Madrid, 20. September 2017

Die Temperaturen sind angenehm: Um die zwanzig Grad am Vormittag, dann etwas wärmer nach dem Mittag. Es fehlt der Regen, wie so oft im September (obwohl es, als wir noch in Berlin waren, einmal zwei Tage lang geregnet haben soll).

Gestern Abend war ich zu müde zum Lesen oder für anderes, weshalb wir uns auf Amazon Prime eine dümmliche amerikanische Komödie angeschaut haben; solche, stellte sich heraus, sind ideal für Abende an denen man sonst nichts mehr tun mag. Ein Lacher pro Minute genügte; über alles andere sahen wir großzügig hinweg. Man könnte meinen, damit verschwende man einen Abend, aber wenn man sich einen guten Film anschauen würde, wäre es eher so, dass man einen Film verschwenden würde. Ich habe bisher über das Filmegucken zum “abschalten” die Nase gerümpft – gestern Abend aber ging es mir genauso.

Heute dann fuhr ich zum Mittagessen mit der Metro bis Cuzco, wo ich mich mit Abel traf. Wir spazierten von der Castellana zur Bravo Murillo, überquerten also einer jener unbewachten aber gut sichtbaren Grenzen, welche in jeder westlichen Großstadt zwischen guten und schlechten Quartieren verlaufen. Natürlich befinden wir uns hier in Madrid, nicht den USA – das heißt, die Grenze ist subtil und zunächst nur für den aufmerksamen Spaziergänger sichtbar. Auf der Schattenseite der Grenze aßen wir bei einem Chinesen. Das Menü war billig und gut, aber ein anderer Gast war mit dem Service nicht zufrieden und schrie den chinesischen Wirt an: „Scheiß-Chinesen, ihr kommt nur nach Spanien um zu stehlen!“ Das Merkwürdige dabei war, dass der verärgerte, vom Personal vor die Tür gejagt Gast selbst in einem ausländischen Akzent sprach (oder besser gesagt schrie), den die meisten Spanier nicht unbedingt mit einem guten (sprich gesetzestreuen und steuerzahlendem) Bürger in Verbindung bringen würden.

Beim Essen ein Gespräch über Katalonien. Ein typischer Fall, welcher der auch unter Normaldenkern populären marxistischen These, wonach jeder Fall von Revolution, Aufstand oder auch nur Unruhe eine Folge systematischer Unterdrückung sei (– one man’s terrorist is another man’s freedom fighter kind of BS). Im Falle der katalanischen Unabhängigkeitsbewegung handelt es sich aber keineswegs um Unterdrückung, sondern schlichtweg um die Massenpsychose einer gelangweilten Volksmasse. Selbstgerechtes Demonstrieren und Revolutionieren als eine Form von postmodernen Brot und Spielen.

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