Massenpsychose in Cataluña

Der Kapitalismus ebenso wie der Kommunismus gehen von der Annahme aus, dass die Menschen sich rational verhalten. Liberale Ökonomen „berechnen“ zukünftige gesellschaftliche Konstellationen, indem sie jedes Individuum als freien Agenten betrachten, stets nach dem rational auflistbaren eigenen Vorteil strebend; Marxisten betrachten alles was in der Gesellschaft geschieht als Folge der Macht- und Unterdrückungsverhältnisse. Marx selbst glaubte der erste zu sein, welcher Geschichte und Gesellschaft „wissenschaftlich“ analysierte. Auch Ökonomen sehen sich als “Wissenschaftler”.

Natürlich irrt man sich auf beiden Seiten des Grabens. Jeder Menschen und jede Menschenmasse verhält sich in einigen Bereichen rational und in vielen anderen irrational. Gefragt ist die richtige Mischung zwischen Rationalem und Irrationalem; sie entscheidet die Überlebensfähigkeit des Organismus. Es ist nämlich nicht so, dass 100% Rationalismus den gewünschten Erfolg garantierte; im Gegenteil: das irrationale Element ist Überlebensnotwendig, darf sich aber nicht im Stile einer invasiven Spezie vermehren.

Das heute Katalonien ist ein Beispiel für ein „Volk“ im Griff einer aus dem Ruder geratenen irrationalen Massenpsychose. Demonstrieren als massenpsychologisches Phänomen. Es ist im Falle Kataloniens vor allem dadurch zu erklären, dass der Postmodernisums in den letzten Jahrzehnten sämtlichen Sinn aus der Welt „dekonstruiert“ hat, so dass für den Einzelnen ebenso wie für die Massen die Sinnsuche zur beinahe krankhaften Obsession geworden ist. Weil viele ehemalige Sinne unterdessen verboten sind (dass heißt öffentlich als „irrational“ an den Pranger gestellt werden) und weil die individuelle Sinnsuche ein gefährliches Abenteuer ist – man geht alleine durch den dunklen Wald – schließt man sich einer Massensinnsuche an. Und die Massen in Katalonien haben beschlossen, dass der Sinn ihrer Zeit im Erstreben der Unabhängigkeit ihres Flecken Landes von einem anderen Flecken Land sei. – Nur wenige sind es, die im Fahnen- und Tränenmeer der „Unterdrückten“ einen kühlen Kopf bewahren.

Madrid, 20. September 2017

Die Temperaturen sind angenehm: Um die zwanzig Grad am Vormittag, dann etwas wärmer nach dem Mittag. Es fehlt der Regen, wie so oft im September (obwohl es, als wir noch in Berlin waren, einmal zwei Tage lang geregnet haben soll).

Gestern Abend war ich zu müde zum Lesen oder für anderes, weshalb wir uns auf Amazon Prime eine dümmliche amerikanische Komödie angeschaut haben; solche, stellte sich heraus, sind ideal für Abende an denen man sonst nichts mehr tun mag. Ein Lacher pro Minute genügte; über alles andere sahen wir großzügig hinweg. Man könnte meinen, damit verschwende man einen Abend, aber wenn man sich einen guten Film anschauen würde, wäre es eher so, dass man einen Film verschwenden würde. Ich habe bisher über das Filmegucken zum “abschalten” die Nase gerümpft – gestern Abend aber ging es mir genauso.

Heute dann fuhr ich zum Mittagessen mit der Metro bis Cuzco, wo ich mich mit Abel traf. Wir spazierten von der Castellana zur Bravo Murillo, überquerten also einer jener unbewachten aber gut sichtbaren Grenzen, welche in jeder westlichen Großstadt zwischen guten und schlechten Quartieren verlaufen. Natürlich befinden wir uns hier in Madrid, nicht den USA – das heißt, die Grenze ist subtil und zunächst nur für den aufmerksamen Spaziergänger sichtbar. Auf der Schattenseite der Grenze aßen wir bei einem Chinesen. Das Menü war billig und gut, aber ein anderer Gast war mit dem Service nicht zufrieden und schrie den chinesischen Wirt an: „Scheiß-Chinesen, ihr kommt nur nach Spanien um zu stehlen!“ Das Merkwürdige dabei war, dass der verärgerte, vom Personal vor die Tür gejagt Gast selbst in einem ausländischen Akzent sprach (oder besser gesagt schrie), den die meisten Spanier nicht unbedingt mit einem guten (sprich gesetzestreuen und steuerzahlendem) Bürger in Verbindung bringen würden.

Beim Essen ein Gespräch über Katalonien. Ein typischer Fall, welcher der auch unter Normaldenkern populären marxistischen These, wonach jeder Fall von Revolution, Aufstand oder auch nur Unruhe eine Folge systematischer Unterdrückung sei (– one man’s terrorist is another man’s freedom fighter kind of BS). Im Falle der katalanischen Unabhängigkeitsbewegung handelt es sich aber keineswegs um Unterdrückung, sondern schlichtweg um die Massenpsychose einer gelangweilten Volksmasse. Selbstgerechtes Demonstrieren und Revolutionieren als eine Form von postmodernen Brot und Spielen.

