Madrid, 4. September 2017

Darüber mag ich schon geschrieben haben, aber es ist ein wichtiger Gedanke und sollte deshalb auch in mehreren Versuchen zu Papier gebracht werden.

Eine Säule des wissenschaftlichen Denkens ist, dass etwas nicht gleichzeitig wahr und unwahr sein kann. Bereits vor Millionen von Jahren zwang die Evolution das entstehende Gehirn dazu, zwischen wahr und unwahr zu unterscheiden und nicht beides gleichzeitig gelten zu lassen. Entweder steht dort vorne ein Säbelzahntiger, dann laufe ich in die andere Richtung, oder es steht dort nichts dergleichen, dann gehe ich weiter meines Weges. Wären unsere Vorfahren zu dieser Entscheidung nicht fähig gewesen, würden heute keine Gehirne existieren, welche solche Gedanken überhaupt anstellen könnten. Die Fähigkeit Zustände klar voneinander unterscheiden zu können ist heute natürlich auch die Basis wissenschaftlichen Denkens. Wissenschaftler entwickeln Thesen, testen sie und bejahen oder verwerfen sie dann. Das Leben wie wir es kennen, und zwar vom Einfachsten bis zum Komplexesten, wäre ohne diese Säule der Erkenntnisgewinnung nicht möglich.

Trotzdem bereit diese Grundlage unseres Menschseins uns aber auch gewisse Schwierigkeiten. So kommt es zwischen Menschen und Menschengruppen immer wieder zu großen und sogar katastrophalen Schwierigkeiten, weil sie die Welt und die Dinge in ihr aus unterschiedlichen Perspektiven betrachten und von dieser so überzeugt sind, dass sie andere Sichtweisen daneben nicht gelten lassen können. Wiederum ist das Spektrum dabei sehr breit; es geht vom Alltäglichen zum Metaphysischen. Auch psychologisch kann man auf schwieriges Gelände geraten: Wie wir wissen, kann man nicht gleichzeitig für und gegen etwas sein – und trotzdem finden wir uns immer wieder in solchen Situation (wobei wir diese aber meistens einfach ignorieren und zum Zwecke der Sicherung der eigenen Position im sozialen Gefüge die allgemein erwartete Meinung gegen außen vertreten und die andere verkümmern lassen, damit sie nicht zur Neurose werde).

Nun ist die Realität in Wahrheit, sprich auf der zur Zeit tiefsten von uns erfahrbaren Ebene, der Quantenebene, aber keineswegs eine Welt des Entweder-Oder. Die Quantenphysik kennt keinen klaren Zustand eins oder null. Ein unbeobachtetes Teilchen enthält das Potential zu eins und zu null und erst die Beobachtung des Teilchens zwingt es in die eine oder andere Position (was aber keineswegs heißt, dass es sich schon vorher dort befand). Es ist also so, dass für uns Menschen der Apfel entweder am Baum hängt oder nicht, dass auf einer höheren Ebene diese Klarheit aber nicht besteht. Als Beobachter haben wir also den entscheidenden Einfluss auf die Position des Apfels.

Dies ist ein tröstlicher Gedanke. Es passiert mir nämlich manchmal, dass ich zwei sich eigentlich ausschließenden Dinge gleichzeitig für wahr halte. Dabei kann es sich um einfache Meinungen zu aktuellen Themen, aber auch um tiefere metaphysischen Fragen handeln. Manchmal hat das wohl einfach damit zu tun, dass ich mich nicht entscheiden kann und die Pro- und Contra-Argumente in meinem Kopf im Gleichgewicht liegen. Doch glaube ich auch, dass es tatsächlich Fragen gibt, welche auf der Oberfläche ein Entweder-Oder erfordern, deren wahre Gestalt aber mehr dem Quantenteilchen gleicht, welches die Potenzialität für beide Zustände enthält.

Praktisch gesehen bedeutet diese Erkenntnis, dass man mit Widersprüchen im eigenen Denken (und Handeln) zu leben lernen sollte. Denn was auf der tiefen, dem Menschenhirn verständlichen Ebene paradox erscheinen mag, kann auf einer höheren Ebene durchaus Sinn machen. Und natürlich schafft diese Flexibilität mit der Wahrheit auch Raum für die ernsthafte Auseinandersetzung mit Mythen und Geschichten. Man muss nicht jeden Denkschritt wissenschaftlich gesichert wissen. Auch tiefere Wahrheiten, deren Ursprung im Nebel der Vergangenheit liegt, dürfen zu Rate gezogen werden.

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