Café Tasso

Gestern Besuch im Café Tasso. Vor acht Jahren hatte ich oft im Tasso gearbeitet. Dort entstanden meine ersten drei zwar fertiggestellten (jedoch längst schubladisierten) Langfilm-Drehbücher: Block 913, Alien Wedding und Storm & Sandman. Es ist somit eine Art Basislager, von wo aus ich zum ersten Mal Aufstiege in unbekannte Höhen unternahm. Gestern nun war ich wieder am Ort des Geschehens und stellte fest, dass er sich kaum verändert hatte.

Das Tasso liegt an der einstmaligen Stalinallee, einer breiten Achsenstraße welche seit dem Mauerfall Karl-Marx-Allee und weiter östlich Frankfurter Allee heißt. Sie beginnt am Alexanderplatz und führt zunächst an Plattenbauten aus den sechziger Jahren vorbei; weiter im Osten weichen die Wohnsilos dann mächtigen, im Stile des Sozialistischen Klassizismus erbauten Blöcken. Es sind hohe Gebäude mit dicken Mauern und klaren Linien. Sie erinnern an Verwaltungsgebäude eines zentral geführten Landes, in dem sich die Staatsmacht in der Architektur niederschlägt. Manch uninformierter Besucher wird die Häuser vielleicht für Nazi-Bauten halten. Aber natürlich glaubten auch die Kommunisten an ein tausendjähriges Reich und bauten entsprechend.

Das Café Tasso liegt in einem kleinen Lokal unter einem dieser monumentalen Blöcke. Vor dem Café verläuft ein großzügiger Bürgersteig an den sich ein breiter Grasstreifen anschließt, welcher die dahinter liegende, sechsspurige Durchgangsstraße weit in den Hintergrund drängt. Es ist viel Raum hier. Der Fußgänger wird nicht zur Seite gedrängt. Die klotzigen Gebäude erdrücken ihn nicht.

Das Tasso ist nicht nur Café sondern auch Antiquariat, weshalb auf dem Bürgersteig vor dem Lokal sowohl Tische und Stühle als auch Bücherkisten stehen. Vor acht Jahren war das Büchersortiment noch sehr durchmischt. Es bestand in weiten Teilen aus längst vergessenen Romanen und vom Laufe der Zeit überholten Sachbüchern. Unterdessen aber sind die Bücherregale bestens ausgestattet. Versteckt im Keller – beinahe ein Geheimtipp! – findet man drei Räume voller Literatur und Sachbücher. Es gibt ganze Regale für Klassiker aus verschiedenen europäischen Kulturen, für Lyrik, Theater und Geschichte.

Das Café selbst unterscheidet sich von den in Berliner Szenevierteln vorherrschenden Lokalvarianten: Es ist eben kein Szenelokal, weder ein falsches noch ein echtes. Weder ein Hipstercafé noch ein auf anti-Kommerz gestyltes Kommerzlokal. Das Tasso schwebt über diesem Einheitsbrei. Es ist einfach nur Café, Antiquariat und abends auch Veranstaltungsraum für Kunst, Gesellschaft und Musik. Ich arbeite nicht mehr in Cafés, aber ich sitze immer noch gerne im Tasso. Würde ich in der Nähe wohnen, wäre es der ideale Ort um am Morgen Kaffee zu trinken und Zeitung zu lesen.

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