Madrid, 21. Oktober 2017

Paul hat nun die sechste Woche an der ‘neuen Schule’ hinter sich. Vor anderthalb Monaten stand sein Dasein plötzlich auf dem Kopf. Sein halbes Leben hatte er an der Gingko Biloba verbracht, mit dem großen Spielsaal, dem Matratzensaal, dem Montessorizimmer; mit der endlosen Spielwiese, den Hühner und dem Hasen; mit Miriam, Patri und Yesi, und natürlich mit seinen Freunden, vor allem mit Leo und dem kleinen Hugo. Dann war plötzlich alles weg. Sommer: Gossau, Crans Montana, Berlin und zurück nach Madrid an die neue Schule. Dort fand er sich in der Umgebung einer Gruppe von Fünfjährigen wieder, welche sich bereits seit zwei Jahren kannten und den kleinen (obwohl ebenso großen oder sogar größeren) Vierjährigen, der alles ruhig und mit weit offenen Augen beobachtete, ignorierten. Außerdem war der Saal kleiner, der Tag strukturierter und richtige Spielzeuge gab’s auch keine, „nur Holz“ wie Paul nach dem zweiten oder dritten Tag auf der Nachhausefahrt bedauerte. Die erste Woche war nicht einfach, obwohl er immer tapfer um halb sieben aufstand, ins Auto stieg und nach einer längeren Fahrt mit mir vom Parkplatz beim Wald über die Fußgängerbrücke zum Kindergarten spazierte. Nach drei Tagen aber hatte sich in ihm soviel Spannung aufgestaut, dass er nach dem Mittagessen wegen einer Kleinigkeit losweinte. Aber er tauchte durch. Noch in der ersten Woche, begann er seine neue Umgebung mit immer mehr Selbstvertrauen für sich zu erobern. Unterdessen hat er natürlich Freunde gefunden – zur Zeit vor allem Gael, der nicht geht sondern tanzt (was nicht weiter erstaunt, denn seine Mutter ist Tänzerin und Schauspielerin und sein Vater Afrokubaner). Paul freut sich jeden Tag auf den Chindsgi. Er beschwert sich nie. Er versucht alles so gut wie möglich zu machen. Ich bin stolz auf ihn. Auch mit dem Chindsgi selbst bin ich sehr zufrieden. Den Kinder wird viel Freiraum zum kreativen Schaffen und Spielen gegeben, aber innerhalb eines strukturierten, immer gleichen Tagesablaufs, wobei auch viel Wert auf das rechte Tun gelegt wird – genau nach meinem Gutdünken. Angenehm sind auch die anderen Eltern – kein Lärm und kein hektisches Getue wir vor anderen Schulen. Ich unterhalte mich am Morgen meistens kurz (nur kurz, da ich zu tun habe) mit Julio, Luis, Pablo und oft noch jemand anderem, der sich dazu gesellt, und nie muss ich mich verstellen. Die drei stehen jeden Morgen vor dem Eingang der Schule und kommentieren alles. Wie die Señoras im Quartier, die den ganzen Tag draußen auf der Bank sitzen und tratschen, wissen sie über alles Bescheid.

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