Madrid, 22. Oktober 2017

Im Park eine Geburtstagsfeier – die des Parks selbst, vor zwanzig Jahren vom Königspaar eingeweiht. Eigentlich ein idealer Tag um an der kühlen Luft gewärmt vom Sonnenschein sich daselbst auf eine Bank zu setzen, aber Kinder setzten sich nicht auf Bänke, weshalb wir an einer Veranstaltung mitmachten. Aus Anlass des Geburtstags galt es Tierlosungen zu erkennen, Interessantes über Bienen zu erfahren (100’000 Blumenbesuche sind für ein Honigbrot notwendig) etc. Am Schluss erhielt Paul für die zwei Stunden ‘forschen’ und erfahren ein schönes T-Shirt mit einer Libelle drauf. Dann Mexikanisch gegessen, noch zu Ikea gefahren …

Vor alldem hatte ich noch zehn Minuten Zeit, die Zeitung zu lesen. Für einmal ‘El País’ (anstatt wie üblich ‘El Mundo’). Ich überblätterte die dem katalanischen Theater gewidmeten Seiten und blieb bei einem Interview mit dem französischen Philosophen François Jullien hängen.

Jullien über den Rückfall in die Identitätspolitik welche sich gegen die globalistische Gleichschaltung zu wehren beginnt (wohl auch als Reaktion auf die Verwandlung des Westlichen ins Multikulturelle): Statt kultureller Identität schlägt Jullien Fokus auf kulturelle Ressourcen vor, also an der Stelle von Abgrenzung (hier liegen die Grenzen des Unseren), Kumulation (wir tragen dies und jenes zum Ganzen bei). Die Sprache als Dach über dem Ganzen, womit er wohl ausdrücken will, dass die Sprache als Bindemittel im Multikulturellen dienen soll, d.h. z.B. die Deutsche Sprache als das einzig zugelassene Identitäre der Deutschen. Dabei geht Jullien sogar so weit: Hätten die Kinder (aus den Banlieus) rechtes Französisch gelernt, die französischen Autoren gelesen und das französische Denken studiert, wären aus ihnen keine Terroristen geworden.

Die Sprache als Heilmittel also? Jullien scheint das so zu sehen. Die Sprache als Trägerin der Kultur (vielleicht sogar der Tradition und der Institutionen). In der Sprache liegt, was die Kultur über die Jahrhunderte erreicht und geschaffen hat. Das Gute daran ist, dass sich jeder Einklinken kann und das ethnische Element ganz ausgeschaltet wird. Auch ‘wie lange man im Lande ist’ spielt keine Rolle: Sowohl Blut als Boden wird der Boden unter den Füßen weggezogen. Damit hat er Recht. Trotzdem: Ist das nicht Identitätspolitik für Intellektuelle? Ich kann mir nicht vorstellen, dass der kulturelle Marxismus dies zulässt.

Anderes:

Jullien zu Katalonien: Was bleibt im Spanischen Staat ‘unterdrückt’ (unausgesprochen, unverarbeitet)? Politische Psychoanalyse also: Was plagt Spanien aus dem Unbewussten? Ich glaube, hier versteht er die Lage nicht ganz. Die Psychose Kataloniens hat finanzielle Gründe (die Reichen haben wenig Interesse an der Angehörigkeit zu einem Bund von Ärmeren – siehe die Schweiz, Norwegen und die EU); vor allem aber haben wir es mit postmoderner Sinnesleere zu tun, welche ein paar Agiatoren (vorläufig) zu füllen vermögen. Trotzdem ein interessanter Gedanke: Tatsächlich mag das das unbewusste katalonische Volksbewussstsein eine Rolle spielen, welches durch die Ereignisse an die Oberfläche gespült wird.

Juillen, der Sinologe, zu China: Wir interpretieren den chinesischen Kolonialismus römisch und europäisch kolonialistisch: veni, vidi, vici; ein Blutbad, und danach Schulen und Straßen bauen, etc. Das sei Schach, China aber spiele Go: ein Stein hier, ein anderer dort – ein Flughafen in Toulouse, der Hafen von Athen. Was aber wird China kulturell exportieren? Eine offene Frage.

 

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