanz von zwei Generationen auf die Schlacht zurück, denn er lässt die hohen, sich des Sieges gewissen russischen Offiziere bei der Bekanntgabe des Schlachtplans am Vorabend missmutig ins Leere starren oder gar einschlafen. Vor fast genau 210 Jahren fand diese Schlacht statt. Österreich war damals noch Zentrum des seit Jahrhunderten in der einen oder anderen Form bestehenden Heiligen Römischen Reichs; Frankreich hatte die Monarchie überworfen und die Republik ausgerufen; in Russland lag die Oktober-Revolution, die in ein paar Wochen ihr hundertjähriges Jubiläum feiern wird, noch mehr als hundert Jahre in der Zukunft. (Hier in Madrid bereiten sich die Kommunisten auf die Jubiläumsfestivitäten vor – siehe das Bild). Und heute, 210 Jahre später? Österreich und Frankreich ringen um ihre Zukunft als Nationen, Frankreich mit einem jungen Modernen an der Spitze, der sich als Erneuerer der wachstumsorientierten, humanistischen und rationalen Klasse sieht, welche nach dem zweiten Weltkrieg auf das Ende der Geschichte hinarbeitete und die Paradies-ähnlichen Zustände geschaffen hatte, welche in Europa seit mehr als einem halben Jahrhundert herrschen; in Österreich ist eine merkwürdige Regierung am Entstehen: eine Mischung aus pro-Europäischer Kontinuität und pro-Österreichischer Erneuerung. In Russland herrscht wieder ein Zar wie schon damals bei Austerliz. Eine erneute Schlacht zwischen dem europäischen Osten und Westen ist noch nicht abzusehen, aber die Spannungen von damals sind über die Jahrhunderte hinweg dieselben geblieben. Alles bleibt im Fluss, auch wenn wir kurzlebigen Gestalten das oft nicht erkennen.

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