Berlin, 25. August 2017

Lektüre: Ich habe Horizont von Patrick Modiano fertig gelesen, wollte mir danach eigentlich Unterwerfung von Michel Houllebecq kaufen, entschloss mich dann aber dazu, eines der in Gossau auf Vorrat erstandenen Bücher in die Hand zu nehmen. Ich habe soviel Bücher im Gepäck, dass ich bis Ende Jahr versorgt sein sollte. Ich bewies also Disziplin und begann Der Aufstand der Massen von Ortega y Gasset zu lesen.

Modiano ist ein alter Liebling von mir. Ich habe ihn früher, fast zwanzig Jahre ist es her, oft auf Französisch gelesen. Horizont war also eine Rückkehr und mein erster Modiano in deutscher Übersetzung. Es war ein brandneues, gebundenes Exemplar aus der Gebrauchtbuchhandlung, offensichtlich nach dem Nobelpreis als Geschenk gekauft und nie gelesen. Es hat mich nicht begeistert. Vielleicht mochte ich ihn damals in Paris so sehr, weil er gut verständlich schreibt und mir so das Gefühl verlieh, ausgezeichnet Französisch zu verstehen … Oder weil ich damals noch Paul Auster und Haruki Murakami las, mit denen Patrick Modiano zwar nicht vergleichbar ist, aber trotzdem etwas gemeinsam hat, nämlich die ruhige, einsame Stimme des Ich-Erzählers. Und natürlich hat diese Stimme, die den Leser im Falle Modianos über die Grenzen von Gegenwart und Vergangenheit, von Traum und Wirklichkeit schmuggelt, etwas Meditatives. Man wird sanft mitgenommen auf einen nie endenden Spaziergang durch das Paris aller Epochen (immer auch durch das Paris der Besetzungs- und Nachkriegsjahre). Trotzdem war Horizont vielleicht mein letzter Modiano. Zurückbleiben wird nicht viel. Der sanfte Wortfluss hinterlässt kaum Ablagerungen …

Gestern dann Umzug von Friedrichshain in den Wedding. Der Wedding, zumindest die paar Straßenzüge, in denen ich mich bewegte, sind noch ein Arbeiter- und Einwandererquartier. Fast alle Lokale an denen wir auf dem kurzen Weg von der Tramhaltestelle zur Wohnung vorbeikamen, sind Spätkaufläden (Spätis) vor denen ein paar Tische, Stühle und Bänke stehen, an denen Menschen mit Übergewicht und längst vergessen geglaubten Frisuren sitzen und Bier trinken und rauchen. Irgendwo lehnte ein Mann an der Wand und schaut sich auf einem iPad in aller Lautstärke türkische Musikvideos an. Aber der Prenzlauer Berg liegt gleich auf der anderen Seite der Geleise und die schleichende Migration Richtung Norden hat längst begonnen. Das Lokal in unserem Gebäude ist kein Späti mehr, sondern hat Quesadillas und Ähnliches auf der Karte stehen – alles natürlich auch vegetarisch. Auch Bürogemeinschaften in denen designt, kreiert, digitalisiert und was man in Berliner Bürogemeinschaften sonst noch so tut, sind mancherorts zu sehen.

Am Abend dann waren wir bei Freunden aus alten Zeiten. Sie wohnen immer noch in derselben Wohnung wie damals, die sich aber unterdessen, zu Pepis’ Freude, in ein Kinderparadies verwandelt hat.

In der Nacht ein merkwürdiger Traum, ein Flickwerk aus seltsamen Bildern. Wie so oft wohnte ich in einem Haus mit durchlässigen Mauern, durch welche Gestalten aller Art eindrangen. Jemand – in diesem Fall ein alter Schulkamerad – trat über eine öffentliche Toilette mit einer zweiten Tür direkt in meine Stube. Ein sich auflösender Stadtplan von Madrid lag auf dem Boden. Rätselhafte Zeichen am Himmel: Fliegende Untertassen.

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