Madrid, 16. Oktober 2017

Ich muss lernen, Tagebuch zu schreiben. Noch mangelt es mir an der nötigen inneren Freiheit, an der erforderlichen Furchtlosigkeit. Ich glaube, dass das Tagebuchschreiben, mein Journal und daraus hervorgehend auch mein Blog, der Kern meiner literarischen Ambitionen ist. Natürlich ist das Tagebuch flüchtig wie der Nebel; der Fels auf dem alles steht sind die Romane, obwohl mir dieses Geschichtenschreiben schwer fällt. Wenn es mir nicht schwer fallen würde, könnte ich ebenso gut darauf verzichten. Aber das Geschichtenschreiben ist die Mühe wert – es ist eine Gipfelerklimmung, oder noch treffender: eine Pilgerschaft. Beim Gipfelerklimmen geht’s nämlich immer nach oben, man hat das Ziel vor Augen und erahnt bereits das Glück, dass man am Ziele empfinden wird: Die schöne Aussicht, der Wurst-Käse-Salat und das Bier (falls man sich klugerweise einen Gipfel mit Bergrestaurant ausgesucht hat). Beim Geschichtenschreiben ist das aber keineswegs so. Selten ist es eine adrenalingetriebene Tätigkeit, eigentlich nie Meditation und Entspannung wie zum Beispiel das vor kurzem entdeckte Malen; es gleicht eher einer mühsamen Pilgerreise durch eine eintönige Landschaft. Eine Landschaft wie die spanische Meseta zwischen Burgos und León, durch welche ich vor ein paar Monaten gegangen bin, aber mit unsicherem Ziel. Bei der Pilgerreise des Geschichtenschreibens ist jeder Schritt anstrengend (vor allem beim Verfassen des ersten Entwurfs), das Ziel weit entfernt; es ist nicht die Freude am Gehen und nicht die Sicherheit des wartenden Ziels, sondern die Freude an der Beständigkeit, welche beim Geschichtenschreiben seine Wirkung tut.

Aber zurück zum Tagebuchschreiben. Ich glaube, dass das Tagebuchschreiben tatsächlich die Seele meiner Tätigkeit ist (nicht der Körper). Tagebuchschreiben kann so vieles sein und mein Tagebuch soll vieles sein. Nicht nur Introspektive, nicht nur Beschreibung der Umgebung und des Tages, nicht nur philosophische Spekulation. Nicht nur dies, sondern dies alles und noch viel mehr. Tagebuchschreiben, das ist freies assoziieren. Tagebuchschreiben, das sind die Sprünge von der Beobachtung zum Nachdenken, vom Konkreten zum Abstrakten.

Heute stand ich mit den üblichen Verdächtigen, also mit den paar Vätern, die nach dem Abladen der Kinder an der Schule nichts zu tun zu haben scheinen, am Tor vor dem Schulgelände, während sie einander mit Welt- und Lebenskenntnis übergossen. Da sprach der eine von den vier Gehirnen im Menschen: dem Bauch, den Körperbakterien, den Kopfbakterien und eben dem Gehirn. Er stellte hanebüchene Behauptungen über die Unwichtigkeit des Gehirns auf; überhaupt weiß dieser Mann um so manche Sache Bescheid und ist ohne Unterlass am predigen. Trotzdem mag ich ihn sehr. Er hat mir für Morgen einen Sack mit Granadas (Granatäpfeln) versprochen, die er am Wochenende im Dorf geerntet hatte. Ein anderer Vater ließ wissen, dass Bescheidenheit die wichtigste Tugend sein und belehrte uns gleich darauf ganz unbescheiden mit seinem Wissen: Er sprach von Alejandro Joderowsky und von den mauereinreissenden Kräften des Witzes. Mauern im Gehirn versteht sich, die er mit Handkantenschlägen auf seinen Kopf verbildlichte. Dazu gab er gleich auch einen lauwarmen Witz zum besten und erwähnte nebenbei noch einen bedeutenden Fotowettbewerb, an welchem er diesen oder jenen Preis gewonnen habe. Ich mag die vier, fünf Herren, die immer Zeit zu haben scheinen, muss mich aber oft an ihnen vorbei schleichen, sonst komme ich weder zum laufen noch zum arbeiten, da sie einem schwarzen Loch gleich vorbeigehende Väter (manchmal auch Mütter) in ihre Mitte saugen, um sie mit Wissen und Witz zu übergießen.

Ich selbst kann nur selten etwas Bedeutendes zur Diskussion beitragen, da ich alles was sie erzählen schon irgendwo gelesen habe, aber auch zwei Dutzend andere, inhaltlich verwandte Ideen im Kopf habe und so im neuralen Netzwerk der Reflektion umherirre, ohne Halt zu finden. Genau dazu dient aber auch dieses Tagebuch, um Gesehenes, Gelesenes, Gedachtes, Geahntes zu verknüpfen und in die Tiefen des reflektierten Lebens abzutauchen, im Wissen darum, wie ein Tiefseefisch nie an die Oberfläche zu kommen, nie den Horizont zu sehen und nie über dem weiten, blauen Meer einem Seeadler gleich seine Kreise zu ziehen.

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