Es sprach der König

Der Staate Spanien befindet sich in seiner schwierigsten Situation seit dem 23. Februar 1981, als 200 bewaffnet Guardia-Civil-Offiziere den Kongress stürmten, mit dem Ziele die Regierung zu stürzen. König Juan Carlos stellte sich damals auf die Seite der Verfassung und der Regierung und verdiente damit den Respekt der Spanier, der jahrzehntelang anhielt und sogar seine Eskapaden als alter Mann (z.B. heimliches Elefantenjagen in Afrika) einigermaßen unbeschadet überdauerte.

Nun ist Juan Carlos Sohn Felipe König von Spanien, und Felipe wandte sich gestern Abend um neun Uhr an das spanische Volk. Das sieht so: Die Tagesschausprecherin kündet den Diskurs seiner Majestät des Königs an. Dann erscheint das Wappen des Königshauses auf dem Bildschirm untermalt von der Kurzversion der Nationalhymne. Nach dem Abklingen des ‚Königlichen Marsches’ erscheint König Felipe mit ernster Miene in tausenden von Stuben. Aufrecht sitzt er in seinem Arbeitszimmer im Palast. Hinter ihm das Bild eines Vorfahren, eine Borbonen aus vergangenen Zeiten. Normalerweise spielt der König die Rolle des Königs; er besucht Autofabriken und Kulturanlässe, schüttelt Hände und hat für alle ein gutes Wort parat. Gestern aber sahen wir Felipe zum ersten Mal in der Rolle des Staatschefs. In den Fußstapfen seines Vaters hatte er auf eine Rebellion im Staate zu reagieren. Dieses Mal handelte es sich aber nicht um den Putschversuch eines Haufens alter francistas (Franco-Anhängern), sondern um einen Auflehnung der katalanischen Institutionen, unterstützt von einem Teil der Katalanen, welche sich in der Rolle von Freiheitskämpfern gefallen. (Gestern war in der katalanischen Zeitung La Vanguardia das Bild einer katalanischen Flagge zu sehen, auf denen die Worte ‚I Have a Dream’, jener berühmten Deklaration Martin Luther Kings, prangte. Mancher Katalane ist in den wohltuenden Strudel der Revolution geraten und sieht sich selbst plötzlich als Gandhi, Mandela oder eben King. Dass, um sich in dieser Rolle nicht lächerlich zu machen, vorher die Kondition des Unterdrücktseins gegeben sein müsste, geht im von Sinn und Bedeutung und gar Historizität sprühenden Revolutionsfeuer unter.)

Mancher hatte vom königlichen Diskurs Worte der Versöhnung erwartet, die Aufforderung zu kühlen Köpfen und Dialog. Doch der König überraschte mit einem vehementen Direktangriff auf die katalanische Revolte. Mit geballter Faust verurteilte er den Aufstand und forderte den Zentralstaat auf, die Einheit Spaniens mit der Macht des Gesetzes zurückzuerobern und zu sichern.

Wir leben in einer Zeit des Individualismus. Nicht nur der objektiven persönlichen Freiheit und Gerechtigkeit, sondern auch den Gefühlen des Einzelnen seine Freiheit und Gerechtigkeit betreffend, wird Vorrang über alles zugestanden. Dieses Einfühlungsvermögen in die Psychologie des Individuums wird auf Gruppen und ‚Völker’ ausgedehnt. Wenn ein Volk sich nicht frei fühlt, muss es angehört werden; die ‚Freiheit’ ist ihm zu gewähren. Europa verfügt in dieser Sache über viel brachliegendes Potential. Gibt es nicht allerorten Regionen, die reicher sind als ihre Nachbarn im Staate, und welche sich deshalb lieber als freies Volk in der Europäischen Familie denn als Volk im historisch gewachsenen Staate sehen würden? Die Flamen, die Lombarden, vielleicht sogar einmal die Bayern … Lauert hinter dem Horizont wieder der Zerfall Europas in völkische Kleinstaaten, voller guter Nationalisten – im Gegensatz zu den bösen Nationalisten in Ungarn, in Polen, in der AfD, dem FN und der UKIP. (Es verwirrt, aber erstaunt nicht, dass die bösen Nationalisten den guten Nationalisten ihre Unterstützung zusichern und dies obwohl im katalanischen Nationalismus die marxistischen Elemente am heißesten brennen und im Falle einer tatsächlichen Unabhängigkeit für viel Unruhe sorgen würden.)

Es gibt gute Gründe für Revolutionen, dass heißt für Aufstände gegen das legalisierte Unrecht. In Katalonien fehlen diese Gründe. Weder Unterdrückung noch Ungerechtigkeit sind auszumachen, weshalb der König gut daran getan hatte, das Gesetz einzufordern.

Das soll aber nicht heißen, dass alle Türen welche hinaus in die Unabhängigkeit führen, verriegelt bleiben sollen und Katalonien für immer ins spanische Haus gesperrt werden muss. Nach der Wiederherstellung der Ordnung in Katalonien sollte deshalb folgendes geschehen: Neuwahlen sowohl in Barcelona als auch in Madrid. Dann Verhandlungen über eine Verfassungsänderung und anschließend ein paktiertes Referendum (dem schottischen gleich) in Katalonien. Trotz der Polizeigewalt am Sonntag und der anschließenden (und andauernden) Hysterie, glaube ich, dass Spanien ein solches Referendum ‘gewinnen’ würde. Und falls nicht müsste man sich von Katalonien im guten Geiste verabschieden, könnte sich auf hochemotionale Länderspiele freuen, und sich für die Auseinandersetzung mit neu erstarkten Unabhängigkeitsbewegungen im Baskenland und anderswo in Europa rüsten.

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s