Der Bajazzo (Thomas Mann)

Ich lese die Erzählung „Der Bajazzo“ des dreiundzwanzig-jährigen Thomas Mann. Ein dreißig-jähriger Ich-Erzähler, der trotz seiner jungen Jahre bereits wie ein auf das Leben Zurückblickender schreibt. Einer der nichts anstrebt; der, von Hause aus mit etwas Geld ausgestattet, nach dreijähriger Reise durch Europa sich in ein ruhiges, kontemplatives Leben zurückzieht: Lektüre, Konzerte, Theater. Einer der die Kunst emotional auf sich wirken lässt, der sich ansonsten aber auf Distanz zum Leben hält. Einer der sowohl schwindelerregende Höhen, wie auch angsteinflösende Tiefen meidet. Mann beschreibt, wie er sich nach den Wanderjahren zurück in einer deutschen Stadt ein gemütliches Zimmer eingerichtet hat, ihm Lehnstuhl am Fenster sitzt, seine Bücher und die Fotos von der hinter sich gebrachten Reise betrachtet, dann den Kopf etwas dreht und zufrieden herunter auf das Treiben in der Gasse schaut. Diese Position des Beobachters und Nichteinmischers: aus dem Privaten heraus ins Öffentliche.

Dieser Mann steht mir recht nahe. Auch ich habe zeitweise so gelebt und neige manchmal nach wie vor zu Idealisierung des kontemplativen, no-drama Lebens. Allerdings habe ich auch gelernt, dass ein solches nur erfolgreich führbar ist, wenn man es mit zweierlei verbindet: Erstens wenn man weder Berg noch Tal ausweicht und bei Bedarf auch ins kalte Wasser springt (no drama bedeutet also keinesfalls no emotions); und zweites wenn man etwas anstrebt. – Auch der Stoiker sollte so leben, als liege versteckt im Gewebe der Realität eine tiefere Bedeutung, die es zu entdecken gelte – oder besser gesagt: vor allem der Stoiker sollte so leben, denn wer wenn nicht er verfügte über das nötige Rüstzeug, den tieferen Sinn im scheinbar Zufälligen zu finden?

Madrid, 4. September 2017

Darüber mag ich schon geschrieben haben, aber es ist ein wichtiger Gedanke und sollte deshalb auch in mehreren Versuchen zu Papier gebracht werden.

Eine Säule des wissenschaftlichen Denkens ist, dass etwas nicht gleichzeitig wahr und unwahr sein kann. Bereits vor Millionen von Jahren zwang die Evolution das entstehende Gehirn dazu, zwischen wahr und unwahr zu unterscheiden und nicht beides gleichzeitig gelten zu lassen. Entweder steht dort vorne ein Säbelzahntiger, dann laufe ich in die andere Richtung, oder es steht dort nichts dergleichen, dann gehe ich weiter meines Weges. Wären unsere Vorfahren zu dieser Entscheidung nicht fähig gewesen, würden heute keine Gehirne existieren, welche solche Gedanken überhaupt anstellen könnten. Die Fähigkeit Zustände klar voneinander unterscheiden zu können ist heute natürlich auch die Basis wissenschaftlichen Denkens. Wissenschaftler entwickeln Thesen, testen sie und bejahen oder verwerfen sie dann. Das Leben wie wir es kennen, und zwar vom Einfachsten bis zum Komplexesten, wäre ohne diese Säule der Erkenntnisgewinnung nicht möglich.

Trotzdem bereit diese Grundlage unseres Menschseins uns aber auch gewisse Schwierigkeiten. So kommt es zwischen Menschen und Menschengruppen immer wieder zu großen und sogar katastrophalen Schwierigkeiten, weil sie die Welt und die Dinge in ihr aus unterschiedlichen Perspektiven betrachten und von dieser so überzeugt sind, dass sie andere Sichtweisen daneben nicht gelten lassen können. Wiederum ist das Spektrum dabei sehr breit; es geht vom Alltäglichen zum Metaphysischen. Auch psychologisch kann man auf schwieriges Gelände geraten: Wie wir wissen, kann man nicht gleichzeitig für und gegen etwas sein – und trotzdem finden wir uns immer wieder in solchen Situation (wobei wir diese aber meistens einfach ignorieren und zum Zwecke der Sicherung der eigenen Position im sozialen Gefüge die allgemein erwartete Meinung gegen außen vertreten und die andere verkümmern lassen, damit sie nicht zur Neurose werde).

Nun ist die Realität in Wahrheit, sprich auf der zur Zeit tiefsten von uns erfahrbaren Ebene, der Quantenebene, aber keineswegs eine Welt des Entweder-Oder. Die Quantenphysik kennt keinen klaren Zustand eins oder null. Ein unbeobachtetes Teilchen enthält das Potential zu eins und zu null und erst die Beobachtung des Teilchens zwingt es in die eine oder andere Position (was aber keineswegs heißt, dass es sich schon vorher dort befand). Es ist also so, dass für uns Menschen der Apfel entweder am Baum hängt oder nicht, dass auf einer höheren Ebene diese Klarheit aber nicht besteht. Als Beobachter haben wir also den entscheidenden Einfluss auf die Position des Apfels.

Dies ist ein tröstlicher Gedanke. Es passiert mir nämlich manchmal, dass ich zwei sich eigentlich ausschließenden Dinge gleichzeitig für wahr halte. Dabei kann es sich um einfache Meinungen zu aktuellen Themen, aber auch um tiefere metaphysischen Fragen handeln. Manchmal hat das wohl einfach damit zu tun, dass ich mich nicht entscheiden kann und die Pro- und Contra-Argumente in meinem Kopf im Gleichgewicht liegen. Doch glaube ich auch, dass es tatsächlich Fragen gibt, welche auf der Oberfläche ein Entweder-Oder erfordern, deren wahre Gestalt aber mehr dem Quantenteilchen gleicht, welches die Potenzialität für beide Zustände enthält.

Praktisch gesehen bedeutet diese Erkenntnis, dass man mit Widersprüchen im eigenen Denken (und Handeln) zu leben lernen sollte. Denn was auf der tiefen, dem Menschenhirn verständlichen Ebene paradox erscheinen mag, kann auf einer höheren Ebene durchaus Sinn machen. Und natürlich schafft diese Flexibilität mit der Wahrheit auch Raum für die ernsthafte Auseinandersetzung mit Mythen und Geschichten. Man muss nicht jeden Denkschritt wissenschaftlich gesichert wissen. Auch tiefere Wahrheiten, deren Ursprung im Nebel der Vergangenheit liegt, dürfen zu Rate gezogen werden.

Café Tasso

Gestern Besuch im Café Tasso. Vor acht Jahren hatte ich oft im Tasso gearbeitet. Dort entstanden meine ersten drei zwar fertiggestellten (jedoch längst schubladisierten) Langfilm-Drehbücher: Block 913, Alien Wedding und Storm & Sandman. Es ist somit eine Art Basislager, von wo aus ich zum ersten Mal Aufstiege in unbekannte Höhen unternahm. Gestern nun war ich wieder am Ort des Geschehens und stellte fest, dass er sich kaum verändert hatte.

Das Tasso liegt an der einstmaligen Stalinallee, einer breiten Achsenstraße welche seit dem Mauerfall Karl-Marx-Allee und weiter östlich Frankfurter Allee heißt. Sie beginnt am Alexanderplatz und führt zunächst an Plattenbauten aus den sechziger Jahren vorbei; weiter im Osten weichen die Wohnsilos dann mächtigen, im Stile des Sozialistischen Klassizismus erbauten Blöcken. Es sind hohe Gebäude mit dicken Mauern und klaren Linien. Sie erinnern an Verwaltungsgebäude eines zentral geführten Landes, in dem sich die Staatsmacht in der Architektur niederschlägt. Manch uninformierter Besucher wird die Häuser vielleicht für Nazi-Bauten halten. Aber natürlich glaubten auch die Kommunisten an ein tausendjähriges Reich und bauten entsprechend.

Das Café Tasso liegt in einem kleinen Lokal unter einem dieser monumentalen Blöcke. Vor dem Café verläuft ein großzügiger Bürgersteig an den sich ein breiter Grasstreifen anschließt, welcher die dahinter liegende, sechsspurige Durchgangsstraße weit in den Hintergrund drängt. Es ist viel Raum hier. Der Fußgänger wird nicht zur Seite gedrängt. Die klotzigen Gebäude erdrücken ihn nicht.

Das Tasso ist nicht nur Café sondern auch Antiquariat, weshalb auf dem Bürgersteig vor dem Lokal sowohl Tische und Stühle als auch Bücherkisten stehen. Vor acht Jahren war das Büchersortiment noch sehr durchmischt. Es bestand in weiten Teilen aus längst vergessenen Romanen und vom Laufe der Zeit überholten Sachbüchern. Unterdessen aber sind die Bücherregale bestens ausgestattet. Versteckt im Keller – beinahe ein Geheimtipp! – findet man drei Räume voller Literatur und Sachbücher. Es gibt ganze Regale für Klassiker aus verschiedenen europäischen Kulturen, für Lyrik, Theater und Geschichte.

Das Café selbst unterscheidet sich von den in Berliner Szenevierteln vorherrschenden Lokalvarianten: Es ist eben kein Szenelokal, weder ein falsches noch ein echtes. Weder ein Hipstercafé noch ein auf anti-Kommerz gestyltes Kommerzlokal. Das Tasso schwebt über diesem Einheitsbrei. Es ist einfach nur Café, Antiquariat und abends auch Veranstaltungsraum für Kunst, Gesellschaft und Musik. Ich arbeite nicht mehr in Cafés, aber ich sitze immer noch gerne im Tasso. Würde ich in der Nähe wohnen, wäre es der ideale Ort um am Morgen Kaffee zu trinken und Zeitung zu lesen.