Platons Thymos in Barcelona

Gestern bin ich zufällig auf Platons Seelenmodell gestoßen, welches erstaunlicherweise zum Verständnis der gegenwärtigen Situation in Katalonien beiträgt.

Ich notierte gestern, dass dem Unabhängigkeitsstreben der halben katalanischen Bevölkerung die innere Logik fehle. Es sind weder soziale noch wirtschaftliche Unterdrückungs- oder andere Missverhältnisse auszumachen, welche zur Erklärung das inneren Feuer der Indepes herangezogen werden könnten. Ich beschrieb den aus dem Ruder gelaufenen Unabhängigkeitswillen deshalb als psychologisches Problem vieler Katalanen. Mein Ansicht nach (und auch darüber habe ich bereits geschrieben) hängt dieses ‚Psychose’ (man könnte auch weniger negative Begriff benutzen, aber die Auswirkungen des Bezeichneten sind gegenwärtig tatsächlich psychotisch) mit der Dekonstruktion des Metaphysischen in der westlichen Gesellschaft zusammen, und somit mit der Morgendämmerung des Relativismus und der damit unmöglichen gewordenen Sinnsuche als öffentliche Angelegenheit. Die Sinnsuche wurde ganz ins Private verbannt und hat sich somit in tausend Miniprojekte zurückgezogen, vom Veganer zum social justice warrior; vom Hooligan zum Islamisten etc. Die katalanische Unabhängigkeitsbewegung hat diese Sinnsuche wieder ans Licht der Öffentlichkeit gezogen, auf den Marktplatz sozusagen (auf die spanische Plaza Mayor) wo sich alle zusammen begeistert auf ein gemeinsames Sinnprojekt stürzen.

Platon hat, wurde mir gestern Abend bewusst, in seinem Seelenmodell dieses psychologische Element bereits in Betracht gezogen. Im Staat beschreibt er die Seele als dreigeteilt: Eros, Logos und Thymos. Heute dominieren im Westen Eros und Logos. Mit Eros meint Platon nicht nur den Eros wie er heute allgemein verstanden wird, sondern ganz allgemein das Triebgesteuerte. Auch im Homo Ökonomikus der Wirtschaftswissenschaftler dominiert dieser Seelenteil: Der von Besitztrieb und Vermögensvermehrung gesteuerte Mensch. Der Konsument, der Sparer, der Investor.

Der dritte platonische Seelenteil, der Thymos, wird heute im Westen kaum mehr verstanden. Er ist für Gemütswallungen verantwortlich; er gibt sich durch Zorn und Protest, aber auch durch Mut und Leidenschaft zu erkennen. Wenn ein Islamist Beruf und Familie aufgibt, um nach Syrien zu ziehen, wird seine Seele ganz vom Thymos in Besitz genommen, wobei sowohl Logos als auch Eros (also des Neu-Islamisten (nicht mehr existierende) Liebe zu seinen irdischen Besitztümern und zur zurückgelassenen Familie) gänzlich verkümmern. Wie gesagt, liegt dieser Thymos in der westlichen Welt unter dem Verstand und dem ökonomisch optimalen Verhalten begraben. Wenn er doch noch aufwallt, dann im Privaten oder Halbprivaten. Zum Beispiel bei Ausschreitungen von Hooligans oder des Schwarzen Blockes – um zwei Phänomene aus der untersten Schublade zur Veranschaulichung heranzuziehen – verantwortet von Individuen welche am Morgen nach dem Kriegsspiel psychologisch gestärkt wieder zu Logos und Eros zurückkehren.

Es scheint mir, dass in Katalonien der Thymos als öffentliches Projekt wieder Überhand nimmt. Das Objekt der Aufmerksamkeit, der Nationalismus, ist dabei ein typisches thymotisches Betätigungsgebiet (ebenso wie auch der religiöse Fanatismus.) Bereits sind auch im restlichen Spanien thymotische Gegenbewegungen zu beobachten (der Spanier ist allgemein thymotischer veranlangt als seine protestantischen, politisch-korrekten Mittel- und Nordeuropäischen Nachbarn): In vielen Gärten wehen und aus vielen Fenstern hängen spanische Flaggen; spontane pro-spanische Demonstrationen bilden sich in Madrid und der Provinz; von einem beginnenden Boykot katalanischer Produkte und Firmen ist zu lesen.

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