Madrid, 18. Oktober 2017

Am frühen Morgen öffne ich das Schiebefenster der Küche einen Spalt breit. Im Innenhof plätschert es. Nach einem sich weit in den Herbst hinein ziehenden Sommer hat endlich der Regen seinen Weg ins Zentrum der iberischen Halbinsel gefunden. Auf dem Gang zur Garage werden die Schuhe nass; die Fahrt zur Schule dauert länger als normal – aber das nimmt man gerne in Kauf, im Wissen darum, dass die graue Luftglocke über Madrid (la boina wie sie genannt wird, weil sie von den Bergen aus gesehen tatsächliche wie eine boina, eine Baskenmütze, aussieht) durchgespült wird. Nach dem Regen, werden die vier Wolkenkratzer von überall aus wieder klar sichtbar über Madrid stehen.

Gestern Abend ging ich von der Metrostation aus durch Batán nach Lucero, wo meine BJJ Akademie steht. Im Gegensatz zu den Vororten und den bürgerlichen Quartieren fehlt hier das Grüne; vereinzelte Bäume stehen verloren herum; die Straßen sind staubig und die winzigen Grünflächen sind nicht grün – das Gras ist gelb und der Regen war noch ein paar Stunden entfernt, weshalb alles unter dem Staub vieler Sommermonate bedeckt lag. Lucero ist ein armes Quartier. Während in Batán bei der Metro noch die typischen spanischen Blöcke, in welchen man im Bauboom der Franco-Jahre die in die Städte drängende Landbevölkerung verfrachtete, das Bild dominieren, stehen auf der anderen Seite der Hauptstraße, in Lucero, niedrige und alte Häuser. Man sieht in die Erdgeschoss- und Kellerwohnungen hinein. Meistens fällt der Blick in kleinen Küchen; es wird gekocht weshalb die Fenster offen stehen. Die Familien drängen sich in diese Küchen hinein, die oft auch Wohnzimmer sind. Die Kinder sitzen auf einem Sofa vor dem Fernseher und essen. Die Mutter oder die Großmutter steht gleich dahinter am Herd und kocht. In einigen Wohnungen kochen auch Männer; man ahnt, dass dort keine Familien wohnen, sondern dass es sich um Männerwohngemeinschaften handelt; Männer jeden Alters, Südamerikaner und Spanier, Taglöhner und Angestellte ohne Arbeitsvertrag. Auch auf dem Heimweg spät Abends trollen sich die Kinder noch auf den Spielplätzen, während die Mütter auf den Bänken dicht beieinander sitzen und rauchen. Untermalt wird das Straßenbild vom spanischem oder südamerikanischem Hip Hop aus den Mobiltelefonen der Jugendlichen und dem Lärm und Gerede der Filme und Fernseheprogramme, die man sich in den Wohnungen anschaut. Ein lokaler Möchtegern-Gangster fährt in einem weißen KIA SUV die Straßen ab – drei Mal begegne ich ihm auf dem Weg zur Metro. Seine Absichten bleiben unklar. Nur wenige hundert Meter entfernt beginnt die Casa de Campo, einer der größten Parks Europas, aber hier, in den Straßen von Lucero, spürt man wenig von den 18 Quadratkilometern Pinienwald auf der anderen Seite der Geleise.

One thought on “Madrid, 18. Oktober 2017

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out /  Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out /  Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out /  Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out /  Change )

Connecting to %s