Madrid, 30. Oktober 2017

Am Sonntagmorgen wartete ich vor dem Kiosk, bis es um acht Uhr öffnete, kaufte ‚El Mundo’ und nahm dann die Metro nach Batán. Die erste ‚Bar’, die ich dort fand, war noch geschlossen; hinter den Scheiben der zweiten jedoch regte sich Leben. Ich trat ein und wurde sogleich umhüllt vom Geschwätz der Gäste, welches sich mit dem regelmäßigen Ausklopfen des Kaffeesatzes, dem Rattern der Kaffeemaschine und natürlich dem überlauten Fernseher vermischte. Unter den Gästen befanden sich Fußballzeitungen lesend Renter aus dem Quartier, heimkehrende Nachtschwärmer und Taxifahrer. Ich setzte mich mit meinem Cortado auf der wegen der Morgenkühle menschenleeren Terrasse an die Sonne und las die Zeitung. Es war ruhig, die Straßen leer, der Himmel blau. Ein typischer Sonntagmorgen in Madrid.

Nachdem ich die Tasse zurück zur Theke gebracht und den Kaffee bezahlt hatte, ging ich hoch nach Lucero. Das alte Quartier auf dem Hügel, dass mir vor einigen Tagen noch ärmlich und deprimierend vorgekommen war, erschien mir nun sauber und sogar beschaulich. Ein alter Wirt goss die Blumen an den Fenstern seines Lokals, ansonsten regte sich nichts. Ich setzte mich an einem kleinen runden Platz auf eine Bank unter Bäumen und wartete, bis die Akademie öffnete. Vor mir lag ein kleines, zweistöckiges Haus. Vor einem Fenster hing die Wäsche zum Trocknen. Ich befand mich in einem kleinen, spanischen Dorf, welches vor langer Zeit von der großen Stadt geschluckt worden war.

Madrid, 26. Oktober 2017

Ich verzichte jetzt ganz auf online Medien. Ich mag das Radio; am Morgen höre ich auf der Fahrt von Las Rozas nach Las Matas ein wenig zu, normalerweise RNE 1, wo zur Zeit immer über Katalonien und nicht viel anderes gesprochen wird. In der Bibliothek werfe ich manchmal einen kurzen Blick in die spanischen Tageszeitungen. Meist überfliege ich nur die Schlagzeilen und einen oder zwei Berichte. Das genügt mir. Nur am Wochenende kaufe ich mir eine Zeitung; wenn ich im Zentrum bin vielleicht eine deutsche, schweizerische oder englische, ansonsten El Mundo oder El Pais. Ich habe den Eindruck, dass man sich so zur Genüge informiert. Was auf der Welt geschieht, erfährt man in groben Zügen; vom ewigen Nachrichtenstrom aber, welcher seit der Erfindung von ‚like’ und ‘share’ zum gefährlich Gewässer geworden ist, kappt man sich ab. Mir fehlt nichts. Die Nachrichten haben nämlich dieselbe Evolutionsstufe erreicht, wie die Nahrung: Tausend Jahre lang herrschte Not und Mangel, dann kam ein kurzes, goldenes Zeitalter, bis bald darauf Zucker, Salz und billiges Fett das Zepter übernahmen und aus der Abundanz eine Epidemie wurde. – Die Medien haben sich in die genau gleiche Richtung entwickelt: Nachrichten, früher ein rares Gut, gibt’s unterdessen im Überfluss. Gefragt ist die Informationsdiät.

Madrid, 25. Oktober 2017

100 Jahre Oktoberrevolution

Ich habe am frühen Morgen und nachdem ich Paul in den Kindergarten gebracht hatte, eine Stunde lang in ‚Krieg und Frieden’ gelesen. Ich bin bei den russisch-österreichischen Vorbereitungen zur Schlacht von Austerliz mit von der Partie. Ich weiß natürlich, dass der Zar und der Kaiser gegen Napoléon verlieren werden, und auch Tolstoi blickte bereits aus einer Distanz von zwei Generationen auf die Schlacht zurück, denn er lässt die hohen, sich des Sieges gewissen russischen Offiziere bei der Bekanntgabe des Schlachtplans am Vorabend missmutig ins Leere starren oder gar einschlafen. Vor fast genau 210 Jahren fand diese Schlacht statt. Österreich war damals noch Zentrum des seit Jahrhunderten in der einen oder anderen Form bestehenden Heiligen Römischen Reichs; Frankreich hatte die Monarchie überworfen und die Republik ausgerufen; in Russland lag die Oktober-Revolution, die in ein paar Wochen ihr hundertjähriges Jubiläum feiern wird, noch mehr als hundert Jahre in der Zukunft. (Hier in Madrid bereiten sich die Kommunisten auf die Jubiläumsfestivitäten vor – siehe das Bild). Und heute, 210 Jahre später? Österreich und Frankreich ringen um ihre Zukunft als Nationen, Frankreich mit einem jungen Modernen an der Spitze, der sich als Erneuerer der wachstumsorientierten, humanistischen und rationalen Klasse sieht, welche nach dem zweiten Weltkrieg auf das Ende der Geschichte hinarbeitete und die Paradies-ähnlichen Zustände geschaffen hatte, welche in Europa seit mehr als einem halben Jahrhundert herrschen; in Österreich ist eine merkwürdige Regierung am Entstehen: eine Mischung aus pro-Europäischer Kontinuität und pro-Österreichischer Erneuerung. In Russland herrscht wieder ein Zar wie schon damals bei Austerliz. Eine erneute Schlacht zwischen dem europäischen Osten und Westen ist noch nicht abzusehen, aber die Spannungen von damals sind über die Jahrhunderte hinweg dieselben geblieben. Alles bleibt im Fluss, auch wenn wir kurzlebigen Gestalten das oft nicht erkennen.

Madrid, 24. Oktober 2017

Gedanken zum objektiven versus dem subjektiven Weltbild. Das objektive Weltbild stellt sich das Universum als Raum vor, in dem wir uns als winziges Objekt unter anderen Objekten aufhalten, den Gesetzen der Physik und vielen anderen ausgesetzt. Das Universum existiert unabhängig von uns, hat vor uns existiert und wird nach uns weiter existieren. Es ist das newtonsche-wissenschaftliche Weltbild. Im subjektiven Weltbild hingegen sind wir selbst (oder besser gesagt unser Bewusstsein) das Zentrum des Universums. Wir selbst schaffen die Welt durch unsere Wahrnehmung. Alles was in der (oder zumindest in unserer) Welt geschieht, ist eine direkte Manifestation des Inneren. Es ist ebenfalls ein wissenschaftliches Weltbild, aber nicht mehr das newtonsche, sondern dasjenige der Quantenphysik. Man könnte die beiden Weltbilder auch westlich versus östlich nennen; abrahmistisch versus schamanistisch oder was einem sonst noch so einfällt. Diese beiden Weltbilder scheinen sich gegenseitig auszuschließen, aber eben nur scheinbar, denn ich glaube, dass sowohl ich selbst als auch die Welt (also das Innere und das Äußere) Gewicht haben, Gewicht, Realität zu schaffen, und dass beide Pole miteinander im Wettstreit liegen. Die beiden sich eigentlich ausschließenden Wahrheiten sind gleichzeitig wahr. Deshalb ist es wichtig, der Welt ins Antlitz oder in die Fratze zu schauen, sich davon aber nicht einnehmen zu lassen, denn damit hätte die Welt im Ringen zwischen Seele und Kosmos die Überhand gewonnen. Auch Weltabgewandtheit ist aber nicht zu empfehlen, den ohne den Kosmos ist die Seele verloren. Heute Morgen ist mir dazu eine Regel eingefallen, die mir wichtig erscheint: Denke subjektiv, handle objektiv.

Madrid, 23. Oktober 2017

Wieder habe ich ein neues Tagebuch entdeckt. Noch halte ich es nicht in der Hand, habe aber eine Leseprobe bei Rowohlt heruntergeladen und es sieht ganz interessant aus: Die Tagebücher von Martin Walser. Bisher habe ich viel Paul Nizon und Ernst Jünger gelesen, zwei große Tagebuchführer (obwohl ‘Tagebuch’ eigentlich nur für Jünger ein treffender Ausdruck ist, nicht für den stream-of-consciousness Schreiber Nizon). Ich besitze seit langem auch die Tagebücher von Max Frisch, habe diese aber noch nicht gelesen. Überhaupt zieht Frisch mich (im Gegensatz zu Dürrenmatt) nie an. Wenn Beatles oder Stones (ganz klar Beatles) und Star Wars oder Star Trek (natürlich Star Trek) globale Fragen sind, so ist Frisch oder Dürrenmatt vielleicht ein helvetische (wie gesagt: Dürrenmatt). Vielleicht lese ich auch Walsers Tagebücher einmal. Im Gegensatz zu Frisch, der seine Tagebücher wie ein literarisches Projekt angelegt hat (durchgeblättert habe ich sie natürlich), sehen diejenigen von Walser eher wie eine literarische Vorstufe aus (aus den Tagebüchern entstehen die Bücher). Nizon ist der große Warmschreiber. Jünger der metaphysische Weltversteher.

Mein Tagbuch (Blog) beginnt langsam Form anzunehmen, oder zumindest meine Absichten mit dem Blog, den dieser selbst hat eigentlich noch keine Form, ist eben genau das: eine Formsuche, ein Experiment also. Die Frage ist, was in den Blog gehört und was nicht. Was ist uninteressant? Was ist allzu privat? Was zu riskant? Das entscheide ich jeden Tag neu und genau deshalb ist der Blog eine Formsuche. Zur Zeit ist der Modus Operandi der folgende: Ich schreibe in die Notizbücher, in meine Offline-Tagebuch-oder direkt in den Blog. Falls ich nicht in direkt in den Blog schreibe, übertrage ich, was ich veröffentlichen will, später in den Blog. Was ich für den Blog verwende wird im Offline-Tagebuch gelöscht. Was aus dem Notizbuch nicht in den Blog übertragen wird, kommt, falls ich es für einigermaßen erinnerungswürdig halte, ins Offline-Tagebuch. Einiges wird also in den Notizbüchern hängen bleiben (nicht lesenswert), der Rest ist entweder auf dem Blog, oder falls zu privat oder zu riskant oder zu selbstbezogen etc. im Offline-Tagebuch, welches ich deshalb ‘Private Ergänzungen zum Blog’, oder kurz ‘Ergänzungen’ nenne. – War das jetzt uninteressant? Vermutlich schon, aber nicht für mich